Er holt die Sterne ins Tessin

Dany Stauffacher organisiert eines der wichtigsten Food-Festivals des Landes: Mit Sapori Ticino lockt er internationale Spitzenköche in die Südschweiz.

Macht das Tessin einmal im Jahr zum Mekka der Gourmets: Dany Stauffacher, 64 im Tennis-ClubLido in Lugano. Foto: Claudio Bader

Macht das Tessin einmal im Jahr zum Mekka der Gourmets: Dany Stauffacher, 64 im Tennis-ClubLido in Lugano. Foto: Claudio Bader

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ausgerechnet das kleine Restaurant im Tennis-Club Lido Lugano. Ausgerechnet dieses Lokal ohne jeglichen Glanz und Glamour, weit weg von Luxus und Eleganz. Wo Mütter auf ihre Kinder warten, die in Tennislektionen stecken, wo verschwitzte Sportler sich erfrischen, wo Clubleben Clubleben ist und Roger Federer höchstens auf dem Fernsehschirm anwesend. Wo im Sommer draussen alle auf billigen Plastikstühlen und unter farbigen Werbesonnenschirmen sitzen.

Ausgerechnet diesen Ort bezeichnet Dany Stauffacher als sein zweites Zuhause. «Hierhin gehe ich essen, wenn meine Frau weg ist, hier treffe ich Freunde, um mit ihnen zu speisen.» Zum Espresso holt er ein Stück Apfelkuchen, den die Wirtin selber gebacken hat. Und der ist, zugegebenermassen, grossartig. Das Wild im Herbst, das sei «grande», sagt er. Und er verrät, dass er, wenn er hier isst, den Wein nicht aus der Karte des Clubrestaurants bestellt. Nein, er lagert hier 200 Flaschen aus seiner Sammlung von 6000 Flaschen. Stauffacher ist Weinliebhaber. Ein grosser Weinliebhaber.

Nirgendwo auf der Welt hat Stauff­acher öfter gegessen als in diesem unscheinbaren Spunten, in den sich wohl kaum jemals ein Tourist verirrt, wenn er nicht an Tennis interessiert ist. Dabei hat der 64-jährige Tessiner in seinem Leben in etwa 1500 Restaurants in der ganzen Welt getafelt, wie er ausgerechnet hat. Viele davon ausgezeichnet mit Sternen und Punkten und Hauben und was es sonst noch gibt in der Spitzengastronomie.

Er kennt den Schweizer 3-Stern-Koch Andreas Caminada ebenso wie den Inder Gaggan Anand, der auf der weltweiten Liste der besten Köche die Nummer 7 ist und als Koch und Restaurantbesitzer in Bangkok den Status eines Rockstars besitzt. Und natürlich Massimo Bottura, den Italiener, der nur etwa 250 Kilometer südlich von Lugano in seiner Osteria Fran­cescana in Modena kocht und von vielen Gourmets fast göttlich verehrt wird.

Geschäftsreisen verband er mit Besuchen in Gourmettempeln

All sie und viele mehr waren Gäste beim Food-Festival S. Pellegrino Sapori Ticino, das zum zwölften Mal stattfindet, dieses Jahr vom 29. April bis 17. Juni, und das Stauffacher mit seinem Team organisiert. In den zwölf Jahren haben sie Köche mit insgesamt über 200 Sternen, die der «Guide Michelin» vergeben hat, in die Sonnenstube der Schweiz gelockt, wo sie in Restaurants in der ganzen Region am Herd stehen – mit den einheimischen ­Köchen. «Früher kamen alle gratis, heute bezahlen wir ihnen ein kleines Entgelt.» Internationale Hotels lassen für ein Gastengagement eines 3-Stern-Kochs schnell einmal ein paar Zehntausend Franken springen. Das Festival hat bei den Spitzenköchen einen hervorragenden Ruf.

Stauffacher, immer in bestes Tuch gekleidet, hat Sapori Ticino 2007 mit vier Freunden, die alle gerne gut essen, als kleinen Event für Tessiner Gourmets gegründet. Unter ihnen war mit Martin Dalsass auch ein heimischer Sternekoch. An der Idee des zweiwöchigen Festivals hatten alle fünf grossen Gefallen gefunden, doch mitorganisieren wollte für eine erneute Auflage neben Stauffacher niemand mehr.

«‹Mach du mal›, sagten meine Freunde», erzählt Stauffacher. Und er machte. Schon bald berichteten die Medien über den Anlass, schon bald fand Stauffacher Partner, die ihn finanziell unterstützten. Unterdessen ist San Pellegrino fest dabei, die Firma lanciert eigens fürs Festival eine Mineralwasserflasche mit einer Etikette, die für Sapori Ticino wirbt. Sieben Millionen Flaschen mit dieser Werbung werden jährlich in der ganzen Schweiz verkauft und aufgetischt. «Das ist ein Traum», sagt er.

Stauffacher ist ein guter Verkäufer. 33 Jahre lang hat er Sportbekleidung importiert, in Lizenz herstellen lassen und an Herrn und Frau Schweizer gebracht. Deswegen war er oft unterwegs in der ganzen Welt – die geschäftlichen Reisen verband er natürlich immer mit Besuchen in Gourmettempeln. Aufgegeben hat er das Geschäft mit der Sportbekleidung schliesslich, um sich voll und ganz dem Genussfestival in seiner Heimat zu widmen. Dieses Business hat er kontinuierlich ausgebaut. In seinem Unternehmen, das im Haus, in dem er auch mit seiner Frau wohnt, untergebracht ist, arbeiten unterdessen sechs Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie organisieren weitere Anlässe wie Lugano Città del Gusto während der Settimana del Gusto, bei der sie auch mit Organisationen wie Slow Food zusammenspannen. Stauffacher glaubt auch, dass die Schweiz das Potenzial hätte, sich als kulinarische Destination zu positionieren. «Das würde nicht einmal viel kosten, wenn die Verantwortlichen von Schweiz Tourismus mit erfahrenen Leuten aus der Privatwirtschaft zusammenarbeiten würden.»

Stauff­acher ist nicht nur ein guter Verkäufer, sondern auch ein grosser Charmeur.

Natürlich speist Stauffacher in seiner Heimatstadt nicht nur im Restaurant des Tennis-Clubs. Gerne führt er offizielle Besucher zum Beispiel ins Restaurant des ehrwürdigen 5-Stern-Hotels Splendide Royal, wo man gleich neben millionenschweren einheimischen Gästen tafelt. «Schauen Sie sich diese Aussicht an, sie ist einmalig», sagt er mit Blick auf den See und die Berge. Chefkoch Domenico Ruberto, der seine Gäste am Tisch aufsucht, begrüsst er mit einer Umarmung, Generaldirektor Giuseppe Rossi verwickelt er gleich in ein Gespräch.

Stauff­acher ist nicht nur ein guter Verkäufer, sondern auch ein grosser Charmeur. Die S. Pellegrino Sapori Ticino-Abende mit den Spitzenköchen sind jeweils schnell ausverkauft, auch wenn diese für ein Paar mehrere Hundert Franken kosten. Doch es gibt nicht nur Veranstaltungen für Reiche: Mit speziellen Events für 70 Franken will Stauffacher junge Leute aus der Region anlocken; für diesen Preis erhalten sie diverse kleine Köstlichkeiten mit Weinbegleitung. «Diese Gäste sind unsere Zukunft», sagt er. Und er selber weiss ja aus seinem zweiten Zuhause, dem Restaurant im Tennis-Club: Gutes Essen muss nicht immer teuer sein.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 13.04.2018, 19:23 Uhr

Sapori Ticino

Das diesjährige Genussfestival Sapori ­Ticino beginnt am 29. April und wird 20 Gourmetanlässe sowie 10 Abendanlässe mit internationalen Küchenchefs bieten. Es steht unter dem Motto «Küchen der Welt». Die Spitzenköche kommen aus Indien, Japan, Frankreich, Spanien, Slowenien, Deutschland, Italien und der Schweiz. Insgesamt werden Köche mit 27 Michelin-Sternen vertreten sein. Sapori-Ticino-Organisator Dany Stauffacher ist es gelungen, Anand Gaggan wieder ins Tessin zu locken. Gaggan hat kürzlich zum vierten Mal in Serie mit seinem Restaurant in Bangkok den Titel des besten Kochs in Asien erhalten, der von San Pellegrino verliehen wird. Gaggan wird am 5. und 6. Mai im Seven Lugano – The Restaurant kochen. Unter den Topköchen zu finden sind auch der Deutsche Norbert Niederkofler (3 Michelin-Sterne), der Däne Søren Selin (2 Sterne) oder der Franzose Emmanuel Renaut (3 Sterne).

www.sanpellegrinosaporiticino.ch

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Wohnen wird salonfähig

Tingler Die Hautfarbe der Empörung

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Sichtlich fasziniert: Ein Besucher blickt auf eine Kreation, die zur Eröffnung der grossen Ausstellung «Viktor und Rolf: Modekünstler 25 Jahre» in der Kunsthal in Rotterdam, Niederlande gezeigt wird. (26. Mai 2018)
(Bild: Remko de Waal) Mehr...