Vom Vulkanwein bis zum Beton-Ei

Der Klimawandel beeinflusst immer stärker auch die Weinproduktion. Die Trends.

Besonders fruchtbar: Die Vulkanerde des Ätnas wird für den Weinanbau neu entdeckt. <nobr>Foto: Getty Images</nobr>

Besonders fruchtbar: Die Vulkanerde des Ätnas wird für den Weinanbau neu entdeckt. Foto: Getty Images

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Authentisch und gesund

Im Zeitalter der Klimadiskussion sticht ein Trend ganz besonders hervor: Der Wein muss authentisch und gesund sein. Und es darf keine Massenware sein. Zwei Haupttendenzen dieser Naturweine sind zu erkennen: Orange- und Glouglou-Weine. Beim Orange-Wein handelt es sich um einen Weisswein, der wie ein Rotwein produziert wird. Die weissen Trauben werden mit den Traubenschalen und den Kernen (manchmal sogar auch mit den Stielen) vergoren, was zur Folge hat, dass der Wein länger auf der Maische liegt und dadurch seine leicht orange Farbe bekommt. Diese Weine haben mehr Struktur als ein herkömmlicher Weisswein.

Parallel zu ihnen stehen die Glou­glou-Weine. Dabei handelt es sich um Rotweine mit tiefem Alkoholgehalt, delikaten Tanninen und einer sehr frischen Aromatik. Es sind Weine, die man aus dem Beaujolais kennt, die teils als ganze Trauben vergärt worden sind (natürlich biologisch oder biodynamisch) und das pure Gegenteil der früheren Parker-Punkte-Weine darstellen. Sie lassen sich unmittelbar nach dem Abfüllen geniessen, stimulieren den Gaumen und sind sehr erfrischend. Interessant ist, dass sowohl bei den Orange- wie auch bei den Glouglou-Weinen die Herkunft oder die Aromatik der Traubensorte zweitrangig ist – es geht ums Prinzip und die Lust, das Glas mit gutem Gewissen schnell zu leeren.

Auf Vulkanerde gewachsen

Wenn man an ein spezifisches Terroir denkt, muss es heute schon ein ganz spezielles und vor allem gesundes sein. Hier ist die Zeit der Vulkanweine angebrochen. Auch wenn seit Jahrzehnten auf Vulkanböden Wein vinifiziert wird, spricht man jetzt intensiv darüber. König unter den Vulkan-Terroirs ist der Ätna, und so sind seine Weine die neuen Trophäen aus Italien. Sogar Star-Winzer Angelo Gaja wird demnächst einen Ätna-Wein lancieren.

Wein als Lifestyle-Produkt

Nach wie vor ist Wein eng mit Lifestyle verbunden. Und so erstaunt es nicht, dass die grössten Luxuskonzerne Wein in ihren Portfolios haben. Geschickt werden auch die einzelnen Branchen miteinander verbunden, indem etwa bekannte Mode-Designer Etikette und Flasche der neuen «Dom Pérignon»-Flasche kreieren.

Diese Entwicklung steht im Gegensatz zur Naturweinbewegung. Im Moment sind es zwei Weinrichtungen, die hier boomen: Bollicine und Rosé-Weine. Bei den Schaumweinen sind es vor allem Champagne und Prosecco, die den Ton angeben. Man trinkt sie inzwischen auch «on the rocks», anstelle eines Cocktails. Und die Rapper haben den Rosé entdeckt und besingen ihn in ihren Songs. Rick Ross etwa geniesst den Übernamen «Ricky Rozay», und Young Thug trinkt nur Rosé aus der schwarzen Flasche (Marke Luc Belaire). Aber auch Hollywoodstars sind auf den Rosé gekommen. Bestseller ist hier der «Miraval Rose» von Angelina Jolie und Brad Pitt, aber auch Sting, Sarah Jessica Parker oder Drew Barrymore lancieren eigenen Weine für ihre Fans.

Schwere Blockbuster

Ein dritter Weintyp, der immer häufiger entkorkt wird, ist der schwere, intensive und schmelzige Rote mit viel Temperament, Wärme und Gehalt – der sogenannte Blockbuster-Wein. Meist wird er in schwere Flaschen abgefüllt und kommt aus dem Süden Italiens oder Frankreichs. Beliebte Traubensorten sind dabei der Primitivo oder der Nero d’Avola. Aus der Neuen Welt erlebt auch die Malbec-Traube gerade einen Boom, weil sie ebenfalls diese Charakteristik mit sich bringt.

Dänemark und England

Im letzen Jahrhundert galt der 55. Breitengrad als Grenze des kommerziellen Weinbaus. Diese Grenze hat sich inzwischen nach Norden verschoben, und Weinbau wird heute auch in England und Dänemark (58. Breitengrad) betrieben. Denkt man an die klassischen, ursprünglich als kühlere Regionen definierten Gebiete wie Nordfrankreich oder Deutschland, fährt man hier jetzt Jahrgang für Jahrgang reife Ernten ein.

Alte Reben neu entdeckt

Der Klimawandel führt aber auch dazu, dass mehr und mehr Reben in höheren Lagen gepflanzt werden. Denn nur dort können sie ausreichend lang heranreifen, ohne dass der Zuckergehalt explodiert – die Rede ist von High Altitude oder alpinen Weinen. Zudem werden durch Züchtungen resistentere Sorten kultiviert, die widerstandsfähiger gegen Krankheiten, Frost oder Schädlinge sind und mit weniger Chemie im Rebberg auskommen. Und alte, vergessene Sorten werden wiederentdeckt, etwa vom Champagnerhaus Bollinger.

Beton im Keller

Auch im Keller suchen Winzer nach besseren Methoden. Hier erlebt gerade das Beton-Ei einen Boom. Wein wird zwar seit eh im Beton gelagert, aber die Ei-Form ist der neue Zeitgeist. Im Vergleich zu Holz und Stahl erlaubt der Beton eine gleichmässigere Alterung, eine stabile Temperatur und eine gewisse Mikrooxidation. Der Vorteil ist aber die ovale Form. Sie sorgt dafür, dass die Hefe während der Gärung in Bewegung ist, und so die Weine mehr Komplexität und Textur entwickeln. Ganz verrückte Winzer lassen sich diese Eier sogar aus Zement herstellen.


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Erstellt: 04.10.2019, 11:52 Uhr

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