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«Ich töte das Tier, weil ich es essen möchte»

Alena Steinbach ist Jägerin aus Überzeugung. Fleisch aus dem Supermarkt ist tabu. Und auf den klassischen Wildteller steht sie weniger.

Alena Steinbach liebt Tiere – in ihrer Jugend war sie sogar lange Zeit Vegetarierin. Foto: PD
Alena Steinbach liebt Tiere – in ihrer Jugend war sie sogar lange Zeit Vegetarierin. Foto: PD

Dieser Artikel gehört zu den meistgelesenen Texten des Jahres. Er erschien erstmals am 12. Oktober 2019.

Frau Steinbach, Sie waren früher Vegetarierin, heute gehen Sie auf die Jagd. Warum der Sinneswandel?

Schon mein Grossvater war Jäger, und auch mein Vater jagt. Trotzdem beschloss ich mit 12 Jahren, Vegetarierin zu werden – dies auch, weil es bei uns zu Hause trotz des Hobbys meines Vaters meist nur industriell produziertes Fleisch gab. Nach vier, fünf Jahren merkte ich allerdings, dass mir der Fleischgeschmack fehlte.

Und dann wurden Sie Jägerin?

Mir ging es um die Frage, wie ich das Tierwohl mit dem Fleisch-essen verbinden konnte. Damals war es nämlich gar nicht so einfach, Fleisch zu bekommen, das aus tiergerechter Haltung kam. Deswegen beschloss ich, den Jagdschein zu machen. Es ist gar nicht so ungewöhnlich, dass überzeugte Vegetarier und Veganer sich entschliessen, wieder Fleisch zu essen. Und dann ausschliesslich auf Wild fokussieren – wegen des Tierwohls.

Weil Sie finden, dass das Tier ein gutes Leben hatte?

Ja, das ist meine Überzeugung. Und weil mir dies so wichtig ist, kaufe ich auch nie Fleisch im Supermarkt. Was vorkommt, ist, dass ich mir beim Bauern ein Viertel eines Rinds besorge, weil ich weiss, dass die Tiere dort ein gutes Leben hatten.

Wie rechtfertigen Sie gegenüber sich selbst die Tötung eines Wildtiers?

Das ist ganz einfach: Ich töte das Tier, weil ich es essen möchte. Wenn ich das selbst tue, weiss ich, dass das Tier in vollkommener Freiheit gelebt hat.

Kann man das Töten delegieren, wie es viele Fleischesser tun?

Dies muss jeder mit sich selbst ausmachen. Ich verurteile niemanden, der sein Reh nicht selbst schiessen will. Nicht jeder ist dazu in der Lage – es ist ­ keine schöne Aufgabe.

Was geht Ihnen denn durch den Kopf, wenn Sie abdrücken?

Gar nichts. Ich bin dann in einem Zustand reiner Konzentration. Und wenn das Stück liegt, kommt die Erleichterung, richtig getroffen zu haben, sodass es einen schnellen Tod hatte.

Das Abstellen des Denkens lernt man erst allmählich, oder?

Es erging mir schon beim ersten Mal so, weil ich ja all die Schritte vorher gelernt habe: wie sitzt man, wie steht das Stück, wo muss man treffen. Es geht mir aber nicht darum, bewusst zu verhindern, dass ich eine Beziehung zum Tier aufbaue. Es gibt schon Situationen, in denen ich nicht schiesse …

Wann schiessen Sie nicht?

Mir ist schon passiert, dass ich eine Ricke mit Kitz beobachtet habe, aus vielleicht 25 Meter Distanz. Die Tiere standen in der Abendsonne auf einer Wiese, rieben die Schnauzen aneinander, was die Bindung der Tiere zueinander verstärkt. Es war eine so friedliche Situation, dass ich das Gewehr wieder weggelegt habe.

Fast zu schade, um daraus nur klassische Wildgerichte zu machen: Wildschwein-Rack. Fotos: PD
Fast zu schade, um daraus nur klassische Wildgerichte zu machen: Wildschwein-Rack. Fotos: PD

Hätten Sie schiessen dürfen?

Ja, es wäre erlaubt gewesen. Aber wir Jäger sind ja keine Maschinen. Solche Situationen geschehen gar nicht allzu selten.

Ganz allgemein gefragt: Braucht der Wald den Jäger?

Auch wenn es immer wieder behauptet wird, gibt es keine Studie, die beweisen würde, dass es dem Wald ohne Jäger besser gehen würde. Wenn nicht gejagt wird, vergrössern sich die Tierpopulationen. Die Gegner der Jagd behaupten nun, dass sich die Natur dann selber reguliere. Das mag so schon stimmen, die Frage aber ist: auf welche Weise? Und möchte man das so?

Konkreter?

Nehmen Sie Rehe und eine Fläche mit einer Grösse X. Die meisten Ricken haben zwei Kitze pro Jahr, dies führt dann schon bald zu einer extrem hohen Populationsdichte in diesem Gebiet, und es herrschen permanent Revierkämpfe, da Rehe territorial leben und Lebensraum für sich beanspruchen. Tiere leiden über kurz oder lang Hunger. Auch Krankheiten sind wahrscheinlich, wie etwa beim Fuchs, bei dem sich Tollwut oder Staupe bei grosser Dichte ausbreiten. Wer mal ein Tier gesehen hat, das daran leidet, möchte dies nicht mehr sehen. Wer Tiere gern hat, finde ich, erträgt diesen Anblick nicht ­gern.

Käme dann nicht einfach der Wolf zurück in viele Gebiete?

Es käme auch beim Wolf zur Überpopulation. Und Pech hat dann einfach jede Tierart, die auf dem Speiseplan des Wolfes steht. Es ist ja nicht so, dass in europäischen Wäldern ein natürliches Gleichgewicht herrschen würde. Der heutige Wald in unseren Breitengraden ist vom Menschen gemacht, das sollte man nicht vergessen.

Wie ist es eigentlich, sich in der Männergesellschaft der Jäger zu bewegen?

Mittlerweile ist jede zehnte Person, die einen Jagdschein macht, eine Frau. Das Bild der Schnaps trinkenden Jäger dürfte langsam, aber sicher überholt sein. Ich stelle fest, dass viele Frauen sich fürs Jagen zu interessieren beginnen, weil sie, wie ich, für einen bewussten Fleischkonsum einstehen. Andere kommen über ihren Hund zur Jagd.

Was halten Sie eigentlich von Wildfleisch aus der Zucht?

Ich rate aufgrund meiner Überzeugung von Gatterwild ab. Es kommt in der Regel von weit her, etwa aus Neuseeland. Nur schon deswegen ist es unsinnig.

In Ihrem Buch machen Sie aus Wildfleisch zum Beispiel einen griechischen Hackfleisch-­Nudelauflauf? Warum so weit weg vom Hirschpfeffer mit Rotkraut und Spätzle?

Das meiste Wildfleisch hat keinen ausgeprägten Eigengeschmack, wie immer wieder behauptet wird. Und darum möchte ich von den klassischen Wildgerichten wegkommen. Man kann auch eine Lasagne oder ein Chili con carne mit Wild machen.

Verliert man da nicht das Feierliche, das zur klassischen Jagdsaison gehört?

Ich finde diese Vorstellung total blöd und klischeehaft, dass Wild mit Herbst oder mit Winter und Weihnachten verbunden wird. Mit schweren Saucen und viel Gewürz. Wildfleisch kann auch auf den Grill, und dazu serviert man dann einen sommerlichen Salat. Allerdings reicht das gejagte Wildfleisch bei uns nicht aus, dass sich alle durchs Jahr so ernähren könnten. Es würde pro Kopf dann bloss etwa 30 Gramm geben, zu wenig.

Ihr liebstes Wildgericht?

Gebratene Rehschnitzel, dazu serviere ich Süsskartoffeln oder einen Salat.

Den klassischen Fitnessteller?

Genau!

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