Ein neuer Diät-Trend

Wissen Sie, was intermittierendes Fasten ist? Eben! Jetzt in Mode – und medizinisch umstritten.

An zwei Wochentagen oder während 16 Stunden fasten: «Unsinnig», findet der Experte.

An zwei Wochentagen oder während 16 Stunden fasten: «Unsinnig», findet der Experte. Bild: Lubitz + Dorner/plainpicture

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Um gute Figur zu machen, nehmen manche Menschen erstaunliche Dinge auf sich. Die Formeln könnten Matheaufgaben für Grundschüler entnommen sein. Da ist beispielsweise von 5:2 oder 16/8 die Rede. Gemeint ist hier aber der Rhythmus der Fastenpausen. Auf fünf Tage in der Woche, an denen normal gegessen wird, folgen zwei Tage mit begrenzter Kalorienzufuhr. Oder man muss für solches Intervallfasten, das in der Diätsaison dieses Frühjahrs sehr angesagt ist, täglich den Wecker stellen: Dann wird 16 Stunden am Tag gefastet und in den verbleibenden 8 Stunden der Speiseplan abgearbeitet. Ein Leben nach Zeitschaltuhr, bei dem man aufpassen muss, in der Nachspielzeit nichts mehr zu sich zu nehmen.

Wer nicht hauptberuflich Erbe oder Freiberufler mit Tagesfreizeit ist, wird eine solche Ernährung kaum sozial verträglich einhalten können. Ansonsten heisst Intervallfasten im 16-zu-8-Wechsel, auf Frühstück oder Abendessen zu verzichten. Auf diese Weise können Diäten tatsächlich gelingen: wenn eine Mahlzeit wegfällt und insgesamt weniger Energie aufgenommen als zugeführt wird.

«Drei bis vier Mahlzeiten am Tag sind schon sinnvoll»

«Für mich ist Intervallfasten vollkommen widersinnig», sagt Berndt Birkner, Magen-Darm-Arzt aus München: «Wir sind seit Millionen Jahren auf dieser Erde; früher waren uns regelmässige Mahlzeiten nicht vergönnt – und die Lebenserwartung betrug 25 Jahre.» Für den Stoffwechsel sei es nun mal ungünstig, wenn die Energieaufnahme immer wieder für längere Zeit unterbrochen werde. Zudem brauchten Magen und Darm regelmässig Zufuhr, nur eben nicht im Übermass. «Drei bis vier Mahlzeiten am Tag sind schon sinnvoll», sagt der Verdauungsexperte Birkner: «Dazwischen soll der Magen Zeit haben, sich vollständig zu entleeren. Nur dann setzt auch rechtzeitig das natürliche Sättigungsgefühl ein, wenn er wieder gedehnt wird.» Ständiges Naschen führe hingegen zur permanenten Vordehnung, sodass sich erst verspätet das Gefühl einstellt, wirklich satt zu sein.

Die fragwürdige Diät ist unter dem Namen Intervallfasten oder intermittierendes Fasten gerade populär, weil Buchautoren die mehr als 100 Jahre alte Methode neu für sich entdeckt haben. Die Erkenntnisse beziehen sich aber fast alle auf Tierversuche mit Ratten oder Mäusen. Die Nager blieben schlanker und lebten länger, wenn sie nur während einer begrenzten Zeitspanne des Tages fressen durften. Allerdings gilt: «Mice tell lies» – Mäuseversuche lassen sich selten auf Menschen übertragen, um es freundlich zu übersetzen. Bisher konnte nicht zweifelsfrei belegt werden, dass eine 16/8-Diät gesund ist oder effektiv beim Abnehmen hilft.

Da sich die Menschen trotzdem spätestens jeden Frühling wieder nach ranken Körpern sehnen, kommen Jahr für Jahr andere Ernährungsformen in Mode: Diät nach Blutgruppen, nach Mondphasen, schlank im Schlaf – Willkür wie Geschäftssinn sind keine Grenzen gesetzt. Dabei sind die einzig wirksamen Methoden, um Gewicht zu verlieren, mehr Energie zu verbrauchen – am besten durch mehr Bewegung – und weniger zu essen. Das klingt jedoch mühsam und reichlich unspektakulär. Es sei denn, man brächte die FdH-Ernährungsweise im neuen Gewand auf den Markt. Nächstes Frühjahr als 08/15-Diät.

Erstellt: 27.03.2018, 21:18 Uhr

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