Hungrige Augen

Das Fotografieren und Ansehen von Essen – genannt Foodporn – gehört zum Alltag vieler Menschen. Mittlerweile lässt sich damit in sozialen Medien gut Geld verdienen.

Erst fotografieren, dann ins Netz stellen, dann essen: Millionen teilen ihre Mahlzeiten erst mit der Welt und dann mit den Tischnachbarn. Foto: Gallery Stock

Erst fotografieren, dann ins Netz stellen, dann essen: Millionen teilen ihre Mahlzeiten erst mit der Welt und dann mit den Tischnachbarn. Foto: Gallery Stock

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Das Internet schafft erstaunliche Bildwelten: Katzenporträts, Kübel voller Eiswürfel, Fotos dünner Oberschenkel. Dazu Essen, Unmengen von Essen.

Derzeit verspüren Millionen Menschen das Bedürfnis, Nahrung zu fotografieren oder sich Fotos von Nahrung anzusehen. Im Internet hat sich dafür der Name Foodporn eingebürgert, ein Mischwort aus Essen und Pornografie. Unter dem entsprechenden Hashtag finden sich auf dem Fotodienst Instagram über 92 Millionen Bilder (vor einem Jahr waren es noch 54 Millionen). Es gibt unzählige Blogs, die ein einziges Motiv zeigen: aufwendig drapierte Gerichte. Die Kommentare dazu klingen wie Untertitel eines Pornofilms: «Yummmmmi», «Wooow», «Yessss!».

Erfunden hat den Begriff die Feministin Rosalind Coward im Jahr 1984. Die folgenden zwei Jahrzehnte brauchte man ihn zur Beschreibung von Hochglanzbildern, die ungesundes Essen bewarben. Im September 2004 eröffnete die Bildplattform Flickr eine Kategorie «Foodporn» für Essensfotos jeglicher Art. Seither vervielfacht sich deren Menge jedes Jahr.

Eine, die dazu beiträgt, ist Heike Müller, die in der Nähe Zürichs wohnt. Fast jeden Tag bereitet sie ein vegetarisches Gericht zu, fotografiert es und lädt das Bild auf ihr Instagram-Profil (@tastyasheck). In eineinhalb Jahren hat sie so 121000 Abonnenten gewonnen. «Ich bin mit einer schönen Tischkultur aufgewachsen. Da ich mich auch für soziale Medien und Trends interessiere, liegt mir das Experimentieren mit Essensbildern.» Müller rechnet damit, dass Accounts wie der ihre in den nächsten Jahren noch viel mehr Menschen erreichen. «Das ist ein Riesentrend.»

Eine letztjährige Umfrage aus den USA ergab, dass 63 Prozent aller 13- bis 32-Jährigen schon mindestens ein Foto von Essenwaren oder Getränken aufgeschaltet haben. 57 Prozent veröffentlichen auf den sozialen Medien regelmässig Bilder von Mahlzeiten, bevor sie diese verspeisen.

Längst haben Restaurants auf die Vorliebe reagiert: Manche verbieten das Fotografieren mit Blitz oder Stativ, weil dies andere Gäste störe. Andere versuchen, die Entwicklung für sich zu nutzen. So serviert ein Restaurant in Tel Aviv nur noch Gerichte, die sich leicht fotografieren lassen. Dazu ermuntert es seine Gäste, diese Fotos auf ihren Profilen zu veröffentlichen.

Auch die Industrie will profitieren. Heike Müller erhält fast täglich Sponsoringanfragen. Nahrungsmittelhersteller möchten, dass Müller ihre Produkte beim Kochen verwendet und neben den Fotos darauf hinweist. So erreichten Firmen gezielt mögliche Kunden. «Wenn ich wollte, müsste ich fast nichts mehr selber kaufen und könnte gut Geld verdienen», sagt Müller. Sie nehme aber nur wenige Angebote an. Ihr gehe es um den Spass. Einen Job habe sie schon, das Profil betreue sie in ihrer Freizeit.

Noch nie war Essen in der westlichen Welt so leicht zugänglich. Die Schweizer brauchen gerade sechs Prozent ihres Einkommens zur Beschaffung von Kalorien. Um einen vollen Bauch muss sich niemand sorgen. Doch die Augen sind noch längst nicht satt. Dabei kann man sich durchaus Aufregenderes vorstellen als Tausende Fotos von Blaubeer-muffins oder Sushiröllchen.

Nun versuchen Wissenschaftler zu ergründen, warum so viele Menschen Bilder bestaunen von Esswaren, die sie selber gar nicht essen können. Und Soziologen spekulieren darüber, wie sich Foodporn auf die Konsumenten auswirkt. Einigkeit gibt es dabei keine, die Theorien gehen weit auseinander.

Die Exhibitionismus-These

Die sozialen Medien fördern einen Rundum-Exhibitionismus. Wenn man sein ganzes Leben öffentlich ausbreitet, gehört auch die Ernährung dazu. Foodporn ist aus dieser Sicht nur ein kleiner Teil einer umfassenden Selbstentblössung.

Die Vogelei-These

Manche Forscher führen die Verlockung visueller Nahrung auf einen biologischen Reflex zurück. Dabei berufen sie sich auf Experimente des Biologen Nikolaas Tinbergen. Er fand heraus, dass Tiere stark auf grelle, intensive Reize reagieren, selbst wenn diese künstlich erzeugt werden. So ignorierten Vogelmütter ihre eigenen Eier, um in einem Nest zu brüten, in das Tinberg grössere, farbigere Kunsteier gelegt hatte. Daraus schloss er, dass eine übertriebene Nachahmung stärkere Anziehung ausübt als der imitierte Gegenstand selbst.

Dieser Effekt – auf Menschen übertragen – mache herkömmliche Pornografie so beliebt, sagen die Verhaltensforscher. Und er spiele auch bei der kulinarischen Variante. Erst ihre aufgeputschte Ästhetik mache Foodporn-Bilder zum optischen Genuss. Tatsächlich wirken viele davon – zumindest professionelle – überzeichnet: Salate leuchten sattgrün, Früchte knallbunt, Saucen glänzen wie Lack.

Auch Heike Müller achtet auf eine «ästhetische Inszenierung» der Speisen, vor allem die starken Farben fallen auf bei ihren Fotos. Sie verzichte aber darauf, ihre Gerichte in künstliche Szenerien einzubetten, wie das andere tun, sagt Müller. «Es muss realistisch bleiben. Ich esse ja nachher alles.»

Die Genusssteigerungs-These

Menschen, die ihr Essen vor dem Zugreifen abbilden, nehmen dieses danach bewusster zu sich. Das behauptet eine amerikanische Studie. Durch das Fotografieren würden Foodporn-Produzenten den ersten Bissen künstlich hinauszögern, in dieser gewonnen Zeit bauten «alle Sinne die Vorfreude auf den Genuss» auf. Kurz: Fotografiertes Essen schmeckt besser als nicht fotografiertes.

Kritiker behaupten das Gegenteil: Mit dem Fotografieren zerstöre man die sinnliche Einheit einer Mahlzeit, den geschmeidigen Ablauf eines Gelages – ähnlich wie man durch das Zücken der Kamera den zarten Zauber eines Sonnenuntergangs verscheucht.

Die Identitäts-These

Manche Beobachter bescheinigen westlichen Gesellschaften ein fast gestörtes Verhältnis zur Nahrungsaufnahme. Übergewicht, Fleischskandale, verheerende Umweltbilanzen, Tierleid und Allergien haben dem Essen seine Unschuld genommen. Was früher einfacher Genuss war, hat sich zum Problem verkompliziert. Viele Menschen setzen sich gewissenhaft mit Herkunft und Auswirkungen ihrer Nahrung auseinander. Dabei kann man auch zu weit gehen. In den USA gibt es bereits eine Diagnose (Orthorexie) für Menschen, die an ihrer Verkrampfung auf gesundes Essen erkranken.

Wer seiner Ernährung grosse Bedeutung zumisst und sie als Teil seines Weltbilds betrachtet, hat längst einen eigenen englischen Namen: Foodie (ausgesprochen «Fuuudi»). Foodies sind die demokratischere Variante der Gourmets. Wie diese streben sie nach kulinarischer Vervollkommnung, sie tun dies aber umweltbewusster, schlanker und weniger elitär.

Das Aufschalten und Ansehen von Nahrungsfotos gehört zu einem solchen Lebensentwurf wie das Austauschen von Buchtipps für Intellektuelle. Durch Foodporn versichern sich Foodies ihrer Identität und besetzen einen Platz innerhalb ihrer Gemeinschaft. «Über mein Instagram-Profil lerne ich ständig Leute kennen, die sich mit ähnlichen Dingen beschäftigen», sagt Heike Müller. Die meisten davon hätte sie sonst nie getroffen. «Diese Vernetzung schätze ich.»

Selbstfindung über den Magen hat längst die Popkultur erfasst. Die erwähnte amerikanische Studie ergab, dass junge Leute auf ihren Profilen häufiger Bilder von Essen zeigen als neue Kleider oder Accessoires. Essen hat die Mode als Mittel zur Selbstdarstellung eingeholt. Im 21. Jahrhundert gilt: Kalorien machen Leute. Früher richteten sich Kochsendungen an Hausfrauen, Gourmets waren ältere, voluminöse Herren. Heute treten Popstars in Kochshows auf, selbst elitäre Modezeitschriften wie die «Vogue» drucken Rezepte ab.

Dank des hohen Ansehens lässt sich Essen leicht als Statussymbol einsetzen. Foodporn-Bilder können dazu dienen, sich von der Masse abzuheben. Man führt vor, in welchen tollen Restaurants man sich welche tollen Gerichte gönnt – Gerichte, die sich viele andere nicht leisten können.

Die Verbesserungs-These

Die Deuter von Foodporn teilen sich in Optimisten und Pessimisten; dabei folgen die Debatten ähnlichen Argumentationslinien wie jene über herkömmliche Pornografie. Optimisten loben Foodporn als Anregung zum besseren, abwechslungsreicheren Kochen. Die Konsumenten bekommen neue, oft gesunde Gerichte zu sehen. Dadurch entwickeln sie den Ehrgeiz, selber solche zu kochen. Dies führe zu einer gesünderen, verfeinerten Ernährungsweise.

Die Vernachlässigungs-These

Pessimisten sagen, dass viel Foodporn –etwa jener, den das Food-Netzwerk von Snapchat verbreite – hohe Dosen an Zucker und Fett enthalte. So förderten die Bilder schädliches Essverhalten. Andere schreiben Foodporn eine abschreckende Wirkung zu. Die Fotos ausgeklügelter Gerichte erschüfen unerreichbare Hochglanzwelten. Vielen Hobbyköchen fehlten die Mittel und Fähigkeiten, Ähnliches fertigzubringen. Die Perfektion der vorgeführten Mahlzeiten entmutige Nachahmer. Sie begnügten sich mit Anschauen und vernachlässigten ihre tatsächliche Ernährung.

Durch seine Eindimensionalität reduziere Foodporn das Essen zudem auf sein Aussehen. Geschmack und umweltfreundliche Produktion verlören an Bedeutung, allein das Äussere zählt. So verliere das Essen seine «inneren Werte», entrücke in eine fiktive Sphäre. Esswaren, die gesund aber weniger fotogen sind, blieben in den Regalen liegen.

Eine Minderheit kocht nach

Heike Müller geht davon aus, dass nur eine kleine Minderheit ihrer Follower die Gerichte nachkocht. «Die meisten freuen sich ein paar Sekunden lang über das Bild. Dann klicken sie weiter.» Ihre Vorschläge vegetarischer Menüs bewegten wohl auch niemanden zum Fleischverzicht. Darin liege auch gar nicht ihr Ziel, sagt Müller. «Ich bin keine Predigerin. Aber es ist schön, wenn sich einige von mir inspirieren lassen.»

Auf jeden Fall kann das Aussehen auch beim Essen trügen. Das haben zwei holländische Jux­reporter kürzlich am Fernsehen vorgeführt. Auf einer Gourmetmesse verteilten sie Hamburgerhäppchen; kleine Portionen, edel präsentiert, mit Biolabels beflaggt. Die gefilmten Probanden schwärmten von einer runden Gaumenerfahrung, gewöhnlichem Fast Food weit überlegen. Was sie nicht wussten: Die Häppchen waren nichts anderes als besonders schön hergerichtete McDonald’s-Burger.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.06.2016, 19:17 Uhr

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