Wieso Wein aus Georgien?

Es mag tatsächlich seltsam klingen, aber es gibt einen guten Grund: Georgien gilt als älstestes Weinbauland der Welt.

Reben soweit das Auge reicht: Weinberge bei Sabue, etwa 130 Kilometer östlich von Tiflis. Foto: Reuters

Reben soweit das Auge reicht: Weinberge bei Sabue, etwa 130 Kilometer östlich von Tiflis. Foto: Reuters

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Kürzlich bekam ich die einmalige Gelegenheit, mit einem lieben Freund ­Georgien zu besuchen. Er hatte dieses spannende Land in Vorderasien bereits mehrfach bereist. So gewann ich in ­kürzester Zeit einen grossartigen Einblick in diese uns weitgehend unbekannte ­Gegend.

Was viele nicht wissen: Georgien gilt als ältestes Weinbauland der Welt, in dem nachweislich bereits seit über 7000 Jahren Wein kultiviert wird und der Rebe eine geradezu erstaunliche Bedeutung zukommt. Dass nach der Christianisierung im 4. Jahrhundert die ersten Kreuze aus Rebstöcken gefertigt wurden, ist ein schönes Beispiel für die Liebe der Georgier zum Wein.

Über 500 Traubensorten

Georgien, das östlich des Schwarzen Meeres liegt, hat etwa die Grösse von Bayern und nur viereinhalb Millionen Einwohner. Bis 1991 gehörte es zur ­Sowjetunion und lieferte dorthin auch drei Viertel der Weinernte. Nach der Unabhängigkeit folgte eine radikal westliche Ausrichtung unter Michail Saakaschwili, der viel zur Modernisierung beitrug, unvorsichtigerweise aber auf Konfrontationskurs mit Russland ging. 2006 kam es infolgedessen zum politisch motivierten Einfuhrverbot ­georgischer Weine.

Der Boykott stürzte den georgischen Weinbau in eine tiefe Krise, führte ­jedoch auch dazu, dass sich die Qualität wieder verbesserte, weil neue Märkte beliefert wurden. Leider ist nach Aufhebung des Embargos der alte Schlendrian wieder eingekehrt. Es schmerzt ausserordentlich zu sehen, auf welche Weise in Kachetien, der besten Weinregion Georgiens, Rebbau betrieben wird. Von wenigen Spitzenbetrieben abgesehen, zählt in erster Linie die Erntemenge, und nicht selten wird dem Wein sogar Wasser beigemischt, um die Rentabilität zu erhöhen. Dabei hätte die Region – sie liegt eingebettet zwischen dem Grossen und Kleinen Kaukasus – ein riesiges Poten­zial und ist auch touristisch ein ­Ereignis. Denn abgesehen von vermehrtem Hagel ist das mild-warme Klima ideal. Über 500 heimische Traubensorten, die teilweise noch gar nicht richtig erforscht sind, bieten zudem enorme Entwicklungsmöglichkeiten.

Während meines Besuchs verkostete ich sehr viele georgische Weine. Das ­Potenzial wird bedauerlicherweise nur in den seltensten Fällen ausgeschöpft. Typisch für das Land sind die sogenannten Amphorenweine. Sie werden wie ­seinerzeit in der Antike in grossen, bis zu acht Tonnen fassenden Tonkrügen vergoren, den sogenannten Kvevris. Wichtiges Merkmal ist die darin durchgeführte Vergärung an den Traubenschalen und Stielen. Nach diesem Prozess werden die in die Erde eingelassenen Amphoren aufgefüllt, verschlossen und der Wein bis im Frühjahr an den Schalen weitergelagert. Wird sauber ­gearbeitet, gewinnt dieser so eine natürliche Stabilität und wird extrem lang haltbar. Er besitzt zudem viel mehr ­Tannin als üblich und entwickelt einen ganz speziellen Charakter.

Ungewöhnliche Nuancen

Ein gutes Beispiel eines solchen Kvevri-Weines stammt vom deutschen Manager Burkhard Schuchmann, der sich in die Gegend verliebte und einen der ­bekanntesten Weinbetriebe aufbaute. Wie er mir mitteilte, fand er mehr durch Zufall nach dem russischen Boykott zu seinen Weinbergen. Dank eines hervorragenden Önologen produziert er einen der besten weissen Kvevri-Weine, gekeltert aus der seltenen lokalen Sorte Kisi. Er besitzt einen völlig ­eigenständigen, charaktervollen Geschmack, der aber, lässt man sich darauf ein, einen ungewöhnlichen Nuancenreichtum offenbart.

Vinoterra (Schuchmann Winery), Kisi, Kachetien 2006 à 26.60 Fr. bei www.russen-shop.ch.

Erstellt: 31.10.2014, 19:17 Uhr

Weinkenner Philipp Schwander schreibt im Wechsel mit Paul Imhof über Wein und Winzer und stellt edle Tropfen vor.

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