Die perfekte Täuschung

Fleisch-Imitationen schmecken längst echter als alkoholfreies Bier. Die Abneigung dagegen beruht auf alten Vorstellungen.

Finde den Unterschied zu einem herkömmlichen Burger: Der «Garden Gourmet Grilled Green Incredible»-Burger. Foto: Nestlé

Finde den Unterschied zu einem herkömmlichen Burger: Der «Garden Gourmet Grilled Green Incredible»-Burger. Foto: Nestlé

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Passiert ist eigentlich nichts. Manche regen sich trotzdem auf. Kürzlich hat eine grosse Fastfood-Kette in Deutschland ihr Angebot um einen veganen Burger erweitert; einen, der aussehen und schmecken soll wie ein Burger aus geschlachteten Tieren.

Erstaunlich ist das nicht. Fakefleisch gilt als riesiger Wachstumsmarkt. Auch zu kurz kommt niemand. Kein Fleischburger wird wegen des veganen Burgers aus dem Angebot gestrichen. Dennoch ertönte heftiger Protest aus dem Internet. Die überwiegend männlichen Kritiker fanden: Veganer hätten in Burgerläden nichts zu suchen, «ihr Gras» sollen sie anderswo essen. Als ob es sich bei Veganismus um eine ansteckende Krankheit handelte.

Die neuen Imitationsburger halten offenbar das Versprechen, schmecken «wie richtig», kein Vergleich zu alkoholfreiem Bier oder Light-Schokolade. Der Youtuber Tanzverbot, ein Fan fleischlastigen Fast Foods, kommt nach einem Kurztest zu einem Schluss, der ihn selber überrascht: «Kann man essen, Alter.» Die Anbieter versprechen: Bald merkt man nicht nur bei Burgern keinen Unterschied mehr.

Falsche Vorstellungen

Darüber könnten sich Fleischfans freuen. Es ist schwierig, einen hohen Fleischkonsum wie in der Schweiz – rund 50 Kilo pro Person und Jahr – zu rechtfertigen. Die Massentierhaltung bewirkt gewaltige Umweltschäden und stösst mehr CO2 aus als alle Fahrzeuge auf der Welt zusammen. Pflanzliche Ernährung ist viel effizienter, ohne Fleisch liessen sich mehr als doppelt so viele Menschen ernähren auf der Erde. Dazu kommt: Kaum jemand findet Schlachthöfe angenehme Orte. Fleischnachahmungen ermöglichen Genuss ohne Skrupel, gutes Gewissen ohne Verzicht.

Trotzdem fühlen sich gewisse Karnivoren durch das Fakefleisch bedroht. Was auch daran liegt, dass Fleisch ein mythologisch aufgeladener Stoff ist. In der Steinzeit, schreiben Ernährungshistoriker, glaubten die Menschen an die direkte Kraftübertragung vom getöteten Tier auf jene, die es verspeisen. Die moderne Version davon lautet: Nur Fleisch verschafft dem Menschen die richtige Energie. Dass diese Idee falsch ist, beweisen zahlreiche vegane Spitzensportler. Auch ohne (oder mit einem deutlich tieferen) Fleischkonsum lassen sich körperliche Höchstleistungen erbringen – Bürotage bewältigen sowieso.

Fleischessen wird zudem als männlich angesehen. Dass in Tischgrill-Restaurants mehrheitlich Männer ihre Steaks brutzeln, lässt sich historisch erklären. Als die Schweiz ärmer war und kaum Fleisch auf den Tisch kam, wurde das ganze Tier verwertet, erläuterte eine Ernährungswissenschaftlerin kürzlich in der «Luzerner Zeitung». Das beste Stück erhielt jeweils das Familienoberhaupt, der Mann also. Fleisch für den Chef – lange ists her. Heute kann sich jede und jeder Geschlachtetes leisten, selbst der grösste Mocken bringt keine soziale Auszeichnung.

Das falsche ist das richtige

Männlich im traditionellen Sinn wäre es höchstens, Tiere selber zu fangen und eigenhändig zu metzgen. Stattdessen zerkauen wir industriell gefertigte Massenware. Die Verbindung zu Tapferkeit und Mut hat das Fleisch lange vor dem Fakeburger eingebüsst.

Menschen schätzen Echtheit. Eine gefälschte Markenuhr, mag sie noch so perfekt sein, gilt als fragwürdiges Produkt, eine Täuschung. Dieser schlechte Ruf strahlt ab auf Fleischimitate. Zu Unrecht. Im Gegensatz zu raubkopierten Uhren schaden raubkopierte Burger keinen geschützten Marken. Beim Fleisch läuft es umgekehrt: Das falsche ist das richtige.

Erstellt: 06.05.2019, 10:57 Uhr

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