«Vegane Ernährung eignet sich nicht für kleine Kinder»

Kein Salz, keine Pommes, keine Gänseleber. Warum das Essen in der Gesellschaft immer wieder zu moralischen Debatten führt.

Wer in der Badi keinen Burger findet, kann ihn auch auf dem Heimweg kaufen.

Wer in der Badi keinen Burger findet, kann ihn auch auf dem Heimweg kaufen. Bild: Esther Michel

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Frau Brombach, in der rot-grünen Stadt Bern dürfen Kinder in der Tagesschule ihr fades Essen nicht nachsalzen. Was halten Sie davon?
Salzarmes Essen ist nicht zwingend fade. Hinter salzarmem Essen steckt die Ernährungsstrategie des Bundes. Schweizer konsumieren mit acht bis elf Gramm pro Tag zu viel Salz. Das begünstigt Bluthochdruck. Nach Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO sollten wir nicht mehr als fünf bis sechs Gramm Salz pro Tag essen. Geschmack wird gelernt. In Zürich setzen Schulcaterer die Ernährungsrichtlinien der Stadt um und salzen das Essen nicht zusätzlich.

Dabei lernen Kinder doch nur, dass gesundes Essen nicht schmeckt.
Wenn sie von zu Hause zu salziges Essen gewöhnt sind, ist die Massnahme ungewohnt. Hier könnte es hilfreich sein, den Salzkonsum schrittweise zu reduzieren, wie es etwa die Lebensmittelindustrie nun tut. Sie will verhindern, dass die Kunden auf andere Produkte ausweichen. Die Schule sollte das gelieferte Essen zudem mit frischen Kräutern und Gewürzen abschmecken und die Kinder mit weiteren Gewürzen experimentieren lassen. Das könnte im Unterricht aufgegriffen werden.

Darf der Staat überhaupt vorschreiben, was unsere Kinder essen sollen?
Das ist eine Gratwanderung. Ich kann mich dazu entscheiden, zu rauchen, fettig zu essen und mich wenig zu bewegen. Aber dann trage ich auch die Konsequenzen, wenn ich krank werde. Die Schulkinder sind aber minderjährig. Und die Schule hat ihnen gegenüber eine Aufsichts- und Fürsorgepflicht, wie die Eltern auch. Weil Schulleiter keine Ernährungsprofis sind, müssen sie die Richtlinien des Bundes einhalten.

Wie lassen sich diese Richtlinien politisch legitimieren?
Als Gesellschaft müssen wir uns darüber unterhalten, was unsere Kinder lernen sollen. Dazu gehört auch das Wissen über Alltagskompetenzen im Bereich Ernährung und Gesundheit. Denn die alltägliche Ernährungsbildung, also was Kinder im Umgang mit Essen vermittelt erhalten, wird zunehmend von den Familien an die Schule ausgelagert, da immer mehr Kinder Tagesschulen besuchen. Da kann es nicht sein, dass die Schule das Ernährungswissen zwar im Unterricht, nicht aber praktisch am Mittagstisch vermittelt.

Gleichzeitig sind Tagesschulen mit immer mehr Ernährungs-Tabus konfrontiert: vegan ernährte Kinder, religiöse Kinder, allergische Kinder. Wie soll sie darauf reagieren?
Vegane Ernährung eignet sich nicht für kleine Kinder. Ihnen fehlen dann Proteine und Nährstoffe, die zur Entwicklung nötig sind. Schweizer Kinderärzte lehnen die vegane Ernährung von Kindern ab. Zurzeit wird in Fachkreisen heiss diskutiert, ob Eltern ihrer Sorgfaltspflicht nachkommen, wenn sie Kinder vegan ernähren.

Unterdessen gibt es sogar in den Badi-Beizen Hummus statt Pommes. Ist das nicht übertrieben?
Das wird der Markt entscheiden. Es gibt kein Gesetz, das vorschreibt, was ein Wirt anbieten darf. Wenn er in seinem Lokal nur Bioprodukte verkauft, hat das seinen Preis. Am Ende der Saison wird sich zeigen, ob er damit überleben kann.

Und was ist mit den Familien, die sich den Bio-Hotdog für zehn Franken nicht leisten können?
Es steht doch jedem offen, eigene Verpflegung in die Badi mitzubringen oder seine Lust auf Pommes und Chicken-Nuggets auf dem Heimweg bei einer Fast-Food-Kette zu stillen.

Oft kommen Forderungen zu politischen Ernährungsvorgaben aus der links-grünen Öko-Ecke. Warum eigentlich?
Es sind meistens Forderungen aus konsumentenschützerischer Sicht. Der Konsumentenschutz versucht, im Markt ein Gegengewicht zur Industrie zu schaffen. Die Frage ist nun, wo wir den Hebel ansetzen, um die Menschen zu befähigen, für sich selbst und andere verantwortungsbewusst zu handeln. Also auch so für sich selbst zu sorgen, dass sie gesund und leistungsfähig bleiben. Meines Erachtens sollten wir den Hebel in der Bildung ansetzen.

Wer krank wird, ist dann selber schuld.
Wir haben die Freiheit, uns für ungesunde Lebensweisen zu entscheiden. Aber meine Entscheidung hat auch Konsequenzen für die Gesellschaft. Darum muss die Gesellschaft über Lebensweisen diskutieren. Es ist aber auch ein sozioökonomischer Diskurs. Denn für das Individuum kann das gesündere Essen teurer sein.

Gesundes und ökologisches Essen können sich also vor allem gutverdienende Gutmenschen leisten.
Das ist nicht grundsätzlich so. Regionale Lebensmittel sind während der Saison nicht viel teurer, auch wenn sie biologisch angebaut sind. Aber es sind oft Grundnahrungsmittel. Ich brauche also Zeit und Wissen, wie ich daraus schmackhafte Gerichte koche. Ausserdem muss ich genügend Platz haben, um die Lebensmittel zu lagern, was wiederum Geld kosten kann. Vor allem für Menschen mit wenig Zeit und Geld ist es schwieriger, sich gesund zu ernähren.

Die Vorschriften zum Essen betreffen nicht nur die Gesundheit. Der Nationalrat will den Import von Foie gras verbieten. Will man uns alles verbieten, was Freude macht?
Hier geht es um das Tierwohl. Die Gänse werden mit einem Trichter gefüttert und so «gestopft», dass der Stoffwechsel das Futter nicht verarbeiten kann. Dadurch verfettet die Leber der Tiere. Das dürfte für das Tier nicht sehr angenehm sein.

Die Romands argumentieren, Foie gras sei Teil ihrer Kultur.
Sie bewerten den Genuss höher als das Tierwohl. Für einen Nichtliebhaber von Gänseleber ist das unverständlich. Aber die gleiche Frage stellt sich bei anderen tierischen Lebensmitteln. Denn wir haben immer das Dilemma, dass andere Lebewesen für uns sterben, wenn wir uns ernähren. Sogar die vegane Ernährung hat Konsequenzen für andere Lebewesen. Viele Proteinprodukte, auf die wir ausweichen, wachsen nicht hier. Zum Beispiel Soja, Avocados oder Cashew-Nüsse für veganen Käse. Die Bedingungen, unter denen Soja angebaut wird, sind oft weder sozial noch ökologisch. Der Lebensraum von Tieren wird zerstört, und der Transport schädigt die Umwelt.

Gibt es auch sanftere Methoden, um Foie gras herzustellen?
Ja, man lässt die Tiere so viel fressen, wie sie wollen, ohne sie zusätzlich zu stopfen. Im Falle von Stopfleber würde ich daher eher auf Aufklärung als auf Verbote setzen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.06.2017, 18:46 Uhr

Christine Brombach ist Professorin für Ernährung und Konsumentenverhalten an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Die Ökotrophologin studierte Ernährungs- und Haushaltswissenschaften in Deutschland und den USA. Sie forschte unter anderem zum Essverhalten der verschiedenen Generationen und zur Verpflegung in Schulen. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Wädenswil. Die 54-Jährige ist Mutter von drei Kindern. (Bild: zvg)

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