Schlemmen, wo sich die Autobahnen kreuzen

Beim solothurnischen Härkingen treffen A 1 und A 2 aufeinander. Im Umfeld dieses Knotenpunkts ist eine anspruchsvolle Gastronomie gewachsen.

Lorenzo Ghilardelli und Bea Mettler sorgen in der Sonne in Gunzgen für kulinarische Hochgenüsse.

Lorenzo Ghilardelli und Bea Mettler sorgen in der Sonne in Gunzgen für kulinarische Hochgenüsse. Bild: Sophie Stieger

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Die ersten Hungergefühle tauchen beim Stau vor dem Nordportal auf. Die letzte Möglichkeit, die A 2 vor dem Belchentunnel zu verlassen, haben wir verpasst, also bleibt uns neben dem knurrenden Magen nur die Vorfreude, auf der Südseite der Jurakette via Ausfahrt Egerkingen eine feine Gaststätte zu finden.

Die Landschaft zwischen Olten, Oensingen und Zofingen ist zugebaut und architektonisch verunstaltet worden; riesige Lagerhallen bedecken einst erstklassige Anbauflächen, unzählige Strassen bilden einen Irrgarten aus Schleifen – und in all dem hat sich eine Reihe von Restaurants hochgearbeitet und in Führern wie «Michelin» und «Gault Millau» Beachtung gefunden.

Der Bib-Gourmand

Regionales Sterne- und Punktezählen ist ein beliebtes Spiel. «Gault Millau» bringt es auf neun Adressen mit total 133 Punkten (je zweimal 17 und 15 Punkte, viermal 14 und einmal 13). «Michelin» nennt diverse Adressen und zeichnet die beiden besten mit Sternen aus, zwei für Lampart’s in Hägendorf, einen für die Traube in Trimbach, und gibt einen «Bib-Gourmand» der Sonne in Gunzgen; den «Bib» mit dem Kopf des Michelin-Männchens als Symbol verleiht der Führer an «Häuser, die eine gute Küche für weniger als 65 Franken bieten», den Preis für eine «dreigängige Mahlzeit ohne Getränke».

Eine praktische Lösung ist das Mövenpick-Hotel Egerkingen, das wie ein Landsitz am Hang über dem Dorf thront. Der Konzern hat das Potenzial des Autobahnkreuzes früh erkannt und das Hotel mit Restaurants und Konferenzräumen 1986 eröffnet – zwei Jahre nach der legendären TV-Serie «Motel». Das Mövenpick-Hotel steht auch im «Michelin»; die Küche wird zwar nicht explizit erwähnt, hält aber den Stil des Hauses aufrecht mit Klassikern wie Tatar, Riz Casimir und Zürcher Geschnetzeltes. Stimmt das Wetter, bietet das Hotel eine atemraubende Sicht auf die Alpen.

Doch wir peilen einen einzelnen Betrieb an, ein Lokal in den nahen Dörfern. Nicht Lampart’s, das Spitzenrestaurant in Hägendorf, das in der Schweiz doch recht bekannt ist, sondern eine Gaststätte wie die Sonne: Sie hat unsere Neugier geweckt. Während die Michelin-Sterne immer wieder Kontroversen über Kochstile und die Richtung des Gastroführers auslösen, bleibt der «Bib» eine solide Wertung: eher klassisch, nicht ausgefallen, durchaus sättigend – kein Fischleberschäumchen auf Moosbett.

Ein paar Kurven nach der Ausfahrt Egerkingen schwenken wir in Gunzgen ein. Die Sonne, ein schönes, traditionelles Haus mit Dachbalken und Holztäfer, war eine Beiz und lebte bis 2008 vom Stammtisch. In der zurückhaltend de-korierten Gaststube fallen die blauen Tischtücher auf, und ausserdem gibt es nicht mehr als 20 Plätze.

Wirbeln zu zweit

Wie haben die früheren Gäste den Wechsel goutiert? «Stammtisch und Tafelkultur harmonieren nicht», sagt Lorenzo Ghilardelli, der das Restaurant mit seiner Ehefrau Bea Mettler führt. So italienisch der Name, so «gäuerisch» klingt der Dialekt: Ghilardelli, dessen Vater aus einem Bergamasker Dorf stammt, wuchs im Nachbardorf Härkingen auf, wo seine Mutter in vierter Generation im Lämmli wirtete. Mit Bea Mettler betrieb er nach der Lehre und einigen Stationen das elterliche Wirtshaus, wechselte 2004 in die Ostschweiz und kehrte vor fünf Jahren zurück, als die Sonne in Gunzgen zur Pacht stand.

Hier arbeiten sie zu zweit; nur an ausgebuchten Tagen leistet sich der Chef eine Küchenhilfe. Bea Mettler kümmert sich um den Service und alles, was sonst noch zu Restaurant und Haushalt gehört, und ihr Mann wirbelt in der Küche – das muss man schon so bezeichnen, denn Ghilardelli rüstet und kocht, behält den Hauptgang für Tisch eins im Auge und richtet für Tisch drei die Vorspeise an, füllt zwischendurch die Geschirrwaschmaschine und setzt, wenn Zimmerstunde angesagt wäre, einen Jus an, knetet Pastateig oder widmet sich der Lebensmittelkontrolle.

Die Gäste kommen meistens von auswärts, oft geführt vom «Michelin». «Der ‹Bib› hilft uns sehr», sagt Bea Mettler. Vorwiegend Franzosen und Deutsche suchen die Sonne auf, oder auch Tessiner auf der Fahrt Richtung Süden verlassen die Autobahn, um sich ein erstklassiges Mahl zu gönnen. Ghilardellis Teller überzeugen durch eine exzellente geschmackliche Harmonie. Bescheiden sagt er, sein Stil sei mediterran mit regionalen Einflüssen und Produkten. Das versuchen auch andere, doch Ghilardelli beherrscht Garmethoden und Geschmackskomponenten gleichermassen, auch verschont er den Gast vor Übertreibungen und zeitgeistigem Firlefanz.

Sugo macht süchtig

Und so schafft er das Kunststück, einfachste Zutaten in traumhafte Gerichte zu verwandeln: Ein Gemüseraviolo mit Peperoniwürfelchen an einem dichten, süchtig machenden Tomatensugo alla Nonna; oder die saftige Brust der «Culinarium-Poularde» aus der Ostschweiz an einem köstlichen Rosmarinjus, serviert mit Ribelmais-Kugeln im Format von Golfbällen, dazu gelbe und orange Rüebli mit Lauchstreifen und Zwiebeln. Ghilardellis Meisterschaft wirkt sich neben dem Fleisch aus, insbesondere beim Gemüse, das nicht einfach Beilage ist, nicht «so nes eländs Hüfeli», sondern ein Gedicht.


Wirtshaus Sonne, Mittelgäustrasse 50, 4617 Gunzgen, Tel. 062 216 16 10. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.08.2013, 18:21 Uhr

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Tartelettes von Walliser Aprikosen

Für 4 Personen

4 Tartelette-Förmchen von ca. 10 cm Durchmesser gut ausbuttern und mit frischem Blätterteig aus der Bäckerei2–3 mm dick auslegen, mit einer Gabel stupfen.Ca. 12 sehr schöne Walliser Aprikosen
etwas Mandelmasse (erhältlich bei grösseren Grossverteilern)
150 g flüssige Käsereibutter
etwas geschälte, geriebene Mandeln
etwas Rohrzucker


In die Mitte der ausgelegten Förmchen 1 TL Mandelmasse geben, dann mit dünnen Aprikosenspalten rundum dicht belegen.
Mit reichlich flüssiger Butter beträufeln.
Mit Rohrzucker und geriebenen Mandeln bestreuen. Dann ca. 30 Minuten imKühlschrank gut durchkühlen.
Im vorgeheizten Ofen bei 175 °C ca. 20–25 Minuten backen. Der Boden darfnicht «latschig» sein.
Warm servieren. Tipp: Die Tartelettes mit einer Kugel Vanilleglace anrichten.

Gastronomie
Feines am Autobahnkreuz

Lampart’s, Hägendorf (2 Sterne, 17 Punkte)
www.lamparts.ch
Traube, Trimbach (1 Stern, 17 Punkte)
www.traubetrimbach.ch
Sonne, Gunzgen (Bib-Gourmand, 14 Punkte)
www.sonne-gunzgen.ch
Kreuz, Egerkingen (15 Punkte)
www.kreuz.ch
Felsenburg, Olten (15 Punkte)
Tel. 062 296 22 77
Salmen, Olten (14 Punkte)
www.salmen-olten.ch
Eintracht, Kestenholz (14 Punkte)
www.eintrachtkestenholz.ch
Federal, Zofingen (14 Punkte)
www.federal-zofingen.ch
Kreuz, Obergösgen (13 Punkte)
www.kreuz-obergoesgen.ch
Mövenpick, Egerkingen
www.moevenpick-hotels.com/egerkingen

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