Zu Hause gegen Food-Waste angehen?

Was in Europa in den «Güsel» gekippt wird, würde reichen, um alle Hungernden auf der Welt zu ernähren – zweimal.

Was sich verwerten lässt, wird verwertet – auch von einer roten Zwiebel. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Was sich verwerten lässt, wird verwertet – auch von einer roten Zwiebel. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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Ja

Lebensmittelabfälle im eigenen Haushalt zu vermeiden, sollte so normal sein, wie Flaschen im Altglas zu entsorgen. Denn entgegen den Erwartungen fallen die grössten Verluste beim Endkunden an: 45 Prozent des Food-Waste in der Schweiz entstehen daheim – im Detailhandel oder in der Landwirtschaft sind es deutlich weniger. Und genau deshalb kann man das Problem so gut selber anpacken. Wer schon mal eine Liste geführt hat, was er in einer Woche alles wegschmeisst, kommt auf die Welt: Es scheint, als blende das Hirn alles aus, was im Abfall landet.

Gott sei Dank lernt man schnell, weniger fortzuwerfen. Die erste Regel dafür lautet: nur so viel kaufen, wie man wirklich braucht. Dafür lohnt es sich, vor dem Gang in den Lebens­mittelladen einen Blick in den Kühlschrank zu werfen und diesen regelmässig zu kontrollieren: Ältere Produkte rutschen nach vorne, neuere nach hinten. Eine Einkaufsliste und ein voller Magen können ebenso helfen, Fehlkäufe zu vermeiden. Und im Restaurant darf man ja auch mal ­fragen, ob man die Reste nach Hause nehmen darf.

Sich solche Tipps nicht zu Herzen zu nehmen, ist etwa so stumpfsinnig, wie täglich alleine mit einem Range Rover während Stosszeiten in die Stadt zu pendeln. Es kann niemand ernsthaft anzweifeln, dass bezüglich Food-Waste dringender Handlungsbedarf besteht. Zumal die Menge Lebensmittel, die in Europa fortgeworfen wird, reichen würde, um die Hungernden dieser Welt zweimal zu ernähren. Umso dringender müssen wir lernen, weniger zu konsumieren.

Und gerade weil uns die Grossverteiler dabei nicht helfen, liegt es an uns, den verlockenden Aktionen zu widerstehen. Man kauft sie, vergisst sie, und schon ist das Haltbarkeitsdatum abgelaufen. Fortwerfen? Falsch! Man kann ja auch mal am Essen schnuppern, um festzustellen, ob es noch essbar ist.

Sowieso: Zu lernen, Nahrung «rübis und stübis» zu verwenden, kann ein guter Einsteig in ein einigermassen grünes Leben sein. Man muss ja nicht gleich zum Super-Öko werden. Dass einem die Lebensmittelverschwendung, wo man sie verhindern kann, egal sein kann, scheint mir jedenfalls verantwortungslos.

Nein

Das Problem scheint klar: 45 Prozent aller Lebensmittel, die im Abfall landen, stammen aus Privathaushalten. Das sind 320 Gramm pro Kopf und Tag – unerhört. Und trotzdem wurmt es mich, dass der Schwarze Peter nun mir zugeschoben wird, wenn ich zu Hause mal eine verfaulte Orange in den Güsel werfe. Ich, der jedes Nüdeli in ein Tupperware packt, um später einen köstlichen Restenauflauf zuzubereiten.

Es sieht zwar nach einem eindeutigen Fall aus – aber eigentlich sollte man die Produzenten von Lebensmitteln härter anpacken. Immerhin lassen sie 13 Prozent von allem Gemüse gleich ganz auf dem Acker liegen – wohl weil ihnen zu wenig dafür bezahlt wird. Dann gilt es, auf die Verarbeitung zu fokussieren; in diesem Sektor werden 30 Prozent des Essens aussortiert und weggeworfen. Die Ware landet im Müll, weil angenommen wird, dass gerade Bananen und krumme Rüebli nicht dem Gusto des Konsumenten entsprechen würden. Und nicht zuletzt sollte man mit dem Finger auf die Detailhändler zeigen, welche die beschriebene Wertschöpfungskette wesentlich prägen. Sie sind bis jetzt wenig ins Kreuzfeuer geraten, weil ihnen die bisher einzige Schweizer Studie zum Thema gerade einmal vermeintlich bescheidene 5 Prozent Abfallanteil zuschreibt. Verfasst hat die Studie unter anderem der WWF, notabene bei vielen Projekten ein Partner von Coop.

Prozente hin oder her – entscheidender ist eh etwas anderes: Wieso bekomme ich reduzierte Ware meist als «3 für 2»-Aktion? Warum liegen in meiner Migros-Filiale zurzeit 10er-Packungen Twix («plus 2 Stück») vor der Kasse? Die beiden Riesen mit den orangen Logos sind längst nicht die Schlimmsten – nein, die Discounter sind noch penetranter. Haben Sie schon mal bemerkt, dass die Papier­säcke bei Lidl grösser sind als anderswo? Damit die Familienpackung Guetsli und die XXL-Packung Pommes-Chips besser Platz haben. Je mehr du einkaufst, so hat man uns mit der «Geiz ist geil»­Logik eingetrichtert, desto mehr sparst du! Logisch, dass der Respekt vor Nahrungsmitteln verloren ging.

Ausbaden soll ausgerechnet ich es, nur weil ich ab und zu ein Stück Käse mit Schimmel wegwerfe? Ohne mich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.03.2017, 23:11 Uhr

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