Der Grüntee wird grün

Einst herrschten in den Nilgiribergen britische Lords, heute wird dort Biotee gepflückt. In den indischen Anbaugebieten setzt man auf ökologische Standards für das Trendprodukt.

In den Korakundah-Plantagen wird nur noch Biotee angebaut. Fotos: Veronique Högger

In den Korakundah-Plantagen wird nur noch Biotee angebaut. Fotos: Veronique Högger

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Ein Aufenthalt im Herrenclub von Udagamandalam in Südindien gleicht einer Zeitreise zurück in den Kolonialismus. Einzig das Dauerhupen von Bussen, Tata-Dreiradwagen und Motorrädern auf den Strassen ins benachbarte Bergdorf erinnert ans 21. Jahrhundert. Aber hier im Club haben die britischen Militärs unverwüstliche Spuren an den Wänden hinterlassen: Tiger- und Bärenfelle, imposante Hirschgeweihe, einen Bisonkopf und einen präparierten Raubfisch mit so weit aufgesperrtem Maul, dass man lieber einen Bogen um ihn macht.

Die Briten haben vor über 100 Jahren die chinesische Teepflanze hierhergebracht und unter dem gestrengen Auge von Captain Meyrick, Lord Willingdom, Major Jackson und wie sie alle hiessen von den lokalen Bauern anpflanzen lassen. Wenn es ihnen ob des vielen Grüns langweilig wurde, gingen sie auf die Jagd oder spielten Billard. Captain Palmer war für die Hunde zuständig, die Meute stürzte sich auf alles, was sich im Dschungel bewegte.

Biotee statt Jagdfleisch

Heute ist alles friedlicher. Tiger, Bär, Leopard und Bison sind geschützt, die Kuh heilig – aus dem einstigen Jagdgebiet sind Naturpärke geworden, aus einzelnen Teeplantagen Vorzeigeprojekte ökologischer Produktion. Und im Club stehen unter den Jagdtrophäen Auszeichnungen für Biotee; statt britischer Lords beim grillierten Jagdfleisch sitzen der ­lokale Teedirektor Durga Hegde, Otmar Hofer und Andreas Beuch bei Cashewnüssen zusammen. Hofer vertritt die Migros-Tochter Bischofszell, Beuch arbeitet für den Hamburger Teeimporteur Hälssen & Lyon.

Geduldig hört sich Hegde die Wünsche der beiden Einkäufer aus Europa an – inzwischen hat er schon die Bedingungen von zwölf internationalen Labels zu erfüllen, jedes mit eigenem Monitoring. Vier Gütesiegel sind auch in der Schweiz gängig: Bio, Utz, Max Havelaar und Rainforest. Wenn Teedirektor Hegde einen Wunsch frei hätte, dann den, dass nicht weitere Labels dazukommen – sonst muss er demnächst eine zusätzliche Administrativkraft einstellen.

Röstigraben der Teetrinker

In der Schweiz steigt laut Mach-Consumer-Statistik der Anteil von Kräuter-, Früchte- und Grüntee am gesamten Teekonsum seit 2014 stetig. Gleichzeitig zeigt der Trend in Richtung nachhaltige Teeproduktion. Auch wenn die Sensibilität der Schweizer Teetrinker auf den beiden Seiten des Röstigrabens unterschiedlich ist: In der Deutschschweiz sind ökologische Standards wichtiger, in der Romandie soziale. Der Detailhandel will in den nächsten Jahren den Anteil an Tee mit Öko- und Soziallabels laufend erhöhen. Migros hat beim Schwarz- und Grüntee bereits 75 Prozent seiner Eigenmarken zertifiziert; Coop ist aktuell bei rund 50 Prozent. Auch Lidl, Aldi und Spar ziehen angesichts der steigenden Nachfrage natürlich mit.

Davon sind auch die Anbaugebiete betroffen. Die Darjeeling-Teegärten am Fuss des Himalajas haben ihre Produktion heute bereits zur Hälfte zertifiziert; und auch hier in den Nilgiribergen sind einzelne Gärten zu grünen Oasen geworden. Die Korakundah-Plantage auf 2700 Meter Höhe etwa mutet Besuchern mit ihrem gestauten Bergsee so idyllisch an wie unberührte Hänge und Wiesen im sommerlichen Engadin. In tieferen Lagen betreiben die Besitzer weitere Plantagen, teils mit konventioneller, teils mit Bioproduktion.

Hauptproblem ist die von den Briten geschaffene Monokultur – ihretwegen gefährden Pestizide das Grundwasser.

Stellvertretend für alle Teetrinker mit Gewissen erkundet die Migros (die auch die Recherche für diesen Text ermöglicht hat) die Arbeitsbedingungen der Teepflückerinnen – Männer sind kaum zu sehen – in den Nilgiribergen. Sie arbeiten sechs Tage die Woche, je acht Stunden, und können auf Korakundah umgerechnet bis zu 160 Franken im Monat verdienen, was deutlich über dem regionalen Durchschnittslohn liegen würde. Bloss ist die dafür erforderliche Erntemenge höchstens in der Regenzeit zwischen Juni und September zu erfüllen. Im April aber ist die viel zitierte Pflückerregel «Blüte und zwei Blätter» ein Mythos: Für Grün- und Schwarztee werden unter den Augen einer Aufseherin alle Blätter gepflückt, die über einer verschiebbaren Holzstange liegen – die älteren Blätter darunter sind zu faserig. Die allerjüngsten Triebe ganz oben werden übrigens gesondert für die Produktion von Weisstee gesammelt.

Die Korakundah-Plantage setzt auf reine Bioproduktion und erzielt für diese Ernte bei den Abnehmern einen Aufpreis von rund 25 Prozent. Gedüngt wird mit eigenem Humus auf der Basis von Kuhdung. Die Plantagenfirma bietet ihren Angestellten eine eigene Schule, ein Ambulatorium zur Gesundheitsversorgung und einen eigenen Tempel. Die von der Firma betriebene Schule kooperiert mit einem Partnerinstitut in den USA; das Bild ist ein anderes, als man sich von Drittweltschulen sonst gewohnt ist: Hier im südindischen Tamil Nadu sitzen schon kleine Knirpse vor Computern, ihr Lehrmittel zur Einführung ins Programmieren würde an jeder westlichen Fachhochschule durchgehen.

Fair Trade oft nicht deklariert

Der Zürcher Geograf Andri Brugger untersucht gegenwärtig die Marktstrategien von kleineren Teeplantagen und Kooperativen am Fuss des Himalajas. Er hat festgestellt, dass es wegen der Fair-Trade-Programme eine Ablösung gibt: Die aus dem Kolonialismus geerbte Hierarchie weicht einem gemeinsamen Diskussionsprozess zwischen Management, Arbeitern und Trainern um soziale Projekte. Allerdings werden bis heute erst sieben Prozent des unter Fair-Trade-Regeln produzierten Tees auch zertifiziert verkauft – dabei wäre diese Prämie Grundlage für die Finanzierung sozialer Projekte. Vielerorts steht ausserdem die alte Kastenstruktur einem neuen partnerschaftlichen Verhältnis im Wege.

Der Premiumbereich, man nennt ihn im Teehandel «orthodox», beruht auf den traditionell gerollten Blättern dieser Kamelienpflanze – oxidiert als Schwarztee, nicht oxidiert als Grüntee. Daneben gibt es die billigeren Produkte aus zerhäckselten Blättern. Sie werden für Teebeutel und den nationalen Markt verwendet. Hier wird nach wie vor viel gespritzt, vorab gegen Pilz- und Insektenbefall. Das ist weniger ein Gesundheitsproblem für Konsumenten als für die lokale Bevölkerung. Hauptproblem ist die von den Briten geschaffene Monokultur, deretwegen sich die Pestizide in wenigen Regionen konzentrieren und das Grundwasser gefährden.

Bischofszell will für die indischen Produzenten stufenweise Anreize setzen. Man ist bereit, einen Aufpreis zu zahlen, wenn die Teepflanzen beispielsweise ein Viertel weniger gespritzt sind. Für die Konsumenten wäre das tragbar: Würde man gänzlich auf Biotee setzen, würde sich der Liter Eistee im Regal um rund 10 Rappen verteuern.

Grüntee-Verfechterin Madonna

Nur noch Bio-Grüntee weltweit – ginge das überhaupt? Gegenwärtig wäre die Ernte dafür zu klein. Das Getränk ist seit einigen Jahren unglaublich gefragt, nachdem Madonna die Welt hat wissen lassen, dass sie Matcha-Grüntee über alles liebt. Und seit sich der mehrfach als Weltfussballer ausgezeichnete Lionel Messi als Botschafter für das grüne Teekraut versteht und führende Modelabels einzelne ihrer Vorzeigeläden zu Teestuben machen wollen.

Hofer, Beuch und Hegde einigen sich darauf, zu dritt ganz unbürokratisch eine zusätzliche Million Rupien aufzuwerfen, wenn ein beschlussreifes soziales Projekt da ist. Welches es sein soll, lässt man gut indisch offen: Es könnte eine Investition in die beiden von der Firma betreuten Waisenhäuser sein, eine zusätzliche Anlage für die Wasseraufbereitung, Spielgerät für die Kinder oder auch ein paar zentrale Wasch­maschinen für die Beschäftigten. Grün ist nicht nur die Farbe des Tees hier. Mit dieser Farbe verbindet sich die Hoffnung auf ein neues, verantwortliches Verhältnis zwischen Produzenten, Konsumenten und Umwelt.

Erstellt: 08.06.2017, 17:45 Uhr

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