Ich bin ein sehr schlechtes Produkt

Sind Farbcodes auf Lebensmittelverpackungen eine Bevormundung oder willkommene Hilfe?

Bunt ist besser: Ampelfarben auf Lebensmitteln in Grossbritannien. Foto: Alex Segre (Alamy)

Bunt ist besser: Ampelfarben auf Lebensmitteln in Grossbritannien. Foto: Alex Segre (Alamy)

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Anschnallen im Auto, nicht rauchen am Arbeitsplatz, Helm aufsetzen als Töfffahrer: Der Mensch ist leider leichtsinnig und muss vor sich selbst beschützt werden. Liesse man ihn gewähren, er würde sich und andere beschämen und beschädigen. Nacktwandern, Zugsurfen, Dynamitfischen – frage nicht.

In manchen Situationen allerdings möchten wir durchaus vernünftig sein, doch es gelingt uns nicht. Etwa beim Einkaufen: Niemand will aktiv fett werden oder sich Dinge einverleiben, die dem Körper nicht bekommen. Dennoch kaufen wir Tiefkühlpizzas, gesüsste Frühstücksflocken, Streichleberwurst, führen wir uns ein Übermass an Zucker, Fetten, Salzen zu. Das belastet das Gesundheitswesen und schmälert die Stehplätze in Tram und Bus. Todesverachtung, jeden Tag.

Für Konsumentenschützer ist klar, woran das liegt: Unwissen. Der Verbraucher lässt sich täuschen von Verpackung und Verfügbarkeit, vertraut dem populären Grossverteiler, der die Wurst ins Sortiment genommen hat (so schlimm kann die nicht sein), und der Frühstücksflockenschachtel, die Vollkorn und Vitamine anpreist. Das destruktive Potenzial vieler Speisen, so die Konsumentenverbände, ist ungenügend ausgeschildert.

Dass in der Schweiz auf vielen Lebensmittelpackungen seit einiger Zeit Kalorienzahlen grafisch abgebildet sind: geschenkt. Es ist nicht genug. Denn wer vertieft sich im Trubel eines Einkaufs in trockene Statistik? Die Allianz der Konsumentenschutzorganisationen in Bern hat diese Woche klargemacht, was es ihres Erachtens bräuchte: eine Farbkennzeichnung, konkret: die Lebensmittelampel. Die sähe zum Beispiel so aus: Vorn auf der Packung prangen Kreisgrafiken, je eine für Zucker, Fette, gesättigte Fette und Salze. Ist ein Nährwert üppig im Produkt vertreten, wird der entsprechende Kreis rot oder orange eingefärbt. Ist sein Gehalt unbedenklich, wird er grün. Kunden im Supermarkt sollen so auf einen Blick erkennen, was sie sich antun; die Ampel soll eine Entscheidungshilfe sein. Rot heisst Stopp, jenseits aller Sprachbarrieren und Bildungsunterschiede, für Erwachsene wie Kinder.

Und das Olivenöl?

Die Lebensmittelindustrie ist nicht begeistert. Ein Dreifarbensystem sei unterkomplex, erklärte diese Woche die Föderation der Nahrungsmittel-Industrien (Fial) gegenüber der «Tagesschau» von SRF. So sei denkbar, dass plötzlich Vollmilch rot markiert werde, weil sie nun einmal fetthaltig sei.

«Ampeln scheinen wirksamer als Fett- und Zuckersteuer.»

Der Blick über die Grenze aber zeigt: Die Ampel kommt sowieso. Zwar scheiterte 2010 eine EU-weite Regelung am Widerstand der Südeuropäer, die eine Stigmatisierung ihrer olivenölhaltigen Küche fürchteten. Einzelne Staaten aber, etwa Grossbritannien, führten das Ampelsystem seither dennoch ein, auf freiwilliger Basis. Die Ergebnisse scheinen vielversprechender als die Experimente mit Fett- und Zuckersteuern in Dänemark und Finnland, die wegen des grossen Verwaltungsaufwands bereits wieder eingestellt wurden. Die Ampel wird Nachahmer finden.

Dies selbst in der Industrie: Vor kurzem überraschten Coca-Cola, Mars, PepsiCo, Nestlé, Unilever und Mondelez mit der Ankündigung, in Europa eine eigene Ampel auf ihre Produkte drucken zu wollen – nachdem sie sich lange gegen solche Pläne gewehrt hatten. Offenbar gelangte man zur Einsicht: Lieber selber Regeln setzen, als sich regulieren lassen. So wollen Nestlé und andere Hersteller die Nährwerte in ihrer Ampel pro Portion angeben, nicht pro 100 Gramm. Und wie gross eine Portion ist, entscheiden sie selber.

Einen neuen Weg geht Frankreich. Es führt die «Nutri-Score» ein, nach der jede Pizza und jeder Pudding eine Gesamtwertung von A (grün) bis E (rot) erhält, wie ein Frigo im Energierating. Intermarché wie Danone machen mit.

«Grüne» und «rote» Produkte im Regal? Für Schweizer Konsumentenschützer ist so ein Ein­fachlabel kein Thema. Ein wenig soll der Verbraucher selber denken. Wem das zu müh­sam ist, der halte sich an die bewährte Faustregel: Nur Lebensmittel einkaufen, die auch die Grossmutter als Lebensmittel erkennen würde.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.12.2017, 20:21 Uhr

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