Fasten – gesunde Auszeit oder gefährlicher Unsinn?

In den Buchhandlungen stapeln sich zurzeit Titel zum Thema Heilfasten. Eine Zeitlang die Nahrungsaufnahme massiv zu reduzieren, liegt im Trend.

Peter Schmid (l.) praktiziert in Rapperswil als Chirurg und diplomierter F.-X.-Mayr-Arzt: Er ist von der gesundheitsfördernden Wirkung des Heilfastens überzeugt. Sven-David Müller (r.) schrieb das Buch «Gesundheitsrisiko Heilfasten» (Schlütersche) und warnt vor den Risiken regelmässigen Fastens.

Peter Schmid (l.) praktiziert in Rapperswil als Chirurg und diplomierter F.-X.-Mayr-Arzt: Er ist von der gesundheitsfördernden Wirkung des Heilfastens überzeugt. Sven-David Müller (r.) schrieb das Buch «Gesundheitsrisiko Heilfasten» (Schlütersche) und warnt vor den Risiken regelmässigen Fastens.

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Um Pfunde zu verlieren, sich innerlich zu reinigen oder auch aus religiösen Gründen. Doch so sinnvoll Heilfasten auf den ersten Blick scheint, es ist nicht unumstritten. Wir lassen zwei Experten zu Wort kommen.

«Heilfasten regeneriert»

Der Rapperswiler Chirurg und Ernährungsmediziner Peter Schmid erklärt, warum er fürs Fasten ist:

«Richtig durchgeführtes Heilfasten ist sinnvoll. Es regeneriert den Köper, indem es die körperlichen Stoffwechselvorgänge in Schwung bringt. Damit man gesund bleibt und wird, genügt es nicht, die Ernährungsgewohnheiten umzustellen. Es ist ein Reinigungsprozess nötig, und genau diesen stellt das Heilfasten dar. Zum einen wird durch die veränderte Nahrungsaufnahme der Darm geschont und für einmal nicht mit schwer verdaulichen Speisen belastet. Gleichzeitig wird er entgiftet, indem der Fastende die Ausscheidung mit Abführmitteln fördert. Darauf reagiert der Körper, indem er sofort sämtliche üblen Stoffe ausscheidet. Stellen sich Kopfschmerzen oder Übelkeit ein, ist das ein Zeichen dafür, dass Giftstoffe ausgeschieden werden. Gewöhnungsbedürftig ist während dieser vier bis zehn Tage, dass man etwas übel riecht. Doch Basenmittel schaffen Abhilfe, indem sie die durch die Fastenkur eingetretene Übersäuerung im Zaum halten.

Ist diese «Fastenkrise» überstanden, fühlt man sich sofort besser. Der Bauch ist nicht mehr gebläht, die Haut wird reiner, die Stimmung steigt, und chronische Beschwerden bessern sich. Eine meiner Patientinnen wurde mittels Fasten sogar ihre schmerzenden Knieprobleme los. In meiner langjährigen Tätigkeit als Chirurg habe ich erfahren, dass manche chronische Erkrankungen auf Dauer nicht durch Eingriffe behoben werden, sondern nur mit richtiger Ernährung.

Sicher gibt es beim Thema Heilfasten viele Missverständnisse, doch erlebe ich bei Patienten, die regelmässig kuren, nur Erfolge. Der österreichische Arzt Franz Xaver Mayer (1875–1965) entwickelte seine Kur aufgrund der Beobachtung, dass wir den Darm überfordern. Fester Bestandteil ist die Reinigung mit Bittersalz, das eine gallentreibende Wirkung hat. Die Folge: Der Darm verliert seine Trägheit. Die Kur selbst reicht von der Milch-Semmel- bis hin zur milden Ableitungsdiät. Zwei oder drei Wochen wird auf Süssigkeiten, Frittiertes, Rohkost und Genussmittel wie Kaffee verzichtet. Wie die Kur ausfällt, hängt von der jeweiligen Konstitution ab. Übergewichtige bekommen am Anfang Semmeln, Milch und eine Eiweisszulage. Schlanke erhalten gedämpfte Kost, viel Gemüse und gesunde Fette. Sehr wichtig ist es, die Kurenden zu einem anderen, nachhaltigen Essverhalten anzuleiten. Etwa langsam und gut zu kauen. Auf diese Weise spüren sie den Sättigungseffekt wieder und essen weniger. Und dass sie sich abends zurückhalten, denn nachts ist die Verdauungstätigkeit auf ein Minimum reduziert. Dann sind höchstens Darmbakterien aktiv, die Fäulnis- und Gärungsprozesse einleiten, deren Produkte hochgiftig sind.»

«Heilfasten macht dick»

Der deutsche Diätexperte und bekannte Medizinpublizist Sven-David Müller führt Gründe dagegen an:

«Wer regelmässig fastet, wird auf Dauer dick. Das ist wissenschaftlich bewiesen und nur ein Grund, der gegen diese meist kalorien- und eiweissarmen Kuren spricht. Fehlt es an Eiweiss, werden Muskeln abgebaut. Wer zusätzlich noch Sport treibt, verliert noch mehr davon. Doch Muskeln sind die wichtigsten energieverbrauchenden Organe und verbrennen selbst im Ruhezustand Kalorien. Eine Fastenkur führt also dazu, dass der Grundumsatz sinkt. Isst man anschliessend wieder normal, fehlt der Energieverbrauch der Muskeln, und der Körper lagert die überschüssige Energie in Form von Fett ein.

Übrigens: Auch das Herz ist ein Muskel und wird bei Fastenkuren in Mitleidenschaft gezogen. Somit begeben sich Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die für einige Zeit auf Nahrung verzichten, sogar in Gefahr. Fastenbefürworter behaupten, dass dabei Schlacken im Körper abgebaut werden. Doch die existieren nur in den Köpfen derjenigen, die mit dem Thema Geld verdienen wollen. Allenfalls kommt es beim Fasten zu einer Art Vergiftung, wenn der Körper in Fettzellen eingelagerte Schadstoffe ausscheidet. So dürfen stillende Frauen nicht fasten, sonst werden die Gifte über die Muttermilch ans Kind abgegeben.

Für wichtige Mineralstoffe wie Kalzium oder Zink hat unser Körper keine Speicher. Sie müssen also täglich zugeführt werden. Doch wer längere Zeit nicht oder nicht ausreichend isst, erlangt einen Zustand der Mangelernährung. Die Folgen: Zahnfleischbluten, Haarausfall, Hautentzündungen, Müdigkeit oder Infektanfälligkeit. Ausserdem funktioniert unser Gehirn nur optimal, wenn es entsprechend versorgt wird. Viele Botenstoffe dort werden auf der Basis von Aminosäuren gebildet, doch das benötigt eine ausreichende Versorgung mit Eiweiss. Somit droht Menschen mit psychischen Erkrankungen beim Fasten das Risiko einer Depression, die ja durch einen Mangel an bestimmten Botenstoffen ausgelöst wird.

Die meisten fasten, um Gewicht zu verlieren, doch wie soll man durch Nichtessen lernen, wie man sich vernünftig ernährt? Auch kenne ich keinen seriösen Arzt, der sagt, dass Fasten sinnvoll ist. Wäre es ein Medikament, wäre es aufgrund seiner vielen Nebenwirkungen verschreibungspflichtig oder verboten.

Persönlich ist für mich Fasten Blasphemie angesichts der Tatsache, dass viele Menschen zu wenig zu essen haben oder sogar verhungern. Allenfalls in der Form, wie es die Kirchen empfehlen, halte ich es für gut. In dieser 40-tägigen Busszeit verzichten Gläubige auf Alkohol, Süssigkeiten, Fleisch und Völlerei. So eine Auszeit tut gut und geht in Richtung Besinnung auf wichtige Dinge. » (Berner Zeitung)

Erstellt: 28.03.2011, 16:57 Uhr

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