Das Gelbe vom Blau

Heidelbeeren haben ihren besten Auftritt, wenn sie in Form dieses Kuchens daherkommen.

Der beste Auftritt der blauen Beeren: Dieser Heidelbeerkuchen macht glücklich. Foto: Ingo Pertramer

Der beste Auftritt der blauen Beeren: Dieser Heidelbeerkuchen macht glücklich. Foto: Ingo Pertramer

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Wenn ihr mich dieser Tage seht, fragt bitte nicht, wie es mir geht. Es könnten Missverständnisse entstehen. Tatsächlich sah ich den doch eher befremdlichen Moment, als mir unlängst eine junge Frau über die Strasse helfen wollte, in einem anderen Licht, als ich kurz darauf mein Spiegelbild in einem Schaufenster entdeckte: Meine Lippen waren blau wie die eines kleinen Jungen, der um nichts in der Welt aus dem See steigen will, obwohl er schon völlig unterkühlt ist.

Sie dachte vermutlich Schlimmeres, dabei ging es mir gut, sogar sehr gut: Ich hatte mich gerade mit einem herzhaften Stück dieses fantastischen Heidelbeerkuchens verpflegt, dessen Rezept mir die Mutter eines Freundes grosszügig überlassen hatte (danke, Karola!). Meine Lippen waren von einem dunklen Blau, und als ich mir selbst aufmunternd zulächelte, erschrak ich selbst ein bisschen: Auch meine Zähne waren von den Anthocyanen, den Farbstoffen der Heidelbeere, violett gefärbt, und hätte ich mir die Zunge herausgestreckt, hätte sie wohl so bunt ausgesehen wie die der Römer in «Asterix bei den Olympischen Spielen», die vom verbotenen Zaubertrank genascht hatten.

Blaue Lippen sind dieser Tage allerdings ein Kollateralschaden, den ich gerne riskiere. Gerade gibt es in den Wäldern unzählige Heidelbeeren, und selbst wer zu faul ist, sich gebückt durchs Unterholz zu bewegen, um die weichen, dunklen Beeren von ihren Stauden zu pflücken, bekommt reichlich davon auf den Märkten.

Wenn ich von Heidelbeeren spreche, meine ich natürlich diese wild geernteten Früchte, nicht die aufgeblasenen Kulturheidelbeeren. Die sind zwar gross und ansehnlich. Ihr weisses Fruchtfleisch schmeckt allerdings so wässrig, wie es aussieht. Nein, ich meine die Heidelbeeren, mit denen man achtsam umgehen muss, um nicht die halbe Küche blau zu färben oder gar die ganze Wohnung. Wenn zum Beispiel die eine oder andere Beere beim Auspacken auf den Boden fällt, steigt man mit grosser Wahrscheinlichkeit drauf und merkt das erst, nachdem man schnell einmal quer durchs Vorzimmer über den hellen Läufer spaziert ist.

Klar, diese Heidelbeeren können roh gegessen werden, leicht gezuckert und mit kalter Milch übergossen (vor allem der violette, süsse Bodensatz der Heidelbeeren-in-Milch-Schüssel macht Spass). Sie können zu Konfitüre verkocht werden (der Küchenchef René Leitgeb gab mir den Tipp, es mit 3:1 Zucker und mit einem kleinen Stück Bitterschokolade pro Glas zu versuchen – himmlisch). Roland Trettl verleiht mit zwei, drei Löffeln roher Heidelbeeren seinem Steinpilzrisotto den letzten Schliff, indem er die Säure der Beeren kurz vor dem Servieren gegen die erdigen Töne der Pilze und die mollige Macht von Reis, Butter und Parmesan in Stellung bringt – was für ein Erlebnis!

Aber den besten Auftritt haben Heidelbeeren wohl doch, wenn sie in Form von Karolas Heidelbeerkuchen daherkommen, grosszügig, ja, fast schon verschwenderisch eingesetzt und flankiert von süssen, knusprigen und ein bisschen kindischen Noten. Hier die Checkliste für ein Blech von 30 x 20 cm:


  • 1 Rolle Blätterteig (ca. 270 g)
  • mindestens 400 g Heidelbeeren
  • ½ l Milch
  • 3–4 EL Vanillezucker
  • 20 ml Rum
  • 80 g Vanillepuddingpulver
  • abgeriebene Schale von 1 Bio-Zitrone
  • 4–5 EL Heidelbeerkonfi
  • 2 EL Butter
  • 3 EL Mehl (für das Blech)


1. Ofen auf 160 Grad vorheizen. Backblech mit Butter ausstreichen und mit Mehl bestäuben. Blätterteig aufs Blech legen und an den Rändern hochziehen. Mit einer Gabel Löcher in den Teig stechen und für 5 Minuten im Backrohr vorbacken. Herausnehmen, kurz abkühlen lassen.

2. Das Puddingpulver mit ein bisschen Milch glatt rühren. Die restliche Milch mit Zucker und Rum aufkochen, das glatt gerührte Puddingpulver einrühren und 2, 3 Minuten leicht köcheln lassen, bis der Pudding schön cremig ist. Anschliessend die Zitronenzesten unterrühren.

3. Pudding abkühlen lassen, danach auf dem Blätterteig verstreichen. Nun die Heidelbeeren möglichst gleichmässig darauf verteilen. Wieder in den Ofen geben und 30 bis 35 Minuten backen. Dann herausnehmen und abkühlen lassen. Zum Schluss die Heidelbeerkonfi aufkochen und mit einem Pinsel auf dem Kuchen verstreichen. Falls ihr dann noch ausser Haus gehen wollt, empfiehlt sich ein Blick in den Spiegel.

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Dieses Rezept haben wir erstmals am 17. August 2019 in «Das Magazin» publiziert.

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Erstellt: 20.08.2019, 10:49 Uhr

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