Süsses Gestern

Die verblüffende Archäologie des Alkohols.

Trouvaille aus den Tiefen des Meeres: 170 Jahre alte Champagner-Flaschen in einem Schiffswrack. Bild: Twitter / Nature News&Comment (21. April 2015)

Trouvaille aus den Tiefen des Meeres: 170 Jahre alte Champagner-Flaschen in einem Schiffswrack. Bild: Twitter / Nature News&Comment (21. April 2015)

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Friedrich Dürrenmatt hatte es sich geleistet, bis ins hohe Alter den Geburtstag mit immensen Mengen seines Lieblingsbordeaux Château Pavie eines ganz bestimmten Jahrgangs zu feiern: 1921, Dürrenmatts Geburtsjahr.

Diese Art der Geschmacks-Archäologie ist zwar aus der Mode geraten. Wer hat denn noch Mittel und Musse für den wohlsortierten Weinkeller, den es dazu braucht? Da behilft man sich lieber mit einem trinkreifen Australier vom Grossverteiler. Für den harten Kern der Weinkenner aber hat sich nichts geändert. Sie betreiben Weingenuss als Wissenschaft.

Und diese Wissenschaft hat neue Höhen erklommen. Französischen Forschern ist es gelungen, 170 Jahre alten Champagner zu entschlüsseln. Die Flaschen waren aus einem Schiffswrack geborgen worden, das tief im baltischen Meer gelegen hatte.

Die Lagerungsbedingungen für den Schaumwein seien ideal gewesen, schreiben die Wissenschaftler im Fachjournal «Proceedings of the National Academy of Sciences»: kühl, dunkel, feucht. Die Untersuchung ergab auffällig hohe Anteile an Kupfer und Eisen – Überbleibsel der damals üblichen Weinbaumethoden.

So viel zur Chemie. Aber was ist mit dem Geschmack?

Ausgewählte Sommeliers durften kosten. Zu ihrer Überraschung war der Schaumwein geniessbar – wenn vorerst auch nur beschränkt. «Tierische Noten» wurden notiert und ein «Geschmack nach nassen Haaren». Wenn man die Flüssigkeit aber sanft durchschüttelte, traten geschmeidigere Noten zutage: Der Chef des Hauses Veuve Cliquot fühlte sich an «reife Früchte» erinnert, an «Trüffel», «altes Leder» und «Honig».

Hauptsächlich aber stellten Wissenschaft und Verkoster einen extrem hohen Zuckergehalt fest: gegen 130 Gramm pro Liter statt der heute üblichen 9 Gramm.

Somit bestätigen Wissenschaft und Weinkenner mit der Geschmacks-Archäologie das, was Friedrich Dürrenmatt und wir Normalverbraucher eigentlich schon lange wussten: Gut gelagerte Erinnerungen sind süss. Und manchmal riechen sie nach nassen Haaren, altem Leder oder einfach tierisch.

Erstellt: 22.04.2015, 21:07 Uhr

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