Zum Hauptinhalt springen

Fat for Fun

Die Briten sind die dicksten Europäer, und Ärzte warnen bereits vor einer «nationalen Katastrophe». Beeindruckt das die Menschen? Nein, sie scheinen das fette Problem eher zu feiern.

Cathrin Kahlweit, London
YOLO, «you only live once»: Feiern in den britischen Midlands.
YOLO, «you only live once»: Feiern in den britischen Midlands.
Martin Parr (Magnum)

London hat viele traditionsreiche Clubs, die ausschliesslich Männer betreten dürfen. Neuerdings hat die britische Hauptstadt auch einen Club nur für Frauen; es ist ein Angriff auf die Men-only-Kultur und zugleich eines dieser hippen Projekte zum Netzwerken, wo man sich in einem gemeinsamen Workspace ganz unter sich fühlen kann. Und dann gibt es da noch den Club Indulge. Die Frauen, die zehn Pfund Eintritt bezahlen, kommen, wenn man Gründerin Miranda Cheesman glauben kann, weil sie sich sonst nirgendwo so wohlfühlen, weil sie einen sicheren Ort zum Tanzen, zum Ausgelassensein suchen, weil sie anderswo blöd angeredet, angerempelt, veräppelt, verletzt werden. Denn sie sind fett.

In ihrer Werbung formuliert Cheesman das anders, freundlicher; Scham und Ausgrenzung lassen sich schliesslich schwer verkaufen: Die Gäste des Clubs Indulge seien «body positive», stolz auf ihre Kilos; sie fühlten sich mit ihren Übergrössen wohl in ihrem Körper und wollten das bei gemeinsamen Partys zum Ausdruck bringen. Think big.

Erklärvideo zu der Bewegung «body positive». Video: Youtube/Bustle

Miranda Cheesman macht Stand-up-Comedy, sie schreibt gerade an einem Programm, in dem sie die Erfahrungen ihrer Gäste verarbeitet: die Moralpredigten von Ärzten, die Blicke im Restaurant, die Klagen, dass jemand wie sie die Gesundheitskosten hochtreibe. Dabei: «Wer legt eigentlich fest, was normal ist? Frauenfeinde?»

Lange Wochenenden für dicke Frauen

Sie kann sich ausführlich darüber aufregen, wie dicke Frauen diskriminiert werden. Und fast so sehr regt sie sich über Männer auf, die fette Frauen als Fetisch, als Sexobjekte betrachten. «Männer, die pornografische Fantasien vor sich hertragen und meine Mädchen anmachen, die fliegen hochkant raus.» Cheesman ist immer im Angriffsmodus – aus Erfahrung. Sie ist selbst stark übergewichtig und hat es satt, «fatty» und «Schweinchen» genannt oder von grinsenden Mistkerlen in das üppige Hüftfett gekniffen zu werden, wenn sie sich doch nur schön machen und Spass haben will. Nun hat sie aus der Not ein Geschäftsmodell gemacht. Neuerdings bietet sie auch lange Wochenenden für dicke Frauen, ihre Freunde und Bewunderer an. Samt Karaoke und Pool-Party.

In Bradford hat jeder Zweite Diabetes. Ein Wahnsinn.

Und die Nachfrage steigt. Kein Wunder. Die Briten sind, laut der jüngsten OECD-Statistik, mittlerweile die dickste Nation in Europa, nur die Ungarn liegen praktisch gleichauf. Die Zahlen differieren, je nachdem, wer sie erhebt. Bei der EU-Statistikbehörde war Malta eine Zeit lang vorn, die Weltgesundheitsorganisation schaut besonders kritisch auf die Südsee, und ziemlich sicher gibt es global die meisten Dicken in den USA, in Mexiko, Neuseeland und Australien. Dass die Briten sich selbst an der Spitze sehen, sagt Tam Fry vom Nationalen Adipositas-Forum, liege womöglich daran, dass sie es auf perverse Weise genössen, als die Fettesten zu gelten. Jedes Land führe ja gern eine Statistik an, egal welche. Fry ist 80 und kämpft seit Jahren vergeblich für ein gesundes Land, er ist auf freundliche Weise zynisch geworden.

Der fette Mann Westeuropas

Die Briten haben sich also mit ihrem Status als «fetter Mann Westeuropas» abgefunden. Das glaubt auch Ruth Rogers, die Starköchin Londons, ein «Michelin»-Stern, die seit 30 Jahren ihr River Café an der Themse betreibt. Gerade erst hat sie gelesen, in den USA sei «Dick das neue Normal», und sieht diesen Trend auch für Grossbritannien voraus. Traurig, sagt Rogers, es brauche Vorbilder, so wie Michelle Obama mit ihrem Gemüsegarten eines gewesen sei, es brauche Kochkunst schon in der Grundschule wie in Frankreich, aber ach, all das gebe es im Königreich nicht. Stattdessen: Süssigkeiten-Automaten auf dem Schulhof, ignorante Politiker. Und den Brexit, auch traurig, aber ein anderes Thema.

Dutzenden von Initiativen und Ankündigungen zum Trotz ist der Negativtrend nicht zu stoppen. Die Nation, in der 60 Prozent der Erwachsenen dick oder fett und auch immer mehr Kinder übergewichtig sind, trägt schwer an sich selbst. Fettsucht kostet das Gesundheitssystem, alles in allem, etwa 30 Milliarden Euro pro Jahr, sie senkt die Lebenserwartung, denn Fett macht krank. Diese Woche gingen daher nacheinander die britischen Krebsforscher und die Diabetes-Gesellschaft in die Offensive. Wenn es so weitergehe, seien 70 Prozent aller jungen Erwachsenen im mittleren Lebensalter «obese», also fettleibig. Und die Zahl der Diabetes-Patienten habe sich in 20 Jahren verdoppelt – wegen falscher Ernährung und Übergewichts. In Bradford, Nordengland, hat die Hälfte der Bevölkerung Diabetes Typ 2. Jeder zweite Einwohner. Ein medizinischer Wahnsinn.

----------

Bilder: Übergewicht bei Schweizer Kindern

«Eine erschütternde Veränderungsrate»: Die Zahl dicker Kinder steigt weltweit rasant an. Übergewichtige Kinder stehen in einem Ferienlager zum Essen an. (Archivbild)
«Eine erschütternde Veränderungsrate»: Die Zahl dicker Kinder steigt weltweit rasant an. Übergewichtige Kinder stehen in einem Ferienlager zum Essen an. (Archivbild)
Martin Ruetschi, Keystone
Weltweit haben acht Prozent der Jungen und sechs Prozent der Mädchen mit gravierendem Übergewicht zu kämpfen. Zwei stark übergewichtige Kinder essen in einem Fast-Food-Restaurant in Georgien. (Archivbild)
Weltweit haben acht Prozent der Jungen und sechs Prozent der Mädchen mit gravierendem Übergewicht zu kämpfen. Zwei stark übergewichtige Kinder essen in einem Fast-Food-Restaurant in Georgien. (Archivbild)
Shakh Aivazov/AP, Keystone
1 / 4

----------

Die Daten sind mehr als alarmierend, sie sind, wenn man einer Initiative von 220 000 britischen Ärzten folgt, mittlerweile eine «nationale Katastrophe». Auch in anderen europäischen Ländern ist Fettsucht ein Riesenthema, zu wenig Bewegung, zu viel Handy-Gedaddel und Computer-Gehocke, zu viel TV-Dinner, zu viel Zucker. Aber in Grossbritannien ist die kritische Selbstbeschau beim Thema Adipositas auf seltsame Weise populär, die Medien fahren es seit Jahren. Es gibt Reportagen aus der fettesten Stadt des Landes, Boston in Lincolnshire, Storys über die fettesten Kinder in den ärmsten Gegenden, Karten mit der höchsten Dichte an Fast-Food-Läden, Dokumentationen über das Nord-Süd-Gefälle im Land, Vergleichsportale zu den «Obesity Hotspots», damit man nachschauen kann, ob die eigene Gemeinde betroffen ist. Und es gibt Jamie Oliver.

Der wohl berühmteste Koch des Landes hat zwar derzeit ein paar Finanzprobleme, weil er sich mit seinen italienischen Restaurants übernommen hat, aber sein Kreuzzug für gesundes Schulessen und für eine Zuckersteuer haben Erfolg gehabt: Die Aktion für mehr Gemüse und Obst an Schulen hat einst zu Änderungen in den Kantinen staatlicher Schulen geführt – auch wenn empörte Mütter, unvergessen, im nordenglischen Rotherham ihren darbenden Kindern Burger und Chips durch die Lücken im Schulzaun zusteckten.

Die Vorliebe für Fertigessen ist ungebrochen.

Einen politischen Sieg errang Oliver, mit breiter politischer Unterstützung, auch mit der Aktion «Sugar Rush». Von April an müssen Hersteller nun eine Abgabe zahlen, wenn ihre Getränke eine Obergrenze für Zucker überschreiten. Viele Firmen haben, um das zu vermeiden, ihre Rezepturen bereits geändert. Die alte Regierung hatte diese Abgabe noch vor dem Brexit angekündigt, und Jamie Oliver stand damals so euphorisch vor laufenden Kameras vor Westminster, als habe er höchstpersönlich Coca-Cola, Pepsi, Nestlé und all die anderen, die er immer nur wütend als «big business» bezeichnete, niedergerungen. «Wow», rief er, «wow!»

Kochen kann kaum noch jemand

Weniger Zucker in Softdrinks also. Und sonst? Tam Fry, der Sprecher des National Obesity Forum, klagt, die Briten würden seit 30 Jahren dicker, weil sie nichts dazulernten. Die Regierung tue wenig mehr als Flugblätter aufzulegen, DVDs an Schulen zu verteilen und den Leuten zu sagen, was sie tun sollten. «Nur: Sie tun es eben nicht.» Weil die Briten Fish and Chips lieben, fetttriefende Kartoffeln und panierten Fisch. Weil die Mittagsfrage in Büros, «al fresco or al desko?» (Essen wir schnell auf der Strasse oder schnell am Schreibtisch?), zu oft mit Fast Food beantwortet wird. Weil Supermärkte einen Softdrink, ein Sandwich und eine Tüte Chips als Pausensnack anbieten, oder «take 3, pay 1», drei für eins. Weil Zugrestaurants oft nur Weissbrot und Chips im Angebot haben.

Weil die Briten sonntags immer noch Sunday Roast mit Yorkshire Pudding essen, sodass sich der Teller biegt. Und weil kaum noch jemand kochen kann.Hier zumindest tut sich etwas, wenn auch nicht nur zum Guten. Jamie Oliver und Ruth Rogers verkaufen zwar Millionen Kochbücher, aber was die Briten wirklich lieben, ist: «The Great British Bake Off». Die Sendung ist ein nationales Heiligtum, bei dem sich die Zuschauer ansehen, wie andere Leute backen.

Glaubt man der BBC, dann ist der Zuckerverkauf seit Beginn der Ausstrahlung um 20 Prozent gestiegen. Zum Team der Moderatoren gehörte, bis vor kurzem, Mary Berry, eine Ikone der britischen Küche. Als GBBO, wie die Briten den Backwettbewerb liebevoll nennen, den Sender wechselte, mochte die alte Dame nicht mehr mitziehen, aber ihre eigene Sendung, «Mary Berry», hat sie behalten. In einer der jüngsten Folgen betrat die 82-Jährige, eine zarte Person mit helmartig geföhnter Frisur und blendend weissem Gebiss, in einer Aufzeichnung aus dem Sommer auf BBC 1 eine romantische Landhausküche, um dort vor den Augen von Millionen Fans Eier Benedict mit Sauce hollandaise und viel Bacon zuzubereiten. Nicht gerade ein kalorienarmes Frühstück.

Es ist schwer vorstellbar, dass die Briten in Zukunft Gemüse über Holzöfen auf die nachhaltige, schwedische Art braten.

Nun ist Berry nichts vorzuwerfen; ihre Küche ist sehr abwechslungsreich, und so schritt sie als Nächstes in den Garten, wo sie mit einem schwedischen Starkoch ganze Sellerieköpfe über einem Holzfeuer briet. Bis so ein Sellerie fertig sei, sagte sie, dauere das allerdings schon mal Stunden.

Es ist schwer vorstellbar, dass die Briten in Zukunft in ihren Reihenhausgärten Gemüse über Holzöfen auf die nachhaltige, schwedische Art braten – zumal die Vorliebe für Fertigessen im Königreich ungebrochen ist. Jamie Oliver hat Schulkindern mal gezeigt, wie Chicken-Nuggets gemacht werden: aus minderwertigen Fleischresten mit fetter Hühnerhaut und Knorpeln. Vergeblich. Die ärmsten Kinder, das hat eine Studie der Universität Cambridge herausgefunden, leben in den Gegenden mit den meisten Fast-Food-Shops, und diese siedelten sich mit Vorliebe rund um Schulen an. Nun gibt es einen Vorstoss für eine Art Junkfood-Bannmeile rund um Schulen. Tam Fry ist skeptisch, dass das Erfolg haben wird. «Kids und Chips», stöhnt Tam Fry bitter, «der pure Horror.»

O Schreck, eine Beere!

Und doch gibt es Hoffnung. Während die U-Bahn-Passagiere in den «Evening Standard» starren, sitzt ein UPS-Mitarbeiter in seiner sandgrauen Uniform in der Northern Line und isst aus einer Plastikschüssel Obst. Eine Erdbeere, eine Blaubeere, eine Weintraube. Eine Erdbeere, eine Blaubeere, eine Weintraube. Immer in dieser Reihenfolge. Ein kleines Mädchen schaut fasziniert zu. Er spiesst mit seiner Plastikgabel vorsichtig eine Beere auf – und hält sie dem Kind vor den Mund. Das zuckt zurück und presst die Lippen zusammen. «Ist gut für dich», sagt ihr Nachbar und isst die Blaubeere selbst. «Ist gut für uns alle.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch