Wenn Schwangere Drinks mixen

Wer keinen Alkohol trinkt, kann sich trotzdem einen Cocktail gönnen – Seedlip sei dank. Doch wie gut schmeckt der falsche Schnaps?

Tätowiert, Vollbartträger und keine Lust mehr, ständig zu erklären, warum er keinen Alkohol trinken mag: Ben Branson ist der Erfinder des alkoholfreien Gin-Ersatzes Seedlip.

Tätowiert, Vollbartträger und keine Lust mehr, ständig zu erklären, warum er keinen Alkohol trinken mag: Ben Branson ist der Erfinder des alkoholfreien Gin-Ersatzes Seedlip. Bild: Tom Oldham/PD

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Alles wirkt wie echt: Zur farblosen Flüssigkeit im Glas kommen ein paar angeschmolzene Eiswürfel. Dazu giesst man zwei Finger breit Tonicwater, vielleicht gibt man sogar eine Zitronenzeste ins Behältnis. Bloss ist es kein Gin, der als Basis dieses gemixten Drinks verwendet wird – sondern Seedlip, ein «Schnaps» ohne Alkohol.

Erfunden hat das Produkt vor rund zwei Jahren ein Engländer: Ben Branson, tätowiert und bisweilen Vollbartträger. Ihm war es leid, im Ausgang ständig zu erklären, warum er keinen Alkohol trinken mag. Was ihm auch nicht gefiel: dass er als enthaltsamer Geniesser bloss die Auswahl hatte zwischen Coca-Cola, Orangensaft und Wasser. Offenbar ist Brandson da nicht der Einzige – Seedlip war von Beginn weg erfolgreich.

Was für das Produkt spricht: Es lassen sich damit alkoholfreie Drinks mixen, die eben nicht auf aromatisiertem Zuckerwasser oder auf Fruchtsäften basieren. Und darum entfällt auch der Nachteil, dass sie – vor dem Essen genossen – sättigend wirken. Für Seedlip wird, analog zum Gin, Wasser destilliert, das mit Gewürzen und anderen Pflanzenbestandteilen versetzt ist. Die verschiedenen, so entstandenen Einzeldestillate werden verschnitten, sodass daraus etwas möglichst Genussvolles resultiert. Weil kein Alkohol im Spiel ist, handelt es sich per Definition zwar nicht um eine echte Spirituose, trotzdem bezahlt der Konsument fast 40 Franken für die 7-­Deziliter-Flasche. Was natürlich auch dem Design von Flasche und Etikett geschuldet ist – wohlgemerkt ist Ben Branson Produktedesigner von Beruf.

Seit November 2016 wird Bransons Gin-Ersatz vom Wein- und Spirituosenhändler Paul Ullrich AG in die Schweiz importiert. Dort ist man zufrieden: «Wir haben den Absatz seit Beginn des Jahres verdreifachen können», sagt der zuständige Brandmanager Taho Rosslow. «Zurzeit verkaufen wir pro Monat rund 300 Flaschen.»

Wie schmeckt Seedlip? Zwei Versionen sind erhältlich – und bei beiden gilt: Pur genossen funktioniert die Sache nicht wirklich. Weil Wasser statt Alkohol die Basis ist, wirkt die Konsistenz des Getränks im Mund – ja, wie wohl? – wässrig. Der «Spice 94» erinnert stark an Nelken, Muskatnuss und ein wenig an Tabak, ein Hauch von Weihnachten also, obwohl der Geschmack von Piment, Kardamom, Grapefruit, Zitruszeste und verschiedenen Rinden herrührt. Die «grüne» Version von Seedlip, «Garden 108» genannt, riecht irgendwie nach Spearmint, hinzu kommen Erinnerungen an Gras und Erbsen; gepaart ist das alles wiederum mit würzigen Noten.

Man darf nicht vergessen: Bransons «Beinahe-Schnaps» ist kein Getränk für den puren Genuss am Cheminée, man sollte ihn wie angedeutet mit anderen Getränken mixen. Beim Selbstversuch fällt auf, dass die Aromen tatsächlich zusammen mit Tonic oder Ginger Ale bestehen können. Eine positive Nachricht für alle, die auf Alkohol verzichten wollen oder müssen.

Angefügt sei trotzdem, dass Seedlip kaum an einen guten Gin herankommt. Es ist und bleibt ein Ersatzprodukt, von denen es inzwischen ja so viele gibt: Denken Sie an Milchersatz etwa aus Hafer – eine gute Sache, wenn man laktoseintolerant ist. Denken Sie an Assugrin, das zuckerkranke Menschen verwenden. Es gilt, falsche Würste aus Tofu zu erwähnen und so weiter. Das ist alles okay, das ist alles aber immer nur Ersatz. Oder haben Sie schon mal jemanden ernsthaft schwärmen hören, wie toll der falsche Eiffelturm in Las Vegas aussieht? (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.10.2017, 16:40 Uhr

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