Ist es stilvoll, vegan zu leben?

Die Antwort auf eine Stilfrage zu einer ostentativ zelebrierten Ernährungsform.

Mit Fleisch und Blut: Peta-Protest für vegane Ernährung in Frankfurt. Foto: Michael Probst (Keystone)

Mit Fleisch und Blut: Peta-Protest für vegane Ernährung in Frankfurt. Foto: Michael Probst (Keystone)

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Ich möchte mich nicht als ungehobeltes Ärgernis durchs Leben pflügen, deshalb lese ich die Stilfrage. Nach der Lektüre Ihrer Antwort von letzter Woche bin ich nun aber verunsichert und hoffe auf Ihre Hilfe. Ich lebe möglichst ohne tierische Produkte, aus den allseits bekannten Gründen. Bin ich nun eine eingebildete Hobbyveganerin und muss mich schämen, weil ich mir ab und zu Honig einverleibe? Wäre ich rehabilitiert und eine echte respektable Veganerin, wenn ich auch noch für den Bienenhonig ein Alternative wählen würde? Aber meine allerwichtigste Frage: Ist es überhaupt stilvoll, vegan zu leben? Wäre es vielleicht besser, ein anderes Hobby zu suchen?
V. St.

Liebe Frau St.,
oh, das ist mir jetzt nirgends recht: dass Sie Kummer haben wegen meiner saloppen Bemerkung mit den Hobbyveganern. Ich gestehe, deswegen etwas zerknirscht zu sein – aber meine latente Boshaftigkeit rührte daher, dass ich seit exakt 28,5 Jahren weder Fleisch noch Fisch esse. Ich bin also Partei in dieser Sache; sie ist für mich so selbstverständlich wie für den Nichtraucher, nicht zu rauchen.

Wenn nun aber vornehmlich der hippe Mitmensch (er trägt Bart und gerne sein Kind auf den Schultern, allerdings nur am Freitagnachmittag; sie ist Impf-Skeptikerin und postet gerne asiatische Lebensweisheiten) mit einem Mal die fleischlose Ernährung entdeckt und sich deswegen wahnsinnig schick findet, dann geht mir das – ich finds ja auch armselig – elend auf die Nerven.

Zumal hinter der ostentativ zelebrierten Ernährungsform meist die Hoffnung steht, Gewicht zu verlieren oder nie zu sterben, was beides überaus egoistisch ist und wenig mit dem zu tun hat, weshalb man auf tierische Produkte ver­zichtet, und das regt mich gleich noch mehr auf.

Vegetarisch oder vegan zu leben ist eine Entscheidung des Herzens. Dahinter steht die Überlegung, dass das Töten ein unsympathischer Akt ist. An dieser Haltung kann nichts stillos sein, weil Bolzenschüssen wenig Eleganz anhaftet.

Bloss: Der Verzicht sollte kein Krampf sein, sondern leichtfüssig vonstatten gehen. Man sollte sich nicht kasteien müssen oder das Fegefeuer fürchten, wenn man nicht konsequent ist, denn es ­beruht ja auf Freiwilligkeit. Man muss ­damit niemandem was beweisen. Man muss es aber eben auch nicht an die grosse Glocke hängen. Es ist eine höchstpersönliche Entscheidung, die zudem auf einer bestechenden Logik beruht. Und über Dinge, die glasklar sind, muss man irgendwie nicht reden.
Bettina Weber


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Erstellt: 19.12.2016, 08:15 Uhr

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