Mehr Droge als Frucht

Wann immer wir eine Durian essen, verschlingt sie umgekehrt auch uns. Kein Wunder, die Tropenfrucht hat doppelt so viele Gene wie wir.

Stinkende Offenbarung: Der Duft dieser Tropenfrucht erinnert an Sex und Tod gleichzeitig. Foto: Silvio Knezevic

Stinkende Offenbarung: Der Duft dieser Tropenfrucht erinnert an Sex und Tod gleichzeitig. Foto: Silvio Knezevic

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Zu einer Zeit, als Fledermäuse ihre ersten Flugversuche unternahmen und die Temperaturen auf der Erde so hoch waren, dass in der Antarktis Palmen wuchsen, kam es bei einem primitiven Kakaobaum plötzlich zu einer Mutation, bei der sich die Grösse des Genoms praktisch verdoppelte. Die neu entstandene Pflanze war dadurch unfähig, sich mithilfe ihrer nächsten Verwandten zu vermehren. Sie starb jedoch nicht aus, sondern verbreitete sich per Selbstbestäubung in den urzeitlichen Regenwäldern. Dort mutierten auch ihre überschüssigen und funktionslosen Gene auf eigene, ganz spezielle Weise. Der Selektionsdruck sorgte dafür, dass der Baum schliesslich anfing, mit seiner Dschungelumgebung zu reden.

Sechzig Millionen Jahre später: Es ist schon spät am Abend, doch in einer kleinen Seitengasse in Singapur klebt die Schwüle und will nicht weichen. Der Händler steht da wie ein Metzger, das handgeschmiedete Hackmesser ruht vor seinem Bauch. Mit reduziertem Kennerlächeln verfolgt er, wie dem Mann vor ihm die Augen übergehen.

Dieser Mann ist mittleren Alters und gut gekleidet, trägt Poloshirt und eine Markenuhr. So geht man hier zum Golfen. Hinter ihm stehen ein Junge und eine Frau, offenbar seine Familie, und sehen sich das Schauspiel an. Schon ist das Kinn des Mannes feucht. Ein glibberiges Etwas von der Grösse einer Frühlingsrolle und dem Aussehen eines gelben Spenderorgans hängt ihm zur Hälfte aus dem Mund, denn der Mann hat jegliche Kontrolle über sein Tun verloren. Sein Universum ist bis auf die wenigen Quadratzentimeter vor ihm zusammengeschrumpft.

Im Land der Durian-Esser

Jetzt könnte man meinen, der Sohn sei entsetzt über die entwürdigende Vorstellung, die der Vater hier abgibt. Doch auch der Junge schaut wie gebannt auf die gelb glitzernde, breiige Masse, die sich dieser erwachsene Mann, fast ohne zu kauen, einverleibt. Wie in Zeitlupe und erkennbar widerwillig trennt sich der Vater von einem Teil des organartigen Etwas und reicht es dem Sohn, der umgehend in denselben tranceartigen Zustand verfällt. Er nickt dem Händler zu. Keine Frage, die Frucht ist eine Musang King. Willkommen im Land der Durian-Esser.

Durian ist eine Art «fruit porn», also nie bloss ein schmackhaftes Stück Obst.

Botanisch gesehen, ist die Durian, die Zibetfrucht, nichts weiter als ebendies: eine Frucht. Eine nicht allzu entfernte Verwandte von Pflanzen, die ebenfalls eine interessante Beziehung mit dem Menschen eingingen, vor allem Kakao und Baumwolle. Doch die Durian eine Frucht zu nennen, ist etwa so sinnvoll, wie Tabak als Blattgemüse zu bezeichnen. Sie ist weit eher eine Droge als ein Lebensmittel. Im malaiischen Raum gilt Durian als Aphrodisiakum, doch auch das wird ihr nicht gerecht. Sie ist ein wahres Monster unter den tropischen Obstsorten, ein sensorischer Tanz auf der Rasierklinge, der nur Extremreaktionen zulässt, Ekel oder unbändiges Verlangen nach mehr. Man könnte auch sagen, Durian ist eine Art fruit porn, also nie bloss ein schmackhaftes Stück Obst, sondern ein eigenes Agens, welches die Gier des Menschen mit jedem Bissen verstärkt.

Ein Hauch von Sickergrube

Okay, um eines kommen wir nicht herum: den Geruch. Im Westen wird die Durian daher oft Stinkfrucht genannt. Und tatsächlich, in den Gassen von Singapur trifft einen das Odeur, lange bevor man die ersten Werbeschilder für das Produkt zu Gesicht bekommt. Es sei eine Mixtur aus Terpentin und Knoblauch mit einem Hauch von Sickergrube, weiss die einschlägige Literatur, doch das ist eher eine Untertreibung.

Durian riecht nach Kloake und Verwesung, nach Mülltonne in der Hitze, nach Diabetikerkotze mit Kopfnoten von Alkohol und Ammoniak. Ein Geruch, den selbst hartgesottene Pathologen nur schwer ertragen und in dem die Sage vom Augiasstall, die alte Lehre von den Miasmen fortlebt, von Pest und Cholera in mittelalterlichen Städten, wo die Armen ihre Toten einfach liegen liessen. Es sind die Ausdünstungen animalischen Verderbs: Katze mit Typhus, tuberkulosekranke Ziege.

Doch in den Gestank von Tod und Untergang mischt sich ein anzügliches Falsett von betörender Süsse. Aber die Durian erduldest du nicht nur, sie zieht dich sogar immer weiter in ihren Bann. Du musst an ihr schnüffeln, bis du hinter das Geheimnis dieses anderen Aromas gekommen bist, das heisst: an die eigentliche Quelle. Und das wiederum heisst: rangehen. Es ist wie damals in der Schule, du machst zentrale Erfahrungen. Der erste Biss in eine Durian ist deshalb, als ob dir der König des Pausenplatzes einen Schlag in die Fresse versetzt, du aber gleich danach vom attraktivsten Mädchen der Schule geküsst wirst. Gelangt eine Durian in deinen Mund, werden die Schalter im Hirn umgelegt.

In Singapur sind Durianfrüchte in Hotels, Flugzeugen und im gesamten Metrobereich streng verboten.

Dieser cremige Schmelz an der Schwelle zur Verflüssigung, aber eben nie mehr als das. Dann ändert selbst der aasigste Gestank seine Natur und wird Wohlgeruch. Die Leute, die dir sichtlich angeekelt zusehen, scheinen in diesem Moment von deinem Erleben getrennt wie durch eine Glasscheibe. Sie sind draussen, im Lärm und Schmutz der Strasse, während du drinnen bist, in einer lichteren Welt. Ärgerlich nur, wenn einer an die Scheibe klopft. Aber es ist nur dein Sohn, der dich bedrängt, weil er auch ein Stück von diesem Eden abhaben will.

Durians wuchsen einst wild in den Urwäldern um Singapur, Bestäuber waren angeblich Fledermäuse. Heute werden die Früchte aus Malaysia, Thailand und Indonesien importiert und heissen D-24, Black Gold, Musang King oder Drunken Cat. Die Bezeichnungen erinnern an Szenenamen von Freizeitdrogen. In Singapur ist zwar der Besitz kleiner Mengen Durian für den persönlichen Konsum erlaubt, in Flugzeugen, Metro und Hotels jedoch herrscht striktes Durianverbot. Allein schon deshalb sind ausserhalb Südostasiens kaum frische Durianfrüchte zu bekommen.

Premiumklasse 60+

Verkauft und verzehrt werden sie an Strassenständen, die meist mehrere Sorten anbieten. Qualitätskriterien sind neben der Sorte das Anbaugebiet und das Alter des Baums, von dem die Frucht stammt. Sechzig Jahre oder älter ist die Premiumklasse und kostet entsprechend. Ein typisches Verkaufsgespräch beginnt damit, dass der Händler mit der flachen Klinge gegen die Stachelschale klopft, um Aromastoffe freizusetzen.

Dann darf der Kunde daran riechen, und es wird ein wenig gefeilscht. Eine Qualitätsdurian kostet pro Kilo etwa so viel wie guter Käse. Die aufgeschnittene Kapsel enthüllt das Innere, und das wirkt noch befremdlicher als die Igelhülle. Man erkennt deutlich die drei bis fünf Fruchtkammern, und in jeder Fruchtkammer liegt, tiefgelb oder blassgrau, eine Insektenpuppe im Grossformat, so organischglitschig, dass man fast fürchtet, sie könne sich bewegen, sobald man sie nur berührt.

Riecht nach Kloake und Verwesung, unter anderem: Durian. Foto: Silvio Knezevic

Wir wollen Durianfarmer kennen lernen, fahren über den Causeway aufs Festland, in den malaysischen Bundesstaat Johor. Auf malaysischer Seite macht sich die Nähe des reichen Nachbarn Singapur penetrant bemerkbar durch Aberhunderte von Plakatwänden, die für Immobilien mit Namen wie «Leisure Farm» werben. Uns aber interessieren die echten Farmen, und wir folgen dem fünfspurigen Highway, der die Malaiische Halbinsel hinauf bis nach Kuala Lumpur führt. Links und rechts nichts als Palmölplantagen, das riesige Gitternetz von Anbauflächen, das auf die Topografie keine Rücksicht nimmt.

Über Berg und Tal hinweg zieht sich das Muster der normierten Felder. Die Unkrautbekämpfung geschieht, so scheint es, mittels Kampfhubschraubern, die den Feind mit Agent Orange und Napalm eindecken. Gelegentlich wird auch mal eine Ölpalme von einem natürlichen Blitz getroffen, und da steht sie dann mit ihren verbrannten Wedeln noch qualmend und verbreitet eine Stimmung wie nach einem Staatsstreich.

Kein gutes Omen

Dr. Cedric Ng heisst der Mann, der die DNA-Sequenzierung der Durian im Nasslabor der Duke-NUS Medical School durchführte. Er hatte zahllose Durians unter seinem Messer, was anfangs nicht so leicht war, wie es sich anhört: Er musste misstrauische Bauern überzeugen, ihm unreife Durians zu überlassen, damit er diese auf ihr biochemisches Verhalten in verschiedenen Reifegraden untersuchen konnte. Doch unreife Früchte abzuschneiden, bekam er zu hören, schade dem Baum. Der Argwohn ist verständlich, denn die Durian ist mittlerweile eine wertvolle Frucht.

Allein China importierte im vergangenen Jahr Durianfrüchte für mehr als 600 Millionen Dollar, das ist dreimal so viel wie für Massenobst, etwa Orangen, Doch anders als bei Palmöl, der Cash Crop von Südostasien, überwiegen bei Durian kleine Familienbetriebe in einem unübersichtlichen Markt, wo auch schon einmal eine niedrigpreisige Sorte wie D-24 als teure Musang King an den chinesischen Verbraucher geht. Doch mit der Entschlüsselung des Erbguts ist mittlerweile eine exakte Sortenbestimmung möglich, und Betrügereien fliegen schnell auf.

Abgesehen davon steht auch der genetischen Optimierung der Durian nichts mehr im Weg, je nach gewünschter Eigenschaft wie etwa einer verbesserten Transport- und Lagerfähigkeit. Oder wie wäre es mit einer geruchlosen Durian? Möglich, dass das Interesse der Wissenschaftler an der Pflanze zunächst nicht kommerzieller Natur war, doch jetzt, da ihre Mysterien offenliegen, verändert sich die Landschaft der Durian-Erzeugung. Die grossen Kartelle werden sich ausdehnen, die Familienbetriebe auf lange Sicht verschwinden. Genau aus diesem Grund ist ein Genforscher, der bei einem bäuerlichen Familienbetrieb anklopft, gewiss kein gutes Omen.

Es wird so viel Regenwald durch Brandrodung vernichtet, dass der Rauch selbst in Singapur den Himmel verdunkelt.

Wir fahren weiter landeinwärts. Die Ladenzeilen der Strip-Malls bleiben zurück, Bungalows tauchen auf, lückenlose Bebauung weicht ländlichem Raum, bis wir im hügeligen Hinterland nur noch durch vereinzelte Kampongs kommen. Allgegenwärtig die Ölpalmen. Palmöl beherrscht das Land. Palmöl ist das universelle Bindemittel für jede Art Zucker und Salz und ist in Krabbenchips ebenso enthalten wie in Nutella. Eine Jungpflanze beginnt zwar erst nach vier Jahren zu tragen, dann aber mit jener beängstigenden Produktivität, die nur in den Tropen möglich ist. Alle zehn Tage kann geerntet werden – jahraus, jahrein.

Im 19. Jahrhundert verwendeten die Engländer Palmöl noch als Schmiermittel für Maschinen. Heute verbraucht jeder von uns pro Jahr durchschnittlich sieben Kilo dieses Universalfetts. Der Stoff markiert die höchste Stufe einer Plantagenwirtschaft, die Sonnenenergie in lager- und transportfähige Kalorien umwandelt. In Südostasien wird so viel Regenwald durch Brandrodung vernichtet, dass der Rauch selbst in Singapur den Himmel verdunkelt und wochenlang die Atmosphäre vergiftet.

Die Plantage von Han Sing Keng ist nicht leicht zu finden. Die Strasse endet plötzlich und teilt sich in zwei Lehmpisten. Neben der linken sehen wir einen halb verbrannten Müllhaufen, hier geht es zum Palmöl. Aber der Weg ist durch eine Schranke versperrt, mit einem Betonklotz als behelfsmässigem Gegengewicht.

Endlich gelüftet: das Geheimnis des Pupsgeruchs in der Durian.

Der Weg rechts führt hinunter ins Tal. Wir fahren nach rechts. Die ganze Plantage ist von einer Hecke eingefasst, mit Dornen, die unter der Haut abbrechen und Infektionen verursachen. Ein Hund auf dem Weg trottet los, um mit Gebell unser Kommen zu melden. Ein Flurstück mit hohem Baumbestand erkenne ich zuerst nicht als Durians.

An den Ästen befinden sich die regenwaldtypischen Epiphyten und Früchte. Aber auch diese sind mit goldfarbenen Flechten bedeckt. Diese Plantage ist anders als die anderen. Die Bäume sind gerade gewachsen, stehen in ordentlichen Reihen. Ihre Kronen greifen ineinander, trotzdem dringt noch Licht auf die kühlen Wirtschaftswege. Rund um die Stämme sind, ähnlich Hängematten, blaue Netze gespannt, sie sollen verhindern, dass herabfallende Durianfrüchte beschädigt werden oder verloren gehen. Später erfahren wir, dass diese Anordnung ein Fehler war. Die Bäume stehen zu eng beieinander und sind auch zu hoch, wodurch die Ernte erschwert ist, bei gleichzeitig geringerem Ertrag. Wir steigen über den Körper einer schwarzen Schlange, die mit einem Spaten guillotiniert wurde.

Der Artikel von Dr. Ng und Kollegen war immerhin so wichtig, dass er auf dem Titel der angesehenen Fachzeitschrift «Nature Genetics» erschien. Dann blühte die Stinkfrucht im Blätterwald auf. Alle berichteten – von der «Japan Times» bis zum «Guardian».

In genetischer Hinsicht sind die Durians schlauer als wir.

Endlich gelüftet: das Geheimnis des Pupsgeruchs in der Durian. Also: Vor circa sechzig Millionen Jahren, als Australien und der Kontinent Antarktika noch eine einzige Landmasse bildeten, kam es bei einem gemeinsamen Vorfahren von Kakao, Baumwolle und Durian zu einem Transkriptionsfehler, wodurch sich die Anzahl seiner Gene verdoppelte, und zwar auf insgesamt 46'000, das sind mehr als doppelt so viele wie beim Menschen. Und bei einem davon, einem Gen mit der Bezeichnung MGL (Methionin-?-Lyase), geschah dies nicht nur einmal, sondern zweimal.

Nun kommt dem MGL-Gen eine höchst spezielle, jedoch unverzichtbare Rolle zu: Es produziert die Hormone, die der Durian mitteilen, wann sie zu blühen und wann sie ihre Frucht zur Reife zu bringen hat. Es handelt sich, kurz gesagt, um eine Art pflanzliches Geschlechtshormon. Die Duplikation und Reduplikation des MGL-Gens führte demnach zu einer Dreiergruppe mutierter Gene, genannt MGLa2, MGLb1 und MGLb2. Die taten im Grunde nichts weiter, als das unverzichtbare Gen zu imitieren, indem sie allerlei Freakmoleküle produzierten und abwarteten, was dann geschah. Diese Freakmoleküle sind überwiegend flüchtige Schwefelverbindungen (Geruch nach faulen Eiern), flüchtige Fettsäuren (ranzig), Ethen (moschusartig) und diverse Ester (süsslich). In genetischer Hinsicht sind die Durians schlauer als wir.

Man entgeht ihnen nicht

Sie haben einfach mehr Spielraum für Experimente und probieren auch vollkommen irre Sachen aus. Es überrascht daher nicht, dass eine Durian äusserlich oft absonderliche Formen annimmt. Mal sieht sie aus wie ein Dino-Ei, mal wie ein kleiner Alien. Auch primitive, asymmetrische Exemplare sind ein Indiz für das gewaltige Gestaltungspotenzial der Pflanze. Beinahe scheint es, als wolle die Durian unseren Primatenhirnen zeigen, was eine Harke ist. Heisst, welche Haken sie selbst mit kleinen Änderungen schlagen kann.

Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Orang-Utan und registrieren eines Tages von irgendwoher diesen Gestank. Auch Sie sind ein Primat, und Primaten sind bekanntlich neugierig, also schwingen Sie sich kurz hin und schauen nach, so ähnlich wie Autofahrer, die an keinem Unfall vorbeifahren, ohne zu gaffen, oder Zeitungsleser, die bei den schrecklichsten Bildern hängen bleiben. Doch eine Zeitung kann man zuklappen, einer Durian entgeht man nicht so leicht. Der Geruch wird sogar immer penetranter, denn die Moleküle setzen sich in der Nasenschleimhaut fest.

Die einzige Möglichkeit, zu einem Urteil zu kommen, besteht nun darin, ganz nah ranzugehen. Und wenn Sie als Orang-Utan einmal so weit sind, ist es um Ihr pelziges Hirn fast schon geschehen. So viel Neugier ist lebensbedrohlich, doch es hilft alles nichts: Sie müssen diese hässliche Nuss knacken. Kaum liegt sie vor Ihnen, wandert sie bereits in den Mund, und Millisekunden später jagt Sgt. Pepper mit vollem Orchestereinsatz durch Ihre Synapsen, obwohl Instrumente erst viele Hunderttausend Jahre später erfunden werden.

Sachlicher formulieren es Dr. Ng und seine Kollegen: «In überschüssigen Allelen können sich neuartige und hochspezielle Funktionen entwickeln», und die Durian besitze nun mal «alle Charakteristika einer Pflanze, bei der als Hauptverbreitungsvektoren geruchssensible Primaten infrage kommen und nicht so sehr visuell orientierte Tiere».

Alle müssen mit anpacken

Han Sing Keng trägt zwar einen Sombrero und ein Shirt in schreiendem Pink, ansonsten ist er ein höflicher, bedächtiger Mensch. Sein Vater erwarb dieses Land in den frühen Achtzigerjahren, seitdem wird es von der Familie bewirtschaftet. Ob alt oder jung, alle müssen mit anpacken, jeder hat seine Aufgabe, während Han Sing sich mit uns an einem Betontisch unterhält. Über uns schwirren an die hundert Salanganen, Vögel aus der Familie der Segler, rund um einen fensterlosen Turm, der aussieht wie ein Getreidesilo. Aus einem Flugloch unterhalb des Dachs dringt lautes Vogelzwitschern. Es ist eine akustische Falle. Verborgene Lautsprecher sollen Wildvögel animieren, in diesem Turm ihre Nester zu bauen – die später als teure Zutat für die berühmte Schwalbennestersuppe verkauft werden.

Han Sing Keng hat unlängst vier weitere Hektar Ackerfläche von einem Nachbarn erworben und sie mit Durian bepflanzt, doch bis zur ersten Ernte werden zwölf Jahre vergehen. Durian ist gewissermassen das genaue Gegenteil der Ölpalme. Ein guter Baum benötigt Jahrzehnte, um den vollen Ertrag zu bringen. Seine Früchte sind teuer, empfindlich und halten sich schlecht.

Voraussagen lässt sich bei einer Durian nichts, die Pflanze ist unberechenbar.

Während Palmöl als Massenprodukt von wenigen grossen Kartellen und unter ständiger agrowissenschaftlicher Betreuung erzeugt wird, geht bei der Durian ohne tradiertes Wissen und beste Kenntnis der Gegebenheiten gar nichts. Es gibt Hunderte von Sorten, so verschieden, dass man die einzelne Frucht sogar dem Baum zuordnen kann, von dem sie stammt. Zumindest im Augenblick können sich die Durianfarmer noch behaupten. Ein Hektar Durian ist mehr wert als ein Hektar mit Ölpalmen.

Han Sing Keng zeigt uns ein sorgsam präpariertes Edelreis der beliebten Sorte Musang King, das er auf den Wurzelstock einer robusten lokalen Varietät gepfropft hat. Er hofft, dass die Aktion erfolgreich ist und in etwa zehn Jahren die ersten Früchte liefert, er kann nur warten. Voraussagen lässt sich bei einer Durian nichts, die Pflanze ist unberechenbar.

In die breiten Lücken zwischen den jungen Durians hat er Drachenfrucht-Kakteen gesetzt, Pitahayas. Die Gewächse bilden einen Schopf grüner, stachliger Dreadlocks und Blüten, die nur eine Nacht blühen. Arbeiter kommen bei Mondschein, um die Stempel der Pflanze mit Pinseln zu bestäuben. Auf thailändischen Plantagen werden sogar Durians von Hand bestäubt, hier nicht, auch wenn keiner weiss, welcher Organismus diese Aufgabe eigentlich übernimmt. Ich frage Han Sing Keng nach der Fledermaus-Theorie. Er hat davon gehört, meint aber, Motten seien ebenso denkbar.

Die Abholzung des Regenwalds hat die Selbstregulation eines ganzen Ökosystems ausser Kraft gesetzt.

Er persönlich könnte auch gut auf Pestizide verzichten, sagt er, doch dann würden 80 Prozent der Ernte von Würmern vernichtet. Auf Penang, sagt er, wo es noch Regenwald gebe, falle nur ein kleiner Teil der Ernte Schädlingen zum Opfer, doch sein Land sei umzingelt von Ölpalmen, und natürliche Fressfeinde seien ausgestorben. Die Abholzung des Regenwalds hat die Selbstregulation eines ganzen Ökosystems ausser Kraft gesetzt.

Ich frage Han Sing, ob er vom Durian-Genomprojekt gehört habe. Hat er nicht. Das überrascht mich, denn Han Sing ist ein gebildeter Mann, dem diesbezüglich sonst nichts entgeht. Offenbar war das Thema für die internationale Presse weit interessanter als für die lokalen Medien. Das ist erstaunlich, zumal die entschlüsselte Frucht aus der Gegend stammte. Die im «Nature Genetics»-Artikel genannten GPS-Koordinaten sind eindeutig. Sie wuchs nur wenige Meilen von der Stelle, an der wir stehen. Han Sings Schicksal, wie das seiner Familie, hängt an dieser Plantage.

In der Zwischenzeit hat eine weitere Durian ihren chemischen Supercocktail beisammen und fällt mit einem satten Geräusch zur Erde. Es ist seine eigene Züchtung namens Green Dragon. Ihr entströmt ein geradezu trunken machender Duft – die perfekte Kombination aus Terpentin und Honig. Schüttelt man die Frucht, hört man die befruchteten Kerne im Innern. Der sauber abgebrochene Stiel glänzt vor Saft.

Keine Frage, diese Durian hat den idealen Reifepunkt erreicht und schreit danach, gegessen zu werden. Dennoch klopft Han Sing noch einmal mit der Klinge gegen die Schale, ehe er sie entlang der dunklen Segmentlinien aufschneidet und die Fruchtkammern freilegt. Ein älterer Onkel, der neben ihm sitzt, empfiehlt uns dringend, die Frucht mit Andacht in den Mund zu nehmen. Zu Recht, denn was nun kommt, ist das Hochamt einer Wechselbeziehung zwischen Pflanze und Mensch. Wann immer wir eine Durian essen, verschlingt sie umgekehrt auch uns.

Aus dem Englischen übersetzt von Marcus Ingendaay.

* Dieser Artikel erschien erstmals am 17. Februar 2018 im Magazin. (Das Magazin)

Erstellt: 18.06.2018, 19:59 Uhr

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