Chinesischer Kaufrausch im Bordelais

Reiche Chinesen haben französische Weingüter als neues Investitionsfeld entdeckt. Mit den neuen Besitzern geht auch ein Kulturwandel bei der Produktion des Rebensafts einher.

Steve Loo gehört das Château Lagarosse im Hintergrund. Rund 100 weitere Güter im Bordelais sind inzwischen in chinesischem Besitz. Foto: Patrick Aventurier (Getty Images)

Steve Loo gehört das Château Lagarosse im Hintergrund. Rund 100 weitere Güter im Bordelais sind inzwischen in chinesischem Besitz. Foto: Patrick Aventurier (Getty Images)

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Majestätisch liegt das Pink Château auf einem Hügel, umgeben von 132 Hektaren Land. Im Osten reichen die Reben bis zum Mündungsarm der Garonne, im Westen fällt der Blick endlos in die Landschaft. «In medio acquae» haben die ­Römer diese Gegend getauft, Médoc, ein riesiger Kalksteinsockel, über den der Fluss vor Jahrtausenden dicke Schichten Sand und Kies gespült hat. Saint-Estèphe, Pauillac, Margaux heissen die Orte hier, winzig klein, aber weltbekannt.

Die Sonne müsste jetzt die letzte Süsse in den Wein jagen, aber an diesem Tag fällt Regen. Li Lijuan versinkt mit ihren Absätzen im feuchten Boden. «Nennen Sie mich einfach Lilly», sagt sie, dann bleibt ihr Schuh in der Erde stecken.

Lilly, 31, sieht aus wie aus dem Ei gepellt: Designerhandtasche, Ohrstecker mit Chanel-Logo, tadellos geschminkt. Sie ist Immobilienmaklerin, und wenn sie mit Kunden die Weingüter des Médoc besichtigt, wäre praktische Kleidung unpassend. Ihre Klienten sind die reichsten Männer Chinas, Industriemagnaten, Tycoons, Börsenmakler, deren Namen auf der Hurun-Liste stehen, das chinesische Pendant zum Forbes-Ranking. Männer also, die ihr Vermögen in Milliarden zählen, auch wenn sie gern mal auf den Boden spucken oder beim Essen rülpsen.

In solchen Fällen muss Lilly zwischen den Kulturen übersetzen, muss die französischen Schlossherren beschwichtigen, die ratlose Blicke austauschen und nachdenklich an ihren Siegelringen drehen. Doch sobald über den Preis verhandelt wird, kommt es auf kulturelle Unterschiede nicht mehr an. Chinesische Börsenkrise hin oder her: Es wirkt, sagt ein Kenner der Szene, als bezahlten die Chinesen die Schlösser aus der Portokasse.

Inszenierung als Weinbauer

Mehr als ein Jahrhundert lang war Château Loudenne im Besitz einer britischen Spirituosendynastie. Daher die rosafarbenen Aussenwände, daher die Rosen, die sich daran hochranken, die prall vollen Blüten im Rosengarten, daher der Spitzname Pink Château. Doch inzwischen weht hier die Flagge Chinas.

Loudenne gehört zu den gut 100 Schlössern im Bordelais, die seit 2008 von Chinesen gekauft wurden; 25 waren es allein im vergangenen Jahr. «Ein Weingut in Bordeaux zu besitzen, ist die schönste Geldtrophäe, die man sich vorstellen kann», sagt Rupert Hoogewerf, Gründer des «Hurun Reports». «It’s fun», erklärt Lilly. Doch Spass allein ist es nicht, es fallen Begriffe wie Prestige, Visiten­karte, Aushängeschild. Selbst in China möchte man schliesslich nicht mehr als Nouveau riche gelten, sondern Klasse beweisen, indem man ein bisschen Tradition einkauft.

Auch Stars wie die in China berühmte Schauspielerin Zhao Wei können nicht widerstehen. 2011 hat sie sich ein Schloss geleistet: Château Monlot mit 7 Hektaren Saint-Emilion Grand Cru. Warum sollte, was Angelina Jolie und Brad Pitt in der Provence dürfen, nämlich sich als Weinbauern inszenieren, chinesischen Berühmtheiten verwehrt sein? Die Franzosen knirschen ein wenig mit den Zähnen, aber feiern offiziell die französisch-chinesische Freundschaft. Kein Wunder: Trotz eines Einbruchs von knapp 20 Prozent in diesem Jahr bleibt China das erste Exportland für Bordeauxweine.

Auf Weinmessen und Galadiners singt Lilly weiterhin Chansons der Piaf, schliesslich hat sie bei «The Voice» unter den chinesischen Expats den Europawettbewerb gewonnen und verkörpert wie niemand anderes hier das enge Band der Chinesen mit Bordeaux. Die Region, sagt Lilly, sei weltoffen. Und beruhigt mit Zahlen: Bei fast 7500 Schlössern und Weingütern müsse man sich über 100 in chinesischer Hand nicht ernsthaft ­Sorgen machen.

Noch ist für die fernöstlichen Käufer die Weinqualität nebensächlich. Was sie interessiert, ist vor allem die Immobilie, das Märchenschloss. Aber was, wenn eines Tages Château Pétrus oder Cheval Blanc zum Verkauf ausgeschrieben sind? «Dann werden die Chinesen in der ersten Reihe stehen», prophezeit Hervé Olivier von der staatlichen Agrarlandschätzstelle Safer.

Im Burgund haben sie das schon erlebt. Als dort unlängst die ersten Chinesen auftauchten, um das berühmte Gut Gevrey-Chambertin zu erwerben, versuchte die ansässige Kooperative dies zu verhindern. 5 Millionen brachten sie zusammen, die Chinesen legten noch mal 3 drauf, doppelt so viel wie ursprünglich gefordert: 8 Millionen für Napoleons Lieblingswein. Von einer «Plünderung» sprach Jean-Michel Guillon, Vorsitzender der Kooperative. «Was würden die Chinesen sagen, wenn wir einen Teil der chinesischen Mauer kauften?»

Beim Trend zum Château-Kauf im Bordelais hat Li Lijuan für die chinesische Klientel bei «Christie’s International Real Estate» eine Schlüsselrolle inne. «Die Schlösser beginnen bei uns bei 2, 3 Millionen Euro, dafür bekommst du in Hongkong gerade mal eine Dreizimmerwohnung.» Das teuerste Gut, das sie anbietet, kostet mehr als 42 Millionen. Um so etwas wie Liebe auf den ersten Blick geht es dabei nie. Ein «Return on Investment», sagt sie, werde angestrebt.

«Was würden die Chinesen sagen, wenn wir einen Teil der chinesischen Mauer kauften?»

Geschäftsleute lieben die Diskretion, über Geld wird nicht gern geredet. Aber als Loudenne, das «Pink Château», im vergangenen Jahr den Besitzer wechselte, hiess es hinter vorgehaltener Hand, dass an die 20 Millionen geflossen seien. Gekauft hat es der Spirituosenriese ­Mutai, 4,4 Milliarden Jahresumsatz.

200'000 Flaschen Bordeaux werden hier jährlich produziert, 30 bis 40 Prozent davon werden nach China exportiert, sagt Yajie Yang. Die junge Chinesin hat das Management übernommen, die Weinberatung Michel Rolland, von dem es heisst, er könne sogar Wasser in 100-Punkte-Wein verwandeln. Andere halten ihn für den Hauptschuldigen, dass viele Bordeaux-Weine heute nicht mehr viel anders schmecken als die aus Südafrika oder Kalifornien. In den nächsten vier Jahren will Mutai 5 Millionen Euro in Loudenne investieren. Auch ein Luxushotel soll entstehen. Bis es so weit ist, bewohnt Managerin Yang das fast 1000 Quadratmeter grosse Schloss so gut wie allein – wenn man den Rottweiler nicht mitzählt, den sie sich aus lauter Angst zugelegt hat.

Bis in die 90er-Jahre war Wein in China fast unbekannt – inzwischen haben die Chinesen die Franzosen als grösste Rotweinkonsumenten abgelöst: In den Jahren von 2008 bis 2013 hat sich ihr Verbrauch fast verdreifacht, während der Konsum der Franzosen um 18 Prozent zurück­gegangen ist. Ein Grossteil der 1,87 Milliarden Flaschen Rotwein, die in China verkauft werden, stammen inzwischen aus dem Land selbst. Doch wer etwas auf sich hält, trinkt eben Bordeaux.

Den besten Wein ex und hopp

Als Morgan Seux das erste Mal nach Peking eingeladen wurde, kam er aus dem Staunen nicht mehr heraus. Er steht zwischen Weinfässern und erzählt, wie sie sich dort zuprosten, wie sie den besten Bordeaux trinken, auf ex und hopp. Seux, der in der französischen Basketballnationalmannschaft gespielt hat, ist Kellermeister im Château des Tourelles. Seit seine Schwiegereltern das Gut mit seinen 47 Hektaren bester Médoc-Lage an den chinesischen Giganten Makrolink Group verkauft haben, muss er Erfindungsreichtum beweisen. Fu Jun, der Vorstandsvorsitzende, hat ihm einen Anforderungskatalog vorgelegt, der nicht viel damit zu tun hat, was für einen französischen Winzer erstrebenswert ist: «Monsieur Fu», dessen Vermögen auf 1,8 Milliarden geschätzt wird, sei angetreten mit den Worten, man werde hier einen «Rothschild» machen.

«Aber den Chinesen fehlt die Kultur. Sie wollen Wein, der sich leicht trinken lässt», sagt der grosse, junge Mann und lächelt sibyllinisch. «Sie wollen ihn weich, sehr fruchtig, möglichst ohne Tannine. Auch Säure können sie nicht ausstehen. Aber Säure ist, was den Wein haltbar macht.» Er wird es trotzdem hinbekommen, moderner Technik sei Dank.

Wäre es nicht schade, wenn da traditionelles Weinwissen verloren ginge? «In Wahrheit ist es mit dem Wein nicht anders als mit dem Tee», sagt Lilly, «man muss sich auskennen.» Dann wischt sie sich den Schlamm mit einem Taschentuch von ihren Schuhen. Im April wird sie den Sohn einer bekannten Bordelaiser Winzerfamilie heiraten. 14 Schlösser haben die Ducourts. Für die Hochzeit in China wird ein ganzes Dorf gemietet und rundherum abgesperrt. Danach gibt es in ihrer Heimat Chengdu Wein für alle.

Erstellt: 15.10.2015, 18:04 Uhr

Li Lijuan

Maklerin in Bordeaux

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