Was Sie auch essen, Sie machen was falsch

Kein Fleisch, viel Bio und alles ist gut? Nicht wirklich. Eine Autorin auf der Suche nach dem nachhaltigen Konsum.

Nachhaltig konsumieren ist kompliziert: Ein Einkaufswagen mit Waren. Foto: Keystone

Nachhaltig konsumieren ist kompliziert: Ein Einkaufswagen mit Waren. Foto: Keystone

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Wir wohnen an der Hellmutstrasse und finden es lustig, unser Zuhause mitten im Rotlichtviertel Casa Hellmut zu nennen. Wir haben auch einen Hausdrink, den Hellmut. Da gehört Prosecco rein, Eiswürfel natürlich und Sirup, gekocht aus dem Rosmarin von der Dachterrasse. Letzten Winter aber mussten wir unser Zuhause umtaufen. In Casa Hellmut Kohl. Egal, ob man morgens aus dem Bett kroch oder abends zur Wohnungstür reinkam und den ganzen Tag gelüftet hatte: Es stank nach Kohl.

Sie ahnen es vielleicht, das Gemüseabo.

Ein grosser, brauner Sack voll Rüben, Knollen, Blättern. Vieles bestimmbar erst nach längerer Google-Bildrecherche, und das jeden Samstag. Teuer, zeitraubend in der Zubereitung, eintönig und nicht gerade das, was man im Restaurant bestellen würde.

Warum also das Zeug freiwillig essen? Ich hatte eigentlich keine klare Antwort, ausser diesem diffusen moralischen Überlegenheitsgefühl, das einen überkommt, wenn man meint, das Richtige zu tun – Sie wissen schon: fleischlos, nachhaltig und so. Ich spielte bereits mit dem Gedanken, die Gemüseabo-Frequenz etwas zu senken, nur noch alle zwei Wochen vielleicht, da traf ich Manfred Bötsch.

Margarine, Nutella, Tiefkühlpizza, Salatsauce – Palmöl ist überall.

Manfred Bötsch leitet das Ressort Nachhaltigkeit bei der Migros und ist Mitglied der Geschäftsleitung, vorher war er elf Jahre lang Direktor des Bundesamts für Landwirtschaft, er hat Erfahrung als Bauer, ein ETH-Studium, ein Jusstudium und einen Master in Non-Profit-Organizations-Management. Wenn mir also jemand helfen kann, das grösste aller Alltagsrätsel zu lösen, dann er: Wie kann ich gut essen und gleichzeitig das Klima und die Natur schonen? Wie einkaufen, worauf ich Lust habe, ohne dass irgendwo jemand dafür bezahlt oder meine ungeborenen Kinder später dann?

Seit einem halben Jahrhundert wächst unser ökologisches Bewusstsein kontinuierlich, wir wissen längst, dass die Erde endlich ist und die Biosphäre verletzlich. Trotzdem verhalten wir uns unter dem Strich nicht rücksichtsvoller. Es mag daran liegen, dass der Mensch von Natur aus egoistisch und faul ist, aber vielleicht wird es ihm auch nicht leicht gemacht. Die Frage ist: Wie genau geht überhaupt rücksichtsvoll?

Manfred Bötsch und ich trafen uns nicht in einem M-Restaurant zum Lunch, sondern in: Kambodscha. Kambodscha ist eines der ärmsten Länder der Welt und das Land, woher die Migros einen ihrer wichtigsten Rohstoffe bezieht: Palmöl. Sie lässt dort Plantagen pflanzen und bewirtschaften, bezieht ein Drittel ihres Palmöls aus Kambodscha, rund 2000 Tonnen im Jahr. Jedes zehnte bis zwölfte Produkt in ihren Supermarktregalen enthält Palmöl, schätzt die Migros. Für die gesamte Industrie dürfte es fast jedes zweite Produkt sein – Margarine, Nutella, Tiefkühlpizza, Salatsauce, um nur einige wenige zu nennen.

In den vergangenen dreissig Jahren ist der weltweite Verbrauch des Öls um das Zehnfache gestiegen. Weil wir anders essen und weil tierische Fette durch die BSE-Krise in Verruf geraten sind. Palmöl ist heute das Viagra der westlichen Foodindustrie. Ohne läuft nix mehr, weder in der Küche noch sonstwo. Palmöl ist also eine Metapher dafür, wie wir uns ernähren. Und ein anschauliches Beispiel dafür, wie vertrackt die Sache ist.

Wie also verhält sich die verantwortungsvolle Konsumentin?

Alle sagen, Palmöl sei schlecht. Die Migros wollte mich vom Gegenteil überzeugen, deshalb lud sie mich nach Kambodscha ein. Vierzehn Stunden Flug, tropische Hitze, eine holprige Busfahrt Richtung Küste und viel Zeit für Gespräche mit dem Experten Manfred Bötsch. Über Insektenburger, Haare im Brötchen (natürlich nicht bei der Migros), Flugananas, künstliche Aromen, Kamelmilch-Schoggi und palmölhaltige Nusstorte. Es war interessant, aber auch sehr unübersichtlich.

Einmal sassen wir in einem Restaurant, und ich betrachtete den Wasserspinat und den Fisch auf meinem Teller und war dankbar, dass sie in ihrer organischen Form vor mir lagen. Dass ich also sicher sein konnte, dass es sich wirklich um Wasserspinat und Fisch handelte. Weder aus dubiosen Komponenten zusammengesetzt noch stark erhitzt, palmölhaltig oder vom anderen Ende der Welt importiert. Sondern einfach das, was ich sah. Ein kambodschanisches Gemüseabo sozusagen.

Erst kürzlich hatte ich zu Hause einen Flammkuchen aus Fertigteig gebacken, und auch da ist – wie ich feststellen musste, als ich dann mal nachschaute – Palmöl drin. Genau wie in den Pralinés, die es zum Dessert gab. Was irgendwie beides erstaunlich ist, denn wenn man den Flammkuchen selbst backt, braucht es höchstens ein paar Tropfen Olivenöl. Und vielleicht bin ich naiv, aber auch in der Schoggi würde ich eher Kakaobutter erwarten. Wie also verhält sich die verantwortungsvolle Konsumentin? Gibt es einen dritten Weg zwischen Stinkekohl forever und der aktiven Mithilfe bei der Zerstörung der Erde? Und wenn ja, wo führt dieser Weg durch?

Helm auf und an die Arbeit: Die Ernte der Palmöl-Frucht ist Handarbeit. Foto: Véronique Hoegger

Nicht nur ich, auch Manfred Bötsch stand dann zum ersten Mal auf einer Ölpalmenplantage: Palme an Palme, monokulturell, monoschön. Bisher hatte ich diese Plantagen nur in kritischen Dokumentarfilmen gesehen, meist als Luftaufnahme. Oft in Indonesien oder Malaysia. Ölpalmen, so lernte ich jetzt, tragen Büschel, 25 Kilo schwer, voller leuchtend orangeroter Früchte wie übergrosse Hagebutten. Vom Boden aus trennen Arbeiter mit langen Sichelsägen die Büschel ab, Helme schützen sie davor, dass die Früchte ihnen direkt auf den Kopf fallen.

Werden die Palmen nach einigen Jahren schliesslich so hoch, dass die Arbeiter vom Boden aus nicht mehr an die Früchte gelangen, sägen sie die Palmen ab und pflanzen neue. Dafür verdienen die Arbeiter 130 Dollar im Monat, so viel wie hier in Kambodscha eine Lehrerin. Diejenigen, die ich fragte, waren froh über diesen Job, denn es gibt in dieser Gegend ansonsten wenig Arbeit. Sie türmten die Früchte auf die Anhänger ihrer Motorbikes und brachten sie zur nahe gelegenen Fabrik.

Ein altbekanntes Bild: Brandrodung für weitere Palmöl-Plantagen in Indonesien. Foto: Keystone

Am Vorabend im Hotel hatte ich den Computer aufgeklappt und begonnen zu recherchieren. Es ist gut dokumentiert, welche Probleme der Anbau von Ölpalmen mit sich bringen kann: Menschen werden enteignet und umgesiedelt, weil die Plantagen so viel Platz brauchen; Menschen werden schlecht bezahlt; Wälder werden brandgerodet, wodurch wertvolle Bäume zerstört werden und der Boden abgetötet; Orang-Utans und andere vom Aussterben bedrohte Tierarten verlieren ihren Lebensraum; die Artenvielfalt der Pflanzen leidet aufgrund der Monokultur; bei starken Regenfällen erodiert der Boden, weil zu wenige Wurzeln ihn stabilisieren; werden die Palmen noch dazu auf Torfböden angebaut, entweicht viel Kohlenstoffdioxid, was dem Klima schadet; der exzessive Einsatz von Pestiziden und Düngern verseucht das Grundwasser. Alles Dinge, für die ich auf keinen Fall verantwortlich sein möchte.

Die Plantage, über die wir nun liefen, ist die Lieblingsplantage der Migros, und das aus gutem Grund: Hier wuchs nie Regenwald, folglich musste er nicht abgeholzt werden. Die Büsche wurden nicht mit Feuer gerodet, sondern mit der Machete. Orang-Utans lebten hier keine, auch keine anderen seltenen Tierarten. Die Palmen wachsen nicht auf Torfboden, sondern auf einem sandigen Lehm.

«Viele hören das nicht gern, aber der Apfel-Anbau im Thurgau ist auch eine Monokultur.»Manfred Bötsch, Leiter Nachhaltigkeit bei der Migros

Es wurden keine Menschen umgesiedelt, und der Plantagenbesitzer hat Häuser für die Arbeiterinnen und Arbeiter bauen lassen, ausserdem Kitas, Schulen und Tempel. Alle paar Hundert Meter ziehen sich Korridore durch die Palmenmonotonie. Dort wuchern Gras, Schlingpflanzen und Büsche, das trägt zur Biodiversität bei, und das Regenwasser kann abfliessen, ohne den Boden wegzuschwemmen. Das Wasser wird in natürlichen Becken gespeichert, und in trockenen Perioden wird damit die Plantage bewässert.

Trotz allem bleibt die Plantage eine Monokultur, und ob man das in Ordnung findet oder nicht, hängt von der Perspektive ab. Man kann sie als ökologische Wüste betrachten, als Verbrechen an der Natur, oder man kann darin eine effiziente Art sehen, den Boden zu nutzen, und den Versuch, die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren, wie Manfred Bötsch, der sagt: «Viele hören das nicht gern, aber das Wort Monokultur beschreibt auch nichts anderes als die Art und Weise, wie im Thurgau Äpfel angebaut werden.»

Vor fünfzehn Jahren schon hatte die Migros mit anderen Firmen und NGOs, darunter WWF und Greenpeace, eine globale Diskussion über die sozialen und ökologischen Kosten des Ölpalmenanbaus lanciert. Industrie und NGOs arbeiteten Kriterien aus und gründeten ein Label, RSPO – Roundtable on Sustainable Palm Oil. Auf vielen Plantagen verbesserten sich dadurch die Bedingungen, gleichzeitig entstanden immer neue Plantagen – ausschliesslich in Ländern nahe dem Äquator, weil nur hier das Klima für die Ölpalmen stimmt. Durch das Label wurde vieles besser, aber nicht überall.

Mit der Zeit verlor das Label an Glanz. Denn einige Firmen kauften sich von der Verantwortung frei, um sich mit dem Label zu schmücken, und regelmässig deckten Medien oder Umweltschutzorganisationen Verstösse von RSPO-Mitgliedern gegen die Richtlinien auf. Greenpeace Schweiz rät deshalb heute grundsätzlich von palmölhaltigen Produkten ab. Coop hat angekündigt, künftig in seinen Eigenprodukten nur noch Bio-Suisse-Palmöl zu verwenden. Und Manfred Bötsch sagt: «RSPO genügt heute nicht mehr.» Er hat dafür gesorgt, dass die Migros nur noch von Plantagen beschafft, die Kriterien erfüllen, die strenger sind als diejenigen von RSPO.

Waschpulver, Biodiesel, Tierfutter – auch da ist Palmöl drin.

Mir hatte vor dieser Reise gegraut. Ich hatte befürchtet, nachher würde ich völlig anders einkaufen müssen. Aber nun vor Ort fand ich meine Bedenken nicht bestätigt. Die radikale Forderung von Greenpeace, ganz auf Palmöl zu verzichten, schien mir visionär, aber als Lösung ungeeignet. Ich hatte inzwischen genug gelesen, um zu wissen, dass Palmöl dann durch ein anderes Öl ersetzt werden müsste. Statt Ölpalmen müssten Sojabohnen, Rapspflanzen, Sonnenblumen oder Kokospalmen angebaut werden, und zwar auf einer deutlich grösseren Fläche, weil diese Pflanzen weniger ertragreich sind. Das Problem würde sich also nur verlagern.

Natürlich kann man sich fragen: Was wäre, würde ab morgen kein Mensch auf der Welt mehr Tiefkühlpizza, Nutella und andere stark verarbeitete Produkte essen? Aber das ist unwahrscheinlich, weil viele Inderinnen und Chinesen solche Produkte gerade erst entdecken. Ausserdem müsste man auch Waschpulver, Biodiesel, Tierfutter boykottieren. Deshalb begnügte ich mich mit der Erkenntnis: Indem ich das Palmöl der Migros esse, richte ich keinen direkten Schaden an.

Von der Plantage bis zur Fabrik fuhren wir zehn Minuten mit dem Auto, vorbei an endlosen Palmenspalieren. Es sah aus, wie eine Fabrik in einem der ärmsten Länder der Welt nun mal aussieht: laut, heiss, schmierig, rostig. Rohes Palmöl sickerte in grosse Bottiche, und ich dachte an die glänzenden Werbebroschüren und die sauberen Plastikverpackungen bei uns in der Schweiz und wie perfekt sie darüber hinwegtäuschen, wie dreckig und ärmlich das alles seinen Anfang nimmt. Daran, wie weit der Weg ist von den Frauen in Flipflops, den alten Motorbikes, den schiefen Holzhütten, die ich durch das Autofenster gesehen hatte, bis zu den fünfzig verschiedenen Müesli im Supermarktregal, zwischen denen ich jederzeit wählen kann.

Biofleisch, hatte ich immer gedacht, sei für eine Fleischesserin die beste Wahl.

Das rohe Palmöl wird über Rotterdam in Containern den Rhein hinauf in die Schweiz verschifft, wo es raffiniert wird – ein letztes Veredeln, wodurch das Öl klarer und weniger bitter wird und der Wert deutlich steigt. Denn in Kambodscha fehlt dazu die nötige Technologie. Die Menschen hier in der Fabrik werden das Öl, für das sie von morgens bis abends schuften, selbst nie auf den Teller bekommen.

Obwohl ich zu der Einsicht gelangt war, dass der Konsum nachhaltigen Palmöls moralisch vertretbar ist, fühlte ich mich irgendwie schlecht. Zurück in der Schweiz dachte ich viel an Kambodscha und ging anders einkaufen. Ich versuchte, auf Palmöl zu verzichten. Flammkuchenteig buk ich fortan selbst. Was unlogisch war. Auch deshalb, weil ich ja mit eigenen Ohren gehört hatte, dass die Arbeiterinnen und Arbeiter auf der Plantage ihren Job gern behalten wollen.

Die Gespräche mit Manfred Bötsch verfolgten mich. Zum Beispiel hatte er mir erzählt, er selbst kaufe aus Überzeugung kein Biorindfleisch, sondern nur Rindfleisch aus integrierter Produktion, also TerraSuisse. Er erklärte es mir so: Biorinder wachsen langsamer, leben länger und nutzen mehr Fläche. Dadurch rülpsen sie mehr und beschleunigen durch das entweichende Treibhausgas die Erderwärmung. Für das Klima sind sie also ungesunder als Tiere aus integrierter Produktion und konventioneller Haltung. Ich war erst überrascht und dann verwirrt. Biofleisch, hatte ich immer gedacht, sei für eine Fleischesserin die beste Wahl. Nun wurde mir klar: Man kann nicht einfach eine verantwortungsvolle Konsumentin sein. Man muss sich entscheiden, wofür man Verantwortung übernehmen will: fürs Tierwohl oder fürs Klima.

«Würden alle Menschen ganz auf Fleisch verzichten, wäre das ein Problem.»Manfred Bötsch, Leiter Nachhaltigkeit bei der Migros

Auch über Vegetarismus hatten wir gesprochen. Ich hatte bisher in dem Glauben in Supermärkten eingekauft und in Restaurants bestellt, dass es besser wäre, fleischlos zu leben. Dass mir zwar leider die Disziplin fehlte, um jedem Entrecote, jeder Lasagne, jeder Bratwurst zu widerstehen. Dass es mich aber zu einem besseren Menschen machen würde, wäre ich dazu in der Lage.

Um meine Konfusion komplett zu machen, hatte Manfred Bötsch erklärt: «Würden alle Menschen ganz auf Fleisch verzichten, wäre das ein Problem. Denn wir haben nicht genug Ackerfläche, um den Fleischkonsum vollständig durch Getreide zu ersetzen. Ideal wäre, wenn wir dreissig bis vierzig Prozent weniger Fleisch essen.»

Und dann auch noch regional

Je mehr ich recherchierte und nachdachte, desto mehr Widersprüche begegneten mir. Beispiel Tomaten: In meinem Gemüseabo-Sack sind sie rar, deshalb kaufe ich sie oft im Supermarkt. Nun lernte ich: Reifen sie in Spanien an der Sonne und werden dann mit dem LKW in die Schweiz importiert, ist das besser fürs Klima, als wenn sie in einem Schweizer Gewächshaus heranwachsen, das mit Erdöl beheizt wird. Ob die Tomaten aus dem Gewächshaus oder vom Feld stammen, steht auf der Packung aber nicht drauf – man hat einfach die Wahl zwischen Spanien und Schweiz. Was man im Moment des Kaufs nicht wirklich weiss: Ist regional auch gut fürs Klima?

Weiter geht es mit den weissen Spargeln. Sie aus der Erde auszugraben, ist eine mühsame Arbeit. Das lässt sich jeden Frühsommer beobachten, wenn man mit dem Zug oder dem Auto an einem Spargelfeld vorbeifährt. Es ist eine Arbeit, die zwar in unserer Nähe erledigt wird. Aber oft von osteuropäischen Saisonarbeitern, die für ausbeuterische Löhne den ganzen Tag mit gebücktem Rücken in der prallen Sonne stehen. Das führt zur Frage: Ist regional-saisonal auch dann gut, wenn jemand brutal dafür schuftet und unfair bezahlt wird?

Kein Zweifel, Manfred Bötsch hat in dieser unübersichtlichen Gesamtsituation einiges getan, um mein schlechtes Gewissen zu erleichtern, nicht nur beim Palmöl: Thunfische werden in Thailand nur noch einzeln mit der Angel und lokalen Fischen als Köder gefischt, dadurch wird Beifang vermieden und die Meeresumgebung geschont. Beim Anbau von Bananen in Kolumbien wird Wasser gespart, möglichst wenig Pestizide versprüht, wenig Müll produziert und die Gesundheit der Arbeiter geschont. Auch die Optigal-Poulets kriegen mehr Platz und erhöhte Sitzplätze, obwohl das Gesetz dies nicht vorschreibt.

Aber die Migros fliegt eben auch Mangos aus Peru und Wildlachs aus Alaska ein, was viele Emissionen verursacht. In nicht essbaren Produkten wie Kerzen oder Waschpulver verarbeitet sie Palmöl, das nach tieferen ökologischen Standards angebaut wurde als auf ihrer Lieblingsplantage. Und man kann sich fragen, ob es genügt, dass es den Menschen in Kambodscha durch den Job auf der Palmölplantage besser geht als ohne diesen Job. Oder ob wir nicht eigentlich dafür verantwortlich wären, dass es ihnen genauso gut geht wie uns.

Wie also mit all den Widersprüchen umgehen? Ich muss noch eine zweite Person um Rat fragen.

Am Limmatplatz vor der Migros treffe ich Silva Lieberherr. Sie arbeitet für die Stiftung «Brot für alle» und hat eingewilligt, mit mir einkaufen zu gehen. Lieberherr hat an der ETH Agrarwissenschaft studiert, eine Dissertation über Bauernselbstmorde in Indien geschrieben und lange in den ländlichen Regionen von Indien, Kirgistan und Sierra Leone gearbeitet. Für «Brot für alle» arbeitet sie mit Bauernorganisationen auf der ganzen Welt zusammen, analysiert das globale Agrarsystem und bringt ihre Erkenntnisse in die Schweizer Politik ein.

Lieberherrs ideale Welt sieht anders aus als die von Manfred Bötsch. Wenn er der Pragmatiker ist, dann ist sie die Kämpferin. Ihrer Erfahrung und Überzeugung nach wäre es durchaus möglich, alle Menschen auf der Welt vegan zu ernähren. Allerdings müssten wir unsere Ernährung auch sonst stark verändern. Die Kambodschaner und Peruanerinnen und Burkinabe würden nämlich nur noch anbauen, wofür sie sich selbst entscheiden, und nicht mehr das, was wir im Westen von ihnen verlangen. Dadurch würde das Angebot bei uns kleiner werden, und wir würden mehr regionale Produkte essen, die dann natürlich teurer wären.

«Wenn man im Supermarkt einkaufen muss, hat man eigentlich schon verloren.»Silva Lieberherr, Expertin bei «Brot für alle»

Schon vor unserer Verabredung hat Silva Lieberherr mich gewarnt: Labels seien nicht ihr Fachgebiet, deshalb könne sie vielleicht nicht alle Produkte zu hundert Prozent richtig einschätzen. Zudem sei die Aussagekraft vieler Labels beschränkt: Zu oft musste sie auf ihren Reisen mit eigenen Augen feststellen, dass die Standards vor Ort nicht eingehalten werden. Offenbar stellt der Plan, verantwortungsvoll einzukaufen, selbst eine Expertin vor Herausforderungen.

Beim Obst und Gemüse angekommen, sagt sie: «Wenn man im Supermarkt einkaufen muss, hat man eigentlich schon verloren.» Früher habe sie viel recherchiert und darüber gegrübelt, welche Produkte sie mit guten Gewissen essen könne und welche nicht. Heute achtet sie nur noch auf die grobe Richtung: regional, möglichst bio, wenig Milch und Eier, kein Fleisch und nach Möglichkeit nichts stark Verarbeitetes. «Allerdings kommt mir hier auch mein Geschmack entgegen», sagt sie. «Ich esse einfach lieber Haferflocken als Crunchy Flakes.»

Um regelmässig im Bioladen oder auf dem Markt einzukaufen, fehlt ihr die Zeit, aber sie sieht darin auch keine Lösung. Trotz jahrelanger Auseinandersetzung mit den politisch-ökonomischen Verhältnissen, kauft sie heute auch mal eine Ananas, die aus Kolumbien eingeflogen wurde. Ohne schlechtes Gewissen. Ich schaue sie fragend an. «Echte Veränderungen auf der Welt kommen nicht durch Konsum zustande», sagt sie, «sondern durch Politik.»

Sie erzählt mir eine Geschichte: Vor vier Jahren entliess die Firma Biosol, die in Almería in Südspanien Gemüse und Früchte für Migros und Coop abpackt, fünf marokkanische Arbeiterinnen fristlos, weil diese sich in einem Fernsehbeitrag, der auf Arte ausgestrahlt wurde, kritisch über ihre Arbeitsbedingungen geäussert hatten. Die Arbeiterinnen entschieden sich, mithilfe einer Gewerkschaft zu klagen, und bekamen recht.

Es war aber nicht nur die juristische Unterstützung, die zum Erfolg führte. Zwei NGOs hatten die Arbeitsbedingungen in Almería zuvor in der Schweiz bekannt gemacht. Medienberichte und Protestbriefe von Konsumentinnen und Konsumenten an die Firma folgten. Der Verband Bio Suisse versuchte zu vermitteln, und als das nicht zum Erfolg führte, entzog er den Biosol-Produkten die Bioknospe-Zertifizierung, woraufhin Migros und Coop die Produkte aus dem Regal nahmen. Biosol musste die fünf marokkanischen Arbeiterinnen wieder einstellen und ihnen vierzehn Monate Lohnausfall erstatten.

Es gibt sie nicht, die Anleitung zur moralisch einwandfreien Konsumentin.

Ich verstehe, was Silva Lieberherr mir damit sagen will: Das Problem wurde nicht durch Einkaufen gelöst, sondern auf politischem Weg. Indem wir keine Tomaten mehr kaufen, hätten wir den Arbeiterinnen nicht helfen können. Wohl aber, indem wir den Vorfall thematisieren, Geld für Anwälte spenden und strengere Gesetze unterstützen.

So bitter es ist, nach langen Gesprächen mit Manfred Bötsch, nach dem Treffen mit Silva Lieberherr, nach unzähligen Artikeln und Studien, die ich gelesen habe, begreife ich: Es gibt sie nicht, die Anleitung zur moralisch einwandfreien Konsumentin. Niemand kann mir die Absolution erteilen für die Art, wie ich lebe. Eine Tendenz ja, klare Regeln nein. Denn die Komplexität verursacht Zielkonflikte.

Selbst wenn alle Menschen nach bestem Wissen und Gewissen einkaufen würden, wäre dadurch die Welt nicht gerecht und die ökologische Katastrophe nicht abgewendet. So wie wir die Kleiderindustrie nicht in Ordnung bringen, indem wir nichts mehr aus China kaufen, und die negativen Auswirkungen des Tourismus nicht, indem wir zu Hause bleiben, so können wir die Welt auch mit dem Einkaufskorb allein nicht verbessern.

Vielleicht führt der Wunsch, uns als Konsumentinnen und Konsumenten nichts zuschulden kommen zu lassen, sogar in die Irre: Wir ermöglichen dadurch den Marketingabteilungen, immer neue Labels zu erfinden (natürlich auch sinnvolle), grüne Verpackungen zu designen und rührselige Geschichten um Produkte herum zu dichten, deren hohe Preise wir gerne bezahlen, weil sie ein gutes Gewissen versprechen, uns beruhigen.

Die Frage, die ich mir künftig stellen werde, lautet deshalb nicht nur: Wie verhalte ich mich als Konsumentin? Sondern auch: Bin ich eine verantwortungsvolle Bürgerin?

Erstellt: 30.06.2018, 10:42 Uhr

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