«Fasten geht auch, ohne zu hungern»

Wer das Richtige zur rechten Zeit isst, erzielt eine ähnliche Wirkung wie mit Fasten. Das verspricht der österreichische Altersforscher Slaven Stekovic.

Spermidinreiche Nahrungsmittel, zum Beispiel Pilze, bringen die Müllabfuhr in den Zellen auf Trab – wie beim Fasten. Foto: Brent Hofacker (iStock)

Spermidinreiche Nahrungsmittel, zum Beispiel Pilze, bringen die Müllabfuhr in den Zellen auf Trab – wie beim Fasten. Foto: Brent Hofacker (iStock)

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Herr Stekovic, Sie behaupten in Ihrem Buch, wer fasten zu anstrengend finde, könne es sich auch einfacher machen. Wie soll das gehen?
Wer bestimmte Nahrungsmittel konsumiert, kann einen vergleichbar positiven Effekt für die Gesundheit erwarten, wie wenn er fasten würde.

Das klingt zu schön, um wahr zu sein.
Fasten und essen scheinen sich tatsächlich auszuschliessen. Aber es funktioniert. Das Zauberwort heisst «Spermidin». Das ist ein Polyamin, das in allen Körperzellen vorkommt, mit zunehmendem Alter aber abnimmt. Entdeckt wurde die Substanz in den 1970er-Jahren in der Samenflüssigkeit, dem Sperma, wo sie am konzentriertesten enthalten ist, daher auch der Name. Vor zehn Jahren hat dann ein Forschungsteam um den österreichischen Biochemiker Frank Madeo von unserer Universität in Graz nachweisen können, dass Spermidin den Alterungsprozess menschlicher Zellen verlangsamt.

Wie funktioniert das?
Madeo, übrigens mein einstiger Doktorvater, hat mit seiner Gruppe herausgefunden, dass von aussen zugeführtes Spermidin dem Körper vorgaukelt, dass er keine Nahrung bekommt. So schaltet er die Autophagie ein.

Autophagie?
Ja, das heisst so viel wie «sich selbst essen» – und entspricht jenem Zellreinigungsprozess, der auch beim Fasten einsetzt.

Slaven Stekovic (30), Molekularbiologe, forscht an der Karl-Franzens-Universität Graz zum Einfluss der Ernährung auf die Alterung.

Können Sie diesen Vorgang genauer erklären?
Stellen Sie sich eine Fabrik vor: Die Arbeiter bekommen ihre Rohstoffe stets prompt geliefert; sie verarbeiten sie fortlaufend, beinahe rund um die Uhr. Dabei haben sie gar keine Zeit, sich um den anfallenden Abfall zu kümmern oder ihn wiederzuverwerten. Genauso ist es mit den menschlichen Zellen: Wer immer futtert, überlastet seine Zellen. Und noch folgenschwerer: Der Abfall bleibt liegen. Dieser zelluläre Schrott wird heute verantwortlich gemacht für zahlreiche Zivilisationskrankheiten wie Herz-Kreislauf-Probleme, Krebs, vor allem aber auch für neurodegenerative Krankheiten wie Demenz und Parkinson.

Ihr Rezept dagegen?
Fasten und eine spermidinreiche Ernährung: Beides kombiniert, ist nach heutigem Wissen sinnvoll, um möglichst lange gesund zu bleiben. Nach 14 bis 16 Stunden ohne Essen setzt die Autophagie ein, der Müll in den Zellen wird entsorgt oder rezykliert. Ideal ist Intervallfasten, weil man das zum Lebensstil machen kann und es so keine Episode bleibt. Etwa gleich effizient wie das Fasten ist wie angetönt eine spermidinreiche Ernährung. Denn die zellverjüngende Substanz ist zum Glück auch in Lebensmitteln enthalten.

In welchen besonders?
Eine gute Quelle sind Hülsenfrüchte, also zum Beispiel Bohnen, Erbsen, Soja. Aber auch Weizenkeime, Pilze, lange gereifter Käse wie Parmesan oder Cheddar, Nüsse und Pinienkerne enthalten viel Spermidin. Ebenfalls empfehlenswert sind Äpfel, Weintrauben und Grapefruits. Schliesslich steckt die Substanz auch reichlich in asiatischen Gerichten wie etwa Nätto. Das sind vergorene Sojabohnen, die für Europäer aber eher gewöhnungsbedürftig sind.

«Kinder und Jugendliche sollten deshalb alles essen, auch Fleisch und Milch.»

Von tierischem Eiweiss wie Fleisch und Milch raten Sie ab?
Gegen den alten Brauch des Sonntagsbratens ist nichts einzuwenden. Aber heute essen die Menschen in den westlichen Industrieländern zu oft und zu viel Fleisch. Ein hoher Konsum von tierischem Eiweiss im mittleren Lebensalter steht mehreren Studien zufolge im Verdacht, das Krebsrisiko zu erhöhen. Und von Milch rate ich ab, weil sie Wachstumsfaktoren enthält und dazu auch die Autophagie hemmen kann. Ein Phänomen, das sich übrigens beim Käse nicht beobachten lässt: Bakterien scheinen während des Reifeprozesses diese Wachstumsstoffe abzubauen.

Immer mal wieder zu fasten und auf tierische Proteine zu verzichten, widerspricht aber einer Sporternährung für den Muskelaufbau?
Bei Leistungssportlern ist diese Ernährung zugegeben noch wenig untersucht. Bis bessere Daten vorliegen, empfehle ich ihnen, ab und zu auf tierische Proteine zurückzugreifen. Für Hobbysportler dagegen sehe ich keine Probleme, wenn sie fasten und ihren Proteinbedarf grösstenteils aus pflanzlichen Nahrungsmitteln wie Linsen oder Soja decken.

Bei Kindern und Jugendlichen sieht es wohl wieder anders aus?
Richtig. Bis etwa 25 benötigt der Mensch ausreichend Nährstoffe, um zu wachsen. Kinder und Jugendliche sollten deshalb alles essen, auch Fleisch und Milch. Fasten ist für diese Altersgruppe nicht zu empfehlen.

Viele Erwachsene fasten, um abzunehmen?
Das ist nicht das Hauptziel des Fastens, aber ein willkommener Nebeneffekt.

«Der Jungzelleneffekt – Wie wir die Regenerationskraft unseres Organismus aktivieren», mit zahlreichen Rezepten, edition a

Erstellt: 17.03.2019, 17:56 Uhr

So bleiben Ihre Zellen gesund

Wer seine Zellen sauber hält, fühlt sich besser und senkt darüber hinaus das Risiko für verschiedene Krankheiten. Nach aktuellem Wissensstand lässt sich der dafür nötige Zellreinigungsprozess (Autophagie) mit mehreren Massnahmen auslösen oder unterstützen:

Fasten: Am besten eignet sich Intervallfasten, das heisst, man streicht zum Beispiel mindestens eine Mahlzeit am Tag, sodass eine 14- bis 16-stündige Essenspause entsteht. Schon ein solcher Fastentag pro Woche hat eine positive Wirkung, ideal wären drei bis vier. Eine andere Möglichkeit: nur jeden zweiten Tag zu essen. Wichtig: Zwischenmahlzeiten (Snacks) und kalorienhaltige Getränke oder Suppen sind an Fastentagen tabu. Auch Heilfasten kann die Autophagie aktivieren. Doch ein- oder zweimal im Jahr eine Fastenzeit einzulegen, ist wenig nachhaltig. Kommt dazu, dass solche «Fastenkuren» den unerwünschten Jo-Jo-Effekt begünstigen – langfristig also zu einer Gewichtszunahme führen.

Kalorienrestriktion: Dass eine reduzierte Energiezufuhr das Leben verlängert, ist schon länger bekannt – egal, ob es sich um Hefezellen, Fruchtfliegen oder um Mäuse handelt. Beim Menschen tritt dieser Anti-Aging-Effekt ein, wenn er seine Kalorienaufnahme um etwa einen Drittel reduziert gegenüber der Menge, die er nach Belieben ohne Beschränkung essen würde. Wichtig zu wissen: Bei der Kalorienrestriktion geht es darum, weniger energiereiche, aber nicht nährstoffarme Nahrung zu essen.

Spermidinreiche Nahrung: Hülsenfrüchte, Weizenkeime, Pilze, Vollkornprodukte usw. Daneben eine möglichst ausgewogene, pflanzlich betonte Ernährung.

Körperliche Aktivität: Als sehr wirksam gelten intensive Sporttrainings – oder aber Einheiten in mittlerer Intensität mit nüchternem Magen (zum Beispiel vor dem Frühstück).

Kaffee trinken: Schwarzer Kaffee (ohne Milch, Zucker und auch ohne künstliche Süssstoffe) hat gleich zwei Vorteile: Er hilft über lange Essenspausen hinweg und verstärkt die Autophagie. (sae)

Quellen: Universität Graz,
Deutsches Ärzteblatt, Bas Kast («Der Ernährungskompass»), Fitbook.

Fasten in der Krebsforschung

Dass Fasten die Gesundheit günstig beeinflussen kann, weiss man schon lange. Spätestens seit 2016 ist Autophagie, allenfalls durch bewussten Nahrungsverzicht ausgelöst, auch ein Topthema in der Krebsforschung. Damals erhielt der Japaner Yoshinori Ohsumi für seine Entdeckung der Autophagie den Medizin-Nobelpreis. In der Schweiz forscht auf diesem Gebiet Mario Tschan (51), Präsident der Sektion Autophagie von Life Science Switzerland, an vorderster Front. Der Zellbiologe der Universität Bern bestätigt, dass eine begrenzte Nahrungszufuhr einen präventiven Effekt haben und etwa der Entwicklung einer Krebserkrankung entgegenwirken kann. «Aus Tierversuchen wissen wir, dass Fasten oder die Reduktion der Kalorienzufuhr die Lebenserwartung erhöht – das könnte darauf zurückzuführen sein, dass weniger altersbedingte Tumoren entstehen.»

Interessant findet Zellforscher Tschan einen neuen Ansatz: dass Krebspatienten mithilfe eines medizinisch begleiteten Intervallfastens ihre Therapien besser verkraften. «Es gibt Hinweise aus Tierversuchen und kleineren Studien, dass Fasten die Erholung des Organismus nach aggressiven Chemotherapien beschleunigen kann.» Allerdings, räumt Tschan ein, sei dies ein durchaus zweischneidiges Schwert. «Im schlechten Fall könnte der Nahrungsverzicht dazu führen, dass auch die Tumorzellen fitter werden und länger überleben.» (sae)

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