Mit Bling-Bling viel Schaumwein verkaufen

Wie sinnvoll sind die Marketingideen grosser Champagnerhäuser?

Vergleichsweise nüchterne Handarbeit: Der Sommelier Mirko Rainer köpft reihenweise Flaschen mit dem Säbel. Foto: Carlo Reguzzi (Keystone)

Vergleichsweise nüchterne Handarbeit: Der Sommelier Mirko Rainer köpft reihenweise Flaschen mit dem Säbel. Foto: Carlo Reguzzi (Keystone)

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Kurz nach Mitternacht in einem angesagten Club in Saint-Tropez: Die Technomusik verstummt, das Licht wird ­gedimmt. Zu einer Fanfare wird eine von innen beleuchtete Flasche N. I. R. in eine Barnische getragen. Schöne Frauen mit Wunderkerzen laufen vor und hinter dem Kellner, der das übergrosse Champagnerbehältnis hochhält. Diese Damen tragen schwarze Sonnenbrillen, auf denen mittels LCD-Lämpchen das Wort «Moët» aufblitzt. Jetzt weiss der ganze Club, dass jemand mit besonders grossem Portemonnaie – oder wenigstens besonders ausgeprägtem Geltungsdrang und einer Kreditkarte – eine ­Flasche Nectar Impériale Rosé bestellt hat.

Licht in der Flasche: Moëts Nectar Impériale Rosé.

So glamourvoll inszeniert sehen die Verantwortlichen von Moët & Chandon ihr Getränk gerne. Für manchen mag das nach blasiertem Getue klingen, doch in den Luxusclubs der Welt findet das schon längst statt. Die mittels eingebauter Lichtquelle hell erstrahlende Flasche N. I. R. existiert ebenso wie besagte Sonnenbrillen mit dem blinkenden Namenszug. Wenn Champagnerhäuser sich Marketingmassnahmen für ihre Produkte ausdenken, darf geklotzt werden.

Ein weiteres Beispiel: Als 2016 der P2, eine besonders edle Abfüllung aus dem Haus Dom Pérignon, in Zürich vorgestellt wurde, gaben sich die Veranstalter keine Blösse: Sie luden Journalisten zu einem mehrstündigen Anlass in ein leer stehendes Firmengebäude im Zürcher Seefeld ein. Die Garderobe wurde von einer Ex-Miss Schweiz entgegen­genommen, es gab eine Multimedia­vorführung auf mehreren Stockwerken, welche die zwanzigjährige Reife­geschichte des edlen Tropfens nacherzählte.

P2-Kampagne mit dem Hollywoodstar Chritoph Waltz.

Inbegriffen waren Häppchen, die vom spanischen Avantgardekoch Ferran Adrià kreiert worden waren. Man hatte an einen DJ gedacht, edelste Gläser, eindrückliche Lichteffekte. Getrunken wurde neben Wasser natürlich nur, ja, was wohl: Champagner. Das Budget für diesen Abend dürfte im fünfstelligen Bereich gelegen haben. Doch Marketing kann noch teurer sein: Angeblich verdient Roger Federer als Markenbotschafter von Moët sechs Millionen Dollar jährlich.

Ausschweifender Lebensstil

Nicht nur im Tennis ist Schaumwein präsent, sondern auch im Motorsport: Seit der Schweizer Formel-1-Rennfahrer Jo Siffert vor über 50 Jahren den Inhalt einer Flasche über seiner Entourage ­verspritzte, gehört das entsprechende Ritual zum obersten Podestplatz dazu – weil es zum ausschweifenden Lebensstil passt, der mit dem Getränk verbunden wird. Ausnahmen gibt es: Hält der Rennzirkus in Bahrain oder Abu Dhabi, gibt es statt der Champagner- eine Rosenwasserdusche.

Warum lassen siegreiche Rennfahrer die Korken knallen?

Weniger effekthascherisch ist man beim Hause Krug, das wie alle erwähnten Marken zu LVMH gehört, dem weltgrössten Konzern für Luxusgüter, der gut ein Sechstel aller Champagner vertreibt (die Buchstaben stehen für Louis Vuitton, Moët, Hennessy): Krug legt Wert darauf, dass man mittels der sogenannten Krug-ID auf der Etikette viel über eine einzelne Flasche erfahren kann: Sortenzusammenstellung, Alter der verwendeten Grundweine, das Datum des Degorgierens. Auch passende Speisen sind aufgelistet – und Musiktitel für den Schaumweingenuss.

Was kostet all diese Verkaufsförderung? Schwer zu sagen. Man kann davon ausgehen, dass bei einer 40- bis 50-fränkigen Champagnerflasche die verwendeten Trauben maximal 12 Franken kosten (auch so sind es die teuersten Trauben der Welt). Hinzu kommen Produktionsaufwände – Pressung, Abfüllung, Logistik – von circa 6 Franken. Auch wenn noch Lagerkosten anfallen, bleibt viel Geld übrig – nicht zuletzt fürs Marketing.

Champagner mit Eis? Moët machts möglich.

Ist es möglich, dass italienische Schaumweine wie Franciacorta oder der spanische Cava deshalb oft günstiger sind als das vermeintliche Original aus der Champagne, weil man dort als Käufer keine so teuren Marketinggags mitfinanziert? Und wie sinnvoll ist es, wenn Moët und andere ihre Markt­anteile zu halten versuchen, indem sie trendige Marken entwickeln, wie etwa Ice Impérial, das mit Eiswürfeln gekühlt getrunken wird?

Viel überzeugender als alles Marketing-Tamtam ist und bleibt für den Geniesser doch ein Schluck dieses einst so luxuriösen Getränks.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.11.2017, 09:49 Uhr

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