Jetzt wollen sie die ganze Hand

In der Schweizer Gastronomie werden Veganer ernster genommen denn je. Doch offenbar genügt das ihnen nicht.

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Das Thema Veganismus schlägt zurzeit hohe Wellen. Und so weiss inzwischen jeder halbwegs informierte Zeitgenosse, dass Veganerinnen und Veganer auf tierische Produkte wie Wolle, Fleisch, Milch und Eier verzichten. Die Buchhandlungen sind voll mit entsprechenden Rezeptsammlungen, die Gastronomie macht vielerorts mit: Das Spettacolo im Basler Bahnhof bietet vegane Sandwiches an. Das Mishio in Bern führt mehrere vegane Zubereitungen. In Rapperswil wurde Ende letzten Jahres gar ein rein veganes Restaurant eröffnet. Eigentlich erstaunlich, wie viele Betriebe sich auf dieses Kundensegment einlassen. Denn wir sprechen von gerade mal 0,3 Prozent der Bevölkerung, die sich konsequent nach veganen Regeln ernähren.

Dass nun Sentience Politics, unterstützt etwa vom grünen Nationalrat Bastien Girod, in Bern und Basel zwei Volksinitiativen zum Thema lanciert, ist selbstbewusst. Gefordert wird von der Gruppe, dass in städtischen Kantinen täglich ein veganes Menü angeboten wird, sofern mehr als ein Gericht zur Auswahl steht (siehe Beitrag von gestern). Es sieht so aus, als hätte die Gastronomie den kleinen Finger hingestreckt – und die Veganer wollen jetzt die ganze Hand.

Denken wir die Sache mal zu Ende. Es müsste in den Restaurants landauf, landab ganz viel in Bewegung geraten, wenn auch andere Interessengruppen vergleichbare Forderungen stellen würden: Warum kein glutenfreier Mittagsteller, wo doch immerhin jeder Hundertste in der Schweiz an Zöliakie leidet? Und was ist mit den Sellerie-Allergikern? Mit denen, die keine Tomaten, keinen Weisswein, kein Soja vertragen? Nicht zu vergessen: Rund 20 Prozent der Menschen haben eine Form von Laktoseintoleranz. Nun gut, immerhin könnte man behaupten, letztere hätten ja dann die Möglichkeit, ein veganes Menü zu bestellen, weil garantiert keine Milch drin ist. Es ist wohl bloss eine Frage der Zeit, bis die Veganer dieses «Kundensegment» vor ihren Karren spannen, analog zu den Vegetariern, die mit den sogenannten Flexitariern argumentieren. Aber ist es richtig, den Menschen zu seinem Glück zu zwingen? Man darf in diesem Zusammenhang nochmals daran erinnern, dass ein ähnliches Gebaren die Grünen in Deutschland – sie wollten landesweit einen fleischfreien Tag einführen – bei den Wahlen wahrscheinlich viele Stimmen gekostet hat.

Zugegeben, wir alle waren schon einmal in der Minderheit – und jeder von uns war froh, wenn er trotzdem ernst genommen wurde. Doch schon Kant hat sinngemäss erklärt, wie viel Freiheit der Einzelne für sich beanspruchen kann: So viel, dass die Freiheit des anderen nicht tangiert wird. In diesem Sinne: Es ist toll, wenn in der ganzen Schweizer Gastronomie freiwillig vermehrt vegane Gerichte angeboten werden. Weniger toll ist es jedoch, wenn ich Lust auf Fleisch habe und in der Kantine nicht mehr zwischen Poulet-Curry und Rindsbraten wählen kann – sondern Huhn bestellen muss, weil ein Gesetz den Koch zwingt, als Menü 2 einen Tofu-Pilz-Eintopf auf die Karte zu nehmen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.04.2014, 12:17 Uhr

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