Essen am Schreibtisch – die Regeln

Vor dem Bildschirm das Mittagessen geniessen: Unsitte oder nicht? Stilexperten sagen, wie man dabei wenigstens den minimalen Anstand wahrt.

Gerüche und Geräusche am Arbeitsplatz: Zwischen Tastatur, Handy und Kollegen ist nicht alles erlaubt. Foto: Getty Images

Gerüche und Geräusche am Arbeitsplatz: Zwischen Tastatur, Handy und Kollegen ist nicht alles erlaubt. Foto: Getty Images

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Zmittag am Pult, das hat in der Tat was Reizvolles: Draussen regnet es Bindfäden. Die Betriebskantine ist zwischen 12 und 13 Uhr eh meist komplett überlaufen. Und man wollte doch sowieso noch ein wenig im Netz surfen, um das Menü für die Wochenendeinladung vorzubereiten. Wieso also nicht ein Birchermüesli kaufen und am Schreibtisch essen?

Bloss gibt es da ein paar Anstandsregeln zu beachten. Denn auch hinterm Computerbildschirm ist man für die Arbeitskollegen nicht einfach unsichtbar. Oder wie der Knigge-Autor Christoph Stokar sagt: «Was die Kinderstube angeht, hat gerade Essen etwas sehr Entlarvendes.»

Hier darum sieben Regeln, die es zu beachten gilt.

Erlaubt ist, was nicht stört!

Dieser oft zitierte Grundsatz, der an den berühmten kategorischen Imperativ von Immanuel Kant anlehnt («Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde»), gilt auch für das Essen am Pult. Er kann dahin gehend interpretiert werden, dass man sich mit Vorteil an die herrschende Firmenkultur halten sollte. «Seien Sie in Ihrem Betrieb nicht der Erste, aber auch nicht der Letzte, der das Essen am Schreibtisch einführt!», rät darum Stokar.

Was zu Tisch gilt, gilt auch am Arbeitsplatz!

Sprich: Schmatzen sollte man vermeiden. Messer werden keinesfalls abgeleckt, Gabeln nicht senkrecht ins Essen gesteckt. «Und man führt die Speisen zum Mund», sagt Stokar, «statt sich über den Teller zu beugen.»

Vorsicht, wenn das Telefon klingelt!

Die Knigge-Expertin Doris Pfyl warnt ausdrücklich davor, mit vollem Mund den Telefonhörer abzunehmen. «Fragen Sie gegebenenfalls einen Kollegen, ob er kurz allfällige Anrufe für Sie entgegennehmen könnte!» Sowieso ist Pfyl der Meinung, dass ein paar Minuten weg vom Pult grundsätzlich möglich sein sollten. Und dass nur schon ein paar Schritte – wenigstens zur Kaffeeküche, aber noch viel besser an die frische Luft – gesund seien. «Falls Zeitnot herrscht, machen Sie halt nur eine halbe Stunde Pause, die aber richtig!»

Essen darf nicht riechen! Nie, nie, nie!

«Den Business-Döner gibt es einfach nicht», sagt Doris Pfyl pointiert. Sie warnt ausdrücklich vor Lebensmitteln, die riechen. Nicht umsonst, argumentiert sie, habe man früher bei den SBB in den Minibars nur Sandwiches, Biberli und Ähnliches verkauft – ganz emissionsfrei zu geniessen. Im Zweifelsfall sei ja sogar ein Apfel einer Mandarine vorzuziehen, weil auch besagte Zitrusfrucht dufte. Notabene: Dies gelte nicht nur im Grossraum-, sondern auch im Einzelbüro, so die Knigge-Expertin, weil man nie wisse, wer in der nächsten Viertelstunde an die Tür klopfe.

Ihr Kollege Christoph Stokar schliesst sich da an und findet: «Gerber-Portionen-Fondue in der Mikrowelle aufzuwärmen, das geht definitiv nicht.» Er warnt auch davor, Plastikgeschirr – etwa vom Thai-Take-away – im Abfalleimer neben dem Schreibtisch zu entsorgen, weil auch dies manchmal gar würzig dufte.

Der Schreibtisch muss sauber sein!

Doris Pfyl schränkt klar ein, welche Lebensmittel (neben den zu vermeidenden geruchsintensiven Snacks) auch nicht an den Schreibtisch gehören: So sei von reifen Pfirsichen oder Melonenschnitzen abzusehen, weil der Saft dieser Früchte auf die Pultoberfläche oder, schlimmer, auf wichtige Papiere tropfen kann. «Und auch Brösmeli in der Tastatur sind eher unappetitlich.»

Es ist auch nicht in Ordnung, Flecken von den Tomatenspaghetti auf der Tischoberfläche der Putzfrau zu überlassen, die frühmorgens das Büro reinigt. Man verlasse den Arbeitsplatz so, wie man ihn wieder antreffen möchte, «wie an einem anderen Örtchen ja auch», so Stokar.

Im Zweifelsfall nachfragen!

Darf man eigentlich ein Salamisandwich geniessen, wenn die Kollegin vis-à-vis Veganerin ist? Christoph Stokar mahnt grundsätzlich zu gegenseitiger Toleranz, «im Zweifelsfall kann man ja fragen». Blöd nur, wenn die Arbeitskollegin dann doch zum Ausdruck bringt, dass sie sich von der Wurst gestört fühle.

Trinken am Pult – sehr heikel!

Hier sind sich die beiden Experten nicht ganz einig: Während es Christoph Stokar durchaus in Ordnung findet, dass am eigenen Schreibtisch Kaffee oder Orangensaft getrunken wird, findet Doris Pfyl, dass einzig Wasser infrage komme. Und schusseligen Menschen rät sie, dafür sogar eine Trinkflasche zu verwenden: «Es kann sonst immer passieren, dass man aus Versehen ein paar hässliche Flecken auf einen wichtigen Vertrag macht.» Wer Kaffee trinken wolle, solle in die Pausenküche gehen, die auch ein guter Ort zum kollegialen Plaudern sei. Wegen des allfälligen Mundgeruchs rät sie, sich nach dem Koffeingetränk «ein Pfefferminz-Zältli zu gönnen».

Beide stimmen darin überein, dass Alkohol am Schreibtisch nicht drin liege. Christoph Stokar sagt: «Die Zeiten, in denen Kaderleute in der Schublade noch eine Flasche Whisky liegen hatten, sind definitiv vorbei.»

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 08.03.2019, 19:46 Uhr

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