Pfeffer im Bier, Speck im Bier

Die USA erleben eine Renaissance der Braukunst. 2600 Brauereien laden zu teils verwegenen Bieren ein. Was da so alles drinsteckt.

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Sie fachsimpeln über Stammwürze und «International Bitterness Units», kurz IBU genannt, loben mal diese oder jene Brauerei und prahlen mit Biersorten, die ihnen in den Bergen Montanas oder den nördlichen Wäldern des Staats New York mundeten: Amerikanische Biertrinker leben in einem Paradies kleiner Brauereien und experimentierfreudiger Braumeister, das seinesgleichen in der Welt sucht. Bier-Freaks und Aficionados von «Local food» haben den Vereinigten Staaten, immerhin Erfinderin des schalen Leichtbiers und Heimat von Mega-Brauereien wie Budweiser, Miller oder Coors, eine erstaunliche Wiedergeburt der Braukunst beschert.

Von Neuengland bis Kalifornien, von Florida bis Seattle produzieren Mikro- und Nanobrauereien eine ungeheure Vielfalt von Biersorten. Erlaubt ist nahezu alles: Die 5 Rabbit Cerveceria nahe Chicago setzt ihren Bieren Pfefferschoten und Zuckerrohr zu, Big Alice Brewing auf Long Island nahe New York braut mit Curry und Lapsang, Funky Buddha Brewery in Oakland Park in Florida sogar mit Speck und der Zerealie Rice Crispies.

Im Land des Einheitsgebräus

Dabei hatte es vor drei Jahrzehnten eher düster im Land des Einheitsgebräus ausgesehen: Nur 44 Brauereien gab es 1980 noch in den Vereinigten Staaten, die meisten davon Grossbetriebe, die industrielle und überwiegend lahme Massenbiere wie Schlitz oder Busch produzierten. Das war einmal: Laut der Brewers Association, dem Dachverband amerikanischer Regional- und Mikrobrauereien, hantierten 2013 über 2500 selbstständige Brauereibetriebe mit Hopfen, Malz, Erdnussbutter, Kaffeebohnen und nahezu allem, was fermentierbar ist oder zugesetzt werden kann. Die Tendenz ist weiter steigend, mittlerweile dürften es schon 2600 Betriebe sein.

Begonnen hatte der Aufstieg lokaler Brauereien in den 80er-Jahren dank einer Bewegung junger Amerikaner, die zu Hause zu brauen begannen, weil sie «industrielles Bier» verabscheuten. Inzwischen gibt es kaum eine Kleinstadt ohne eine eigene Brauerei. In der Universitätsstadt Charlottesville zwei Autostunden südlich Washingtons in Virginia laden beispielsweise vier Brauereien zum Verweilen ein, im benachbarten Umland gibt es fünf weitere. In Athens im Staat Georgia lockt die bekannte Terrapin Beer Company mit ausgezeichneten Bieren, im kalifornischen Petaluma meldet die Lagunitas Brewing Company neue Umsatzrekorde.

«Sweet Baby Jesus» und «Killer Kölsch»

So vielfältig wie die Brauereien sind auch die Biersorten: belgische Biere, Hefeweizen, Kölsch und Pilsner, diverse Ales, Stouts, Porters, Berliner Weissbiere und jede Menge bittere India Pale Ales voller Hopfen. Und natürlich gibt es Spezialbiere wie das «Sweet Baby Jesus» der DuClaw-Brauerei in Baltimore. Es wird mit Erdnussbutter hergestellt und von der Brauerei als «komplexes, robustes Porter» von «pechschwarzer Farbe» beschrieben. Mit dem Alkoholpegel geizen Amerikas junge Brauer nicht: Spezialbiere im belgischen Stil oder Double India Pale Ales und andere potente Sorten verzeichnen acht, neun oder mehr Prozent Alkohol.

Selbstverständlich warten die Mikrobrauer mit zündenden Namen und einprägsamen Etiketten für ihre Produkte auf: Die jüdische Brauerei Shmaltz («He'Brew Beers») in Clifton Park im Staat New York stellt neben einem «Messiah Nut Brown Ale» auch «Hop Manna» her, die Champion Brewing Company in Charlottesville liebt ihr «Killer Kölsch», die Green-Flash-Brauerei im kalifornischen San Diego ihr extrem bitteres «Palate Wrecker», Gaumen-Verschrotter auf Deutsch. «Alice würde sich in diesem Wunderland sicherlich zu Hause fühlen», beschrieb neulich der Bierexperte John Tierney im Magazin «The Atlantic» die erstaunliche Brauerei-Landschaft in den Vereinigten Staaten.

Zum Bier serviert wird typische «Brewpub»-Kost wie Hamburger und mit Käse überbackene Nachos sowie Hot Dogs und Wraps. Und wer wie die Champion-Brauerei in Charlottesville noch keine Küchenkonzession hat, setzt auf täglich wechselnde «Foodtrucks», rollende Imbissstuben, die vor dem Brauereigebäude parken und leckere Kleinigkeiten anbieten. Cheers!

Erstellt: 22.04.2014, 13:17 Uhr

Auch in seinem Land schwappt die Bierwelle wieder über: US-Präsident Barack Obama beim Besuch eines irischen Pubs. (23. Mai 2011)

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