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Der Wein, der Stolz, die Ehre und die Furcht

Die Familie Contucci baut seit tausend Jahren Wein an. Im Sommer gab es in der Toscana einen Weinskandal, doch Patron und Kellermeister kamen ohne Schramme davon.

An den Hängen rund um Montepulciano wachsen seit über 1000 Jahren Reben.
An den Hängen rund um Montepulciano wachsen seit über 1000 Jahren Reben.
Hans-Peter Siffert

Er hat Brauen, dicht wie Zahnbürsten. Blaue Augen, deren Blicke stechen. Eine Nase wie gemeisselt. Darunter sagt sein Mund: «Schreib gut über mich. Oder ich schneid dir den Kopf ab.» Dann saust seine Hand durch die Luft wie ein Fallbeil.

Es ist die Hand von Marcello Pallecchi, 70, Kellermeister der Familie Contucci in Montepulciano, die seit 1000 Jahren Wein macht. Die Contucci sind die Letzten, die noch in der Stadt keltern, alle andern produzieren ausserhalb. Ihr Palazzo ist ein 40 Meter hohes Haus, gelegen an der Piazza Grande, gegenüber der Kirche, gegenüber dem Rathaus.

Während diesen Frühling in der Toscana Millionen von Flaschen beschlagnahmt wurden wegen Verdachts auf Panscherei, blieben die Fässer der Contucci unberührt, gelagert in Marcello Pallecchis unterirdischem Reich.

Blitze in den Augen

Ecco! Zuerst sieht man seine weinrote Schürze. Dann die Hände, wie sie durch die Luft gleiten. Pallecchi steht im Eingang der Kellerei und schaufelt die Leute hinein mitsamt ihren Strohhüten und Gummisandalen, der Uniform der Toscanatouristen. Er ruft: Ecco! Hier! Hier spielt die Musik! Sein Haar schimmert, als würde der Kopf von innen beleuchtet. Bald pflanzt er sich auf vor den Leuten, führt sie durch die Kellerei und klöppelt an Weinfässer, in denen der Vino Nobile ruht, Stolz des Hauses und Pallecchis liebster Ausdruck. Er braucht ihn wie ein Satzzeichen. Vino Nobile hier, Vino Nobile da.

Der Vino Nobile war der erste Wein, der 1981 das Gütesiegel DOCG bekam, das die Herkunft gewährleistet. Ein Wein, rau und schwer, der fast ausschliesslich aus Sangiovesetrauben gewonnen wird, angebaut zwischen 200 und 600 Meter über Meer. Ein Wein, der vier Jahre im Fass ruht. Ein Wein auch, der im Schatten des Brunellos steht, der zwanzig Kilometer weiter westlich in Montalcino gekeltert wird, der reichsten Agrargemeinde der Welt mit ihren polierten Flaschen in den polierten Schaufenstern an den polierten Gassen. Doch seit dort die Polizei Ende März eine Million Flaschen Brunello beschlagnahmt hat, weil die Weinbauern mit unzulässigen Reben den Wein geschmeidiger gemacht haben sollen – seither krümmt sich die Verkaufskurve des Vino Nobile zaghaft nach oben. Auch nach Montepulciano sind die Ermittler gekommen und haben 120'000 Flaschen des Vino Nobile mitgenommen. Das Magazin «Espresso» titelte im März, kurz vor der Weinmesse Vinitaly: «Velenitaly» – «Giftitalien». Und nährte so einen alten Skandal, der mit der vergleichsweise harmlosen Geschichte in Montalcino und Montepulciano nichts zu tun hat: Ende letzten Jahres nämlich ist in Verona der wahre Giftwein aus den Regalen der Supermärkte entfernt worden. Analytiker fanden alles in der Flüssigkeit, nur keinen Wein: Wasser, Most, Melasse, Hefe, Glyzerin, Ammoniumsulfat, Weinsäure, Schwefelsäure, Phosphorsäure, Salzsäure. Prost!

Die Leidenschaft für Wein

Ecco! In Marcello Pallecchis Augen zucken millimeterkurze Blitze. Er ist jetzt kein Kellermeister mehr, sondern ein Opernsänger in einer Schürze. «Wollt ihr wissen», singt er, «wie lang ich schon Wein mache? – Seit 55 Jahren hab ich die Leidenschaft! Seit 55 Jahren trink ich den Nobile täglich, das erste Glas zum Frühstück! In Amerika haben sie rausgefunden: Vino Nobile wirkt wie Viagra! Das bestätige ich gern! Überhaupt: Dieser Wein ist ein Wunder. Hilft gegen Krebs! Gegen Cholesterin! Gegen Gastritis! Gegen alles!»

Der Vino Nobile als Marke ist eines der Werkzeuge, mit denen die Stadt auf dem Hügel sich positioniert als Edeladresse in Sachen Wein. Jedes Jahr findet in Montepulciano der Bravío delle botti statt, jeweils Ende August. Das ist ein Weinfässerrollen, das mittelalterlich wirkt, doch erst seit den Achtzigerjahren ausgetragen wird – so lockt Montepulciano die Touristen und die Fernsehleute mit ihren Kameras. Da ziehen zunächst Zunftleute in alter Kluft durch die Gassen, Tamboure, Fahnenwerfer. Dann fällt ein Schuss, und in Paaren rollen Vertreter der acht Stadtteile ein leeres Weinfass hoch auf die Piazza Grande, angefeuert vom Publikum.

Alamanno Contucci, 64, das Oberhaupt der alten Weinmacherfamilie, steht dann jeweils hinter einem der hohen Fenster seines Palazzos und schaut hinab auf die Ziellinie. Die Männer, die keuchend ihre Fässer ins Ziel rollen, dann zusammensacken, sind keine Einheimischen – die besten werden gekauft für mehr als 20'000 Franken. Seit Alamanno Contucci kein Geld mehr zuschiesst, kommen die Fässer seines Stadtteils lange nach den Siegern ins Ziel. Früher gewannen sie fast jedes Jahr.

Ecco! Marcello Pallecchi führt die Leute in ein kleines Zimmer, stellt sich hinter einen Tisch mit Weinflaschen. Er erzählt, bevors ans Kosten geht, wie die Familie Contucci in der Renaissance zwischen die Fronten kam, weil sie die Medici in Florenz wie auch den Papst in Rom mit Wein belieferte. Pallecchi nimmt unvermittelt eine Flasche, entkorkt sie, führt den Korken an seine Nase. Riecht. Schliesst die Augen. Dann reisst er sie auf und singt in Superlativen: Importanissimo! Bellissimo! Grandissimo! Er schenkt allen ein, hält inne, gibt Konsumanweisungen: «Arbeiten Sie im Büro? Dann trinken Sie täglich zwei Gläser! Sie arbeiten draussen? Dann darf es eine Flasche sein!» Die Leute klatschen, Pallecchi hebt päpstlich die Hand.

Schmerzen in der Brust

Alamanno Contucci sitzt einige Stockwerke weiter oben in seinem Arbeitszimmer voller Diplome. Er sagt, der Skandal habe geschmerzt, dem Ansehen der toscanischen Weinbauern geschadet, ihn selbst aber nicht betroffen - in Montepulciano waren es nur zwei von siebzig Kellereien, die verdächtigt wurden, Wein zu panschen. Doch ein einziger Fall genüge schon, sagt Contucci, um den Ruf der Region zu beschmutzen. Das Ganze bedrücke ihn nicht mehr so sehr, überhaupt sei er ein Mann ohne Sorgen: die Zukunft der Familie sei gesichert. Ob es nochmal für tausend Jahre reicht, weiss er nicht, doch bereits gibt es sieben kleine Contucci, die später einmal das Erbe antreten könnten. Der Mann dreht an seinem Siegelring, der glänzt im Licht.

Die Führung ist vorbei, die Gläser sind geleert, die Kartons gekauft. Pallecchi macht einen Knicks. Die Leute wanken aus der Kellerei in einen hellen Herbsttag hinaus, berauscht von Pallecchis Arie über den Wein. Der tritt mit seinen buschigen Brauen, seinem stechenden Blick, seiner weinroten Schürze wieder in den Eingang der Kellerei. Die nächsten Kunden, in ihren Strohhüten und Gummilatschen, kommen ihm bereits entgegen. Ecco!

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