Benutzen Sie ja keinen Löffel zu Spaghetti!

Pasta anständig und würdig zu essen, ist eine Kunst. Wie drehe ich die Fäden zu festen Spulen, wenn ich nicht Joe DiMaggio bin?

Hat sie ihm keine Manieren beigebracht? Baseballstar Joe DiMaggio als junger Mann mit Mutter Rosalie. Foto: Getty Images

Hat sie ihm keine Manieren beigebracht? Baseballstar Joe DiMaggio als junger Mann mit Mutter Rosalie. Foto: Getty Images

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Wie man richtig Spaghetti isst, wusste der Vater von Gay Talese ganz genau. Wenn sein Sohn, der später zu einem stilbildenden Reporter des new journalism werden sollte, im New Yorker Restaurant «Venice» zur Vorspeise Spaghetti mit Muschelsauce bestellte, verwendete der baseballbesessene Bub dafür seine Gabel und einen Esslöffel, «den ich wie einen Fanghandschuh einsetzte, um herabgefallene Muschelstücke aufzuklauben und zugleich meine Gabel zu stabilisieren, während ich eifrig versuchte, die Spaghettifäden zu festen, ordentlichen Spulen zu drehen».

Das gefiel dem Vater nicht. Er war ein italoamerikanischer Massschneider, konservativ bis in die Knochen, und sein Stilbewusstsein beschränkte sich nicht auf den Schnitt der Dreiteiler und Pelzmäntel, die er in seinem Atelier herstellte, es galt es auch für profane Dinge wie den Verzehr von Pasta: «Er verwendete stets nur eine Gabel, mit der er die Nudeln kunstvoll aufzwirbelte, ohne dass auch nur eine herabbaumelte, wenn er sie zum Mund führte.»

Poetische Tischmanieren

Jede andere Methode hielt Joseph Talese, der das Spaghettiessen noch in seiner süditalienischen Heimat gelernt hatte, für falsch. Besonders missfiel ihm der Gebrauch eines Löffels: «Nur Leute ohne Manieren essen ihre Spaghetti auf diese Weise – oder Leute, die keine Ahnung haben, wie die meisten Amerikaner oder jene Amerikaner italienischer Abstammung, die Cafoni [Bauerntrampel] sind – in Italien jedoch würde kein kultivierter Mensch in der Öffentlichkeit je einen Löffel dafür benützen.»

Beherrscht nicht jeder: Spaghetti auf einer Gabel aufdrehen. Foto: Getty Images

Also wies er seinen leidgeprüften Sohn, der schon im massgeschneiderten Dreiteiler zur Schule gehen und sich dafür von den Kommilitonen verspotten lassen musste, an zu üben: «Eines Tages wirst du es hinbekommen.»

Ich bewundere die poetischen Tischmanieren Joseph Taleses, auch wenn ich sie nur aus der Prosa seines Sohnes kenne (die Geschichte «Ein Sonntag zu Kriegszeiten» erschien gerade im Band «High Notes»). Es ist eine hohe Kunst, komplizierte Tätigkeiten leicht und selbstverständlich aussehen zu lassen, und der Verzehr von Spaghetti, noch dazu wenn diese mit ausreichend viel Sauce serviert werden, fällt sicher in dieses Fach. Wenn ich in ein italienisches Restaurant gehe und, sagen wir, heisshungrig Spaghetti mit Muschelsauce bestelle, erschrecke ich, sobald der Kellner mit meiner Bestellung in die Küche unterwegs ist, vor der eigenen Courage. Schliesslich trage ich ein blütenweisses T-Shirt oder Hemd, und einmal abgesehen von den Haltungsnoten beim Essen möchte ich nicht, dass meine breite Brust jedem, der es nicht wissen will, Auskunft darüber gibt, was es zu Mittag gab.

Ade, bürgerlicher Kanon

Tischmanieren sind auf dem Rückzug. Es gehört nicht mehr zum bürgerlichen Kanon, aufrecht auf seinem Stuhl zu sitzen, die Ellenbogen nicht aufzustützen, von aussen nach innen das richtige Besteck zu wählen und mit dem ersten Bissen zu warten, bis alle am Tisch das Essen vor sich stehen haben. Gute Manieren bei Tisch stellen keinen Distinktionsgewinn mehr dar. Selbst in besseren Restaurants, deren Besuch hingegen durchaus als Distinktionsmittel funktioniert, wird heute auf eine Weise gegessen, die mit dem bürgerlichen Kanon nichts mehr zu tun hat.

Angemessene Tischmanieren haben einen kulturellen Wert, sie adeln und verfeinern uns.

Reiche Menschen, die Messer und Gabel wie einen Faustkeil halten, sind keineswegs mehr die Ausnahme von der Regel, und sie werden nur übertroffen von manchen Kindern, deren Ernährungsgewohnheiten so eigenwillig sind, dass ihre Eltern froh sind, wenn sie überhaupt etwas essen. Ob sie für ihre zu Brei geschnittenen Spaghetti am Schluss die Gabel, den Löffel oder ihr wasserfestes Handy verwenden, das ist vollkommen gleichgültig.

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Mir gefällt diese Entwicklung nicht. Angemessene Tischmanieren haben einen kulturellen Wert, sie adeln und verfeinern uns. Nur damit wir uns richtig verstehen: Ich plädiere keineswegs für ein Comeback der bleiernen Zeit am Wirtshaustisch, für die zwingende Jacke und Krawatte (obwohl ich glaube, dass das formelle Dinner bald ein Comeback feiern wird, als Gegenbewegung zum Turnschuh-Fine-Dining, wie es derzeit flächendeckend betrieben wird).


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Ich sehne mich nur danach, dass jemand weiss, wie er die Gabel halten muss, damit Spaghetti und Muschelsauce nicht nur heftig geliebt, sondern auch würdig verzehrt werden können.

PS: Die Pointe der Geschichte von Gay Talese zielt übrigens darauf, dass am Nebentisch Joe DiMaggio seine Spaghetti mit Muschelsauce isst, der berühmteste Baseballstar seiner Zeit: «Sein Mund öffnete sich, und alle um ihn herum lächelten – ich eingeschlossen –, als er seine Gabel durch die Luft wirbelte und völlig unverfroren in einen grossen Silberlöffel senkte.»

Erstellt: 10.07.2018, 11:51 Uhr

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