Ein Familienleben ohne Zucker

Die Levy-Hoffmanns haben das «pure Gift» komplett von ihrem Menüplan gestrichen. Wie lebt es sich ungesüsst?

Süsses schmeckt auch ohne Kristallzucker: Ein Junge nimmt Honig zum Frühstück. Foto: Getty Images

Süsses schmeckt auch ohne Kristallzucker: Ein Junge nimmt Honig zum Frühstück. Foto: Getty Images

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Pro Jahr 38,1 Kilogramm. So viel Zucker verzehrt ein Schweizer im Schnitt. Das sind täglich 104 Gramm oder 26 Teelöffel voll – in Form von Softdrinks, Guetsli und anderen «kleinen Sünden». Damit überschreiten wir den von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlenen täglichen Pro-Kopf-Verzehr von 25 Gramm um mehr als das Vierfache. Bereits die Menge, die in einer Dose Cola steckt, toppt diesen Wert. «Wir konsumieren deutlich mehr Zucker, als unser Körper braucht, um seinen Energiebedarf zu decken», bringt es die diplomierte Ernährungsberaterin Beatrice Conrad auf den Punkt. «Für unsere Gesundheit kann das gravierende Folgen haben.»

Zucker, das ist hinlänglich bekannt, schadet den Zähnen und fördert das Risiko für Übergewicht und seine Folgeerscheinungen wie Diabetes Typ 2 und Herz-Kreislauf-Krankheiten massiv. Wissenschaftler wollen auch schon Hinweise gefunden haben, dass ein exzessiver Zuckerkonsum mit der Entstehung von Depressionen, Angststörungen, Demenz und gewissen Krebsarten in Verbindung stehen könnte. So verwundert es nicht, wenn immer mehr Präventivmediziner und Politiker dem Zucker als «Übel unserer Zeit» den Kampf ansagen. Und Menschen ihren Konsum der Gesundheit zuliebe einzuschränken versuchen.

Eine von ihnen ist die Israelin Danna Levy Hoffmann, die mit ihrem Schweizer Mann Georg, 42, und den Söhnen Sky, 10, und Mika, 9, in Hombrechtikon ZH lebt. Die Familie hat den verführerischen Stoff vor fünf Jahren von ihrem Speiseplan verbannt. Auf der Kochinsel thront eine grosse Schale mit Bananen und Trauben; zum Kaffee reicht die 38-Jährige getrocknete Bio-Datteln und Cashewnüsse. Sie sagt: «Menschen schaufeln mit Zucker eine höchst süchtig machende Substanz in sich hinein. Das kommt mir vor wie ein Autobesitzer, der den falschen Treibstoff tankt und sich dann wundert, weshalb der Motor abliegt.»

Gesünder naschen: Danna Levy Hoffmann, Georg Hoffmann und die Söhne Sky und Mika (r.) geniessen zuckerfreie Brownies. Foto: Basil Stücheli

In unserem Körper wird Haushaltszucker, auch Saccharose genannt, in seine Bausteine Glucose (Traubenzucker) und Fructose (Fruchtzucker) aufgespaltet. Diese sogenannten Einfachzucker liefern unter anderem die Energie für unser Gehirn und unsere Muskeln, wie Ernährungsberaterin Beatrice Conrad erklärt: «Wenn wir dem Körper zu viel Zucker zuführen, baut er Fettreserven im Rumpfbereich auf. Diese lassen ihn gegenüber dem Hormon Insulin, welches den Zucker zu den Zellen bringt, abstumpfen.» Um diese Insulinresistenz zu kompensieren, schüttet die Bauchspeicheldrüse immer mehr Insulin aus. Die Folge: Wir werden dicker, und das Diabetesrisiko steigt.

Schluss mit Fertigprodukten

Aufgewachsen in einer übergewichtigen Familie, kämpfte Danna Levy Hoffmann jahrelang gegen überflüssige Kilos an. Ihr Gewicht schwankte zwischen 55 und 75 Kilo. Keine der sogenannten Wunderdiäten von Atkins bis Weight Watchers schlug an. «Ich fühlte mich miserabel», erinnert sich die zweifache Mutter. Weil zudem ihre Mutter an Krebs erkrankte, begann sich die gelernte Grafik-Designerin ins Thema gesundes Essen zu vertiefen. Und stellte die Ernährung ihrer Familie radikal um – was in ihrer Umgebung teilweise für Kopfschütteln sorgte. Heute ist Danna Levy Hoffmann schlank und verhilft als selbständiger Ernährungscoach auch anderen Menschen zu einem gesünderen Lebensstil. Sie sagt von sich: «Ich esse viel. Aber ich esse das Richtige und bin voller Energie.»

«Niemand könnte die ganzen Zuckerrüben verzehren, die für die Herstellung eines Häufchens Kristallzucker nötig waren.»Danna Levy Hoffmann, Ernährungscoach

«Das Richtige» bedeutet für Danna Levy Hoffmann allem voran, auf Fertigprodukte zu verzichten und so viel wie möglich selber zu machen. Denn Zucker – für sie «pures Gift» – versteckt sich auch dort, wo man ihn nicht erwarten würde: in Brot, Fertigsaucen, Fruchtjoghurts, Frühstücksflocken. Sogar Essiggurken oder Wurstwaren werden mit ihm aufgepeppt. Griff Danna Levy Hoffmann früher beim Kochen und Backen zur Zuckerdose, weicht sie heute auf alternative Süssungsmittel wie Datteln, Honig oder Ahornsirup aus. Es sei einfach und dauere nicht lange, etwa Ketchup oder Getreideriegel selbst zu machen, sagt sie, die Tausende von Rezepten ohne Kristallzucker gesammelt hat. «Sogar Schokolade kann man aus Kokosöl, viel Kakaopulver und etwas Honig selber herstellen.»

Doch halt! Sind diese sogenannten Zuckeralternativen nicht auch zuckerhaltig? Ja, und Danna Levy Hoffmann ist sich dessen durchaus bewusst. In ihnen stecken ebenso die Einfachzucker Glucose und Fructose. Die gesundheitsbewusste Frau hält Honig und Ahornsirup deshalb für natürlicher und gesünder als Haushaltszucker, weil sie nicht so viele industrielle Verarbeitungsschritte durchlaufen haben wie dieser. «Niemand könnte die ganzen Zuckerrüben verzehren, die für die Herstellung eines Häufchens Kristallzucker nötig waren», argumentiert Danna Levy Hoffmann. «Das weisse Pulver, das man in den Tee streut, enthält bloss noch leere Kalorien, macht aber in keiner Weise satt.»

Doppelt so viel Zucker, wie von der WHO pro Tag empfohlen: Ein halber Liter Cola enthält 50 Gramm Zucker. Foto: Getty Images

Ganz im Gegensatz zu Früchten, die neben der Süsse auch noch Ballaststoffe mitliefern – sowie wertvolle Vitamine, Mineralien und Spurenelemente. Mit Datteln verleiht Danna Levy Hoffmann dem Birchermüesli oder einer Dessertcreme gerne eine natürliche Süsse, und Früchte sind allgemein eine der wichtigsten Zwischenmahlzeiten für die ganze Familie.

Auch Ernährungsspezialistin Beatrice Conrad hält es für sinnvoll, täglich eine überschaubare Menge von Früchten zu verzehren. Doch sie gibt zu bedenken: «Die in Früchten enthaltene Zuckerart, die Fructose, ist nicht per se besser als Haushaltszucker, bloss weil Fruchtzucker nach gesunden Früchten klingt.» Denn auch der Fructose-Anteil von Zucker wird, wenn im Übermass konsumiert, zum gefährlichen Dickmacher. Dies erklärt auch, weshalb man zum Essen besser Wasser trinkt als einen Smoothie: Mit dem Püreesaft spült man nämlich in kürzester Zeit unbemerkt mehrere Früchte herunter – und das zusätzlich zur Mahlzeit. Eine wahre Fructose-Flut für den Körper.

Zucker bleibt Zucker

«Auf der Ebene der Moleküle bleibt Zucker Zucker», betont die Fachfrau. «Wenn ich mir sowieso einen Kuchen genehmige, macht es also keinen Unterschied, ob dieser mit Kristallzucker oder einem alternativen Süssungsmittel gesüsst ist.» Im Übrigen treibt auch Honig den Blutzuckerspiegel in die Höhe, hat viele Kalorien, sättigt nicht und begünstigt Karies. Das gilt – in unterschiedlichem Ausmass – auch für die weiteren «trendigen» Süssungsmittel, die teilweise von weit her in die Schweiz geflogen werden: Ahornsirup, Kokosblütenzucker, Palmzucker und Co. Trotzdem lässt Beatrice Conrad gelten: «Wer so bewusst einkauft und kocht wie Frau Levy Hoffmann, ernährt sich nur schon deshalb gesund und garantiert zuckerärmer, weil er sich dann nicht mehr kopflos all die überzuckerten Produkte einverleibt, die ihn im Laden anlächeln.»

«Unseren Tagesbedarf an Zucker könnten wir problemlos mit den langsamen Kohlenhydraten aus Brot, Kartoffeln oder Reis decken.»Beatrice Conrad, Ernährungsberaterin

Zucker komplett zu verteufeln, ist in Beatrice Conrads Augen aber nicht die richtige Haltung: «Schliesslich ist er die Energiequelle überhaupt für unseren Körper. Ohne ihn könnten wir nicht funktionieren.» Allein das Gehirn braucht täglich 130 Gramm Kohlenhydrate in Form von Glucose, um seine Denkleistung zu erbringen.

Das Problematische am Zucker sind für die Fachfrau die unnatürlich grossen Mengen, mit denen wir es heute zu tun haben. «Unseren Tagesbedarf an Zucker könnten wir problemlos mit den sogenannt langsamen Kohlenhydraten aus Brot, Kartoffeln oder Reis decken, welche im Körper zu Glucose umgewandelt werden», erklärt sie. Doch viele Menschen würden Süssigkeiten heute fast zum Grundnahrungsmittel erheben. Dann etwa, wenn sie Süssgetränke standardmässig zum Lunch trinken oder jedes Gericht im Ketchup ertränken – anstatt diese Dinge als «kleine Extras hin und wieder» bewusst zu geniessen.

Hat viele Kalorien und sättigt nicht: Auch Honig enthält Zucker. Foto: iStock

«Wir sollten dringend lernen, dass etwas weniger Süsse auch fein sein kann», sagt Beatrice Conrad. Deshalb empfiehlt sie ihren Klienten beispielsweise, Fruchtjoghurt mit Naturejoghurt zu strecken. Denn obwohl die Industrie daran ist, die Mengen an zugegebenem Zucker zu verkleinern, erfolgt die Reduktion extrem langsam, um die Konsumenten nicht zu vergraulen. Wie auch Danna Levy Hoffmann festgestellt hat, ist die unbändige Lust auf Süsses wandelbar: «Mein Geschmacksempfinden hat sich komplett verändert, seit ich Convenience-Food und all das zuckrige Zeug meide.» Als sie einmal doch wieder Lust auf einen Schokoriegel verspürte, gönnte sie sich diesen und stellte schon beim zweiten Bissen fest: «So gut, wie ich es in Erinnerung hatte, schmeckte das gar nicht.»

Und wie erklärt Danna Levy Hoffmann ihren Söhnen, weshalb so viele Leckereien für sie tabu sind? «Ich sage ihnen, dass ich sie lieb habe und ihnen deshalb nur das Beste für ihre Gesundheit geben möchte.» Das würden die beiden meist akzeptieren, zumal stets für gesündere Snacks gesorgt ist. «Datteln und Nüsse habe ich immer in der Tasche, und die Jungs lieben sie», sagt Danna Levy Hoffmann. Und wenn es in der Badi an einem schönen Tag einmal doch unbedingt eine Raketenglace sein muss, lässt Mama mit sich reden. «Ich bestehe aber darauf, dass es eine Ausnahme bleibt.»

Verbote sind kontraproduktiv

Dass krasse Verbote kontraproduktiv wirken, weiss Danna Levy Hoffmann. Sie empfiehlt aus diesem Grund, die Abkehr vom Zucker in Minischritten anzugehen. Ein erster Minischritt kann etwa sein, sich Süssgetränke nur noch im Restaurant zu gönnen. Oder nur ein halbes Zuckerbeutelchen in den Kaffee zu kippen. Bei unbändiger Naschlust gibt Danna Levy Hoffmann den Tipp: «Essen Sie zuerst eine Frucht und ein paar Nüsse. Dann erlauben Sie sich die Schokolade. Sie werden nun, wenn überhaupt, viel weniger davon nehmen. Denn Ihr Körper hat die Nährstoffe, die er gebraucht hat, bereits bekommen.» Die Kombination von Frucht und Nüssen wird den Blutzuckerspiegel zudem weniger rasant ansteigen lassen.

Beatrice Conrads Geheimrezept zur Zuckerreduktion ist es, stets drei ausgewogene Mahlzeiten mit ausreichend Kohlenhydraten zu sich zu nehmen. Denn wer sich diese verbietet, verspürt zwischendurch umso mehr Lust auf Süsses.» Zu guter Letzt ruft sie Abnehmwillige zu mehr Bewegung auf: «Zucker wird nämlich erst dann zum Problem, wenn der Körper ihn nicht verbrennen kann.» Bei unserem sitzenden Lebensstil sei dies leider allzu oft der Fall.

Erstellt: 23.08.2018, 19:36 Uhr

So viel Zucker steckt in Lebensmitteln

Wie erfahren Konsumenten, welchen Produkten Zucker zugegeben wurde? In der Nährwertdeklaration auf jeder Verpackung sind die einzelnen Zutaten in absteigender Reihenfolge aufgelistet. Je weiter oben in der Liste ein Inhaltsstoff steht, desto mehr davon ist drin. «Wenn Haushaltszucker – also Saccharose – in einem Müesli nach den Haferflocken bereits an zweiter Stelle genannt ist, wird der Zmorge eher zum Dessert», sagt Ernährungsberaterin Beatrice Conrad. Auf der Website www.naehrwertdaten.ch des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen kann man die Zuckermengen pro 100 Gramm respektive 100 Milliliter eines beliebigen Lebensmittels nachschauen.

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