Boom der Outdoornahrung

Gipfeltreffen der Feinschmecker

Die Alpinistin Evelyne Binsack und der Hyatt-Küchenchef Frank Widmer haben typische Outdoor-Fertiggerichte getestet.

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«Bähhhhh!» Evelyne Binsack ist ein direkter Mensch, sie trägt ihr Herz auf der Zunge. Das mag sie in alpinistischen Kreisen nicht immer nur beliebt machen. Dafür wird die Bergsteigerin und Abenteurerin so zur perfekten Teilnehmerin an einem Gourmettest. «Bähhhh» ist eine ihrer spontanen Reaktionen, als ein Gericht aus einem Beutel auf dem Teller und dann ein Löffel davon in ­ihrem Mund gelandet ist.

Frank Widmer sitzt neben ihr und ist eher der Mann der Mimik. Der Küchenchef des Park Hyatt in Zürich schaut manchmal fast fassungslos auf das, was sich vor ihm befindet. Er probiert, schüttelt den Kopf, er senkt die Nase ganz nah an den Teller, immer wieder, einmal ist ein leichtes Husten, ein ­Räuspern zu hören.

Die Aufgabe des Testertrios Binsack, Widmer und TA-Redaktor Daniel Böniger ist klar: Sieben Fertiggerichte zu jeweils etwa 10 Franken, die speziell für den Einsatz «outdoor» hergestellt wurden, gilt es zu testen. Sie sind nach dem Zufallsprinzip gekauft worden, zum Teil in den USA, zum Teil in der Schweiz. Die Zubereitungsart ist stets die gleiche: Kochendes Wasser einfüllen, je nach Zeitangabe im Beutel ziehen lassen, fertig. Was sofort auffällt und durchaus ein wenig verdächtig wirkt – auf den Verpackungen ist nie das Gericht selbst abgebildet. Fehlt den Herstellern das Vertrauen ins Aussehen ihrer Menüs, ist die Angst vor der Macht des Bildes zu gross?

«Mmmmmmh!» Auch das ist Evelyne Binsack. Denn es ist keineswegs so, dass alle Gerichte bei den Testern komplett durchfallen. Die Pasta Primavera, die bei Binsack den wohligen Laut auslöst, wird dann später auch Testsieger. Und sogar Frank Widmer findet für dieses Gericht lobende Worte, weil er hier erkennt, was vielen der Fertiggerichte fehlt: «Unterschiedliche Farben machen optisch so viel aus – wie etwa die grünen Erbsen in der Pasta Primavera.»

Gnocchi für zwei Wochen

Ist es nicht übertrieben, Outdoor­nahrung einem Gourmettest zu unterziehen, wo es doch letztlich nur auf eine möglichst simple Zubereitung und eine gewisse Sättigung ankommt? «Nein», entgegnet Evelyne Binsack, die 2001 die erste Schweizerin auf dem Mount Everest war. «Zumindest ich esse sehr gern gut. Bergsteiger müssen auf ihren Körper achten, und nach einer anstrengenden, heiklen Tour ist es mir wichtig, mich zu belohnen.»

Sie erzählt lachend von einem zweiwöchigen Aufenthalt in den Anden, «ich wollte nach einem Unfall mein Knie testen, machte mir keine grossen Gedanken über das Essen, ging in einen Laden und kaufte für zwei Wochen Gnocchi mit Käsesauce.» Es habe danach 10 Jahre gedauert, bis sie sich Gnocchi wenigstens wieder räumlich annähern konnte. Frank Widmer gesteht nach dem dritten Gericht, dass er sich wenige Tage vor dem Test schon gefragt habe, worauf er sich da bloss eingelassen habe: «Ich sass mit meinen Kindern vor dem Fernseher, wir schauten einen Bericht über eine ­Expedition im Himalaja, und da sah ich genau diese Beutel mit den Fertiggerichten.» Aber Widmer ist ein neugieriger Mensch, also liess er sich die gute Laune nicht verderben. Im Gegenteil: Schnell findet er sich mit Evelyne Binsack im Gespräch. Er fragt, worauf es ihr bei ihren Abenteuerreisen ankomme, dann philosophiert er über die Bedeutung von Gewürzen, wie viel das Gelb von Safran ausmachen würde, wie es ungleich besser wäre, «wenn diese Gerichte mehr definierte Aromen aufweisen würden».

Kein Wunder, kommt der Indische Kicher­erbsen-Reis-Topf gut weg, «der schmeckt eindeutig nach Curry», sagt Widmer, und diese Eindeutigkeit hebt das Curry bereits über die anderen Gerichte. Irgendwie wird man den Gedanken nicht los, dass sich Widmer schon Strategien zurechtlegt. «Es bräuchte nicht viel», sagt er, «um die Gerichte deutlich schmackhafter zu machen. Das wäre doch eine Geschäftsidee.»

Wie am Everest-Basislager

Nun steht das siebte und letzte der Gerichte auf dem Tisch. Allmählich sieht es im Weinkeller des Hotels Park ­Hyatt aus wie am Everest-Basislager, nachdem die letzte Gruppe ihren Müll dort ­deponiert hat.

Keiner der Teilnehmer vermisst ein achtes Testmahl. Evelyne Binsack kommt dafür die Geschichte von ein paar Bergsteigern aus dem Osten Deutschlands in den Sinn, die sie in ­Patagonien getroffen hat: «Sie machten sich abends in einer Pfanne Thunfisch aus der Dose heiss, am anderen Morgen kochten sie im gleichen Gefäss Kaffee, ohne es vorher auszuwaschen.» Evelyne Binsack schüttelt es heute noch, nur schon beim Gedanken daran. Warum ihr die Geschichte ausgerechnet nach ­einem Gourmettest einfällt?

Auf jeden Fall weiss sie, wie sie sich unterwegs behelfen muss. Sie peppt die Fertiggerichte mit mitgebrachten Gewürzen auf, schleppt schon mal Olivenöl mit ins Basislager (auch wenn das bei Minusgraden gefriert, wie sie überrascht festgestellt hat). Es ist schon so: Evelyne Binsack und Frank Widmer würden ein vielversprechendes Team im ­Bereich Outdoornahrung abgeben.

Die besprochenen Gerichte sind von Backpacker's Pantry (Stroganoff), Alpine Air Foods (Texas BBQ Huhn) und Trek'n'eat (die restlichen fünf Gerichte).

Erstellt: 30.10.2014, 07:24 Uhr

Das Testresultat im Detail

Von «lecker» bis «ungeniessbar»

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Die besprochenen Gerichte sind von Backpacker's Pantry (Stroganoff), Alpine Air Foods (Texas BBQ Huhn) und Trek'n'eat (die restlichen fünf Gerichte).

Mousse au Chocolat ist die Nr. 1

Outdoornahrung boomt

Das Outdoorbusiness boomt, ebenso die entsprechenden Nahrungsmittel: Bei Fachhändler Transa sei das Wachstum des Foodbereichs, verglichen mit den gesamten Umsatzzahlen, sogar überdurchschnittlich gross, sagt Martin Hänni. Er ist verantwortlich für den Einkaufsbereich «Hartwaren und Technik». Es liege wohl daran, dass gefriergetrocknete Nahrung vermehrt auch auf kurze Touren mitgenommen werde, nicht mehr nur bei grösseren Expeditionen.

Der Anteil der Fertignahrung am gesamten Outdoorfood beträgt bei Transa 45 Prozent, die restlichen Prozente verteilen sich unter anderem auf Energieriegel und geräucherte Esswaren. Martin Hänni kennt eine klare Reihenfolge in der Beliebtheitsskala: «Mousse au Chocolat ist zuoberst, knapp gefolgt von den Sahnenudeln mit Hühnchen.» Es folgen Jägertopf mit Rindfleisch und Huhn in Curryreis. Seit 2008 hat auch Bächli Bergsport Outdoornahrung im Sortiment, die Zahl der angebotenen ­Artikel hat sich gemäss Produktmanager Matthias Schmid seither verdoppelt. Konkrete Umsatzzahlen will er indes nicht nennen.

Beide grossen Outdoorgeschäfte in Zürich bestätigen den Trend zu Instantgerichten, generell steige die Nachfrage nach vegetarischen, veganen, laktose- und glutenfreien Varianten. Und die gute Nachricht dazu: Auch wenn die Geschmäcker unterschiedlich sind, so wissen Hänni und Schmid vom zunehmend positiven Feedback der Kundschaft zu berichten. Das weise darauf hin, dass die Qualität der Gerichte steige. (can.)

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