Ich wollte mir was Gutes tun und habe mich vergiftet

Nicht alles, was aus der Natur kommt, ist gesund. Besonders nicht, wenn es im Magen landet. Über vermeintliche Bärlauchsäfte und ayurvedische Schwermetalle.

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Wer sich selbst optimieren will, dem stehen eine ganze Batterie technischer Geräte zur Verfügung. Fitnessmaschinen, Schlafphasenwecker, Smartwatch. Alles ist vermessen und gezählt – der Puls, die Schritte, die Ruhephasen. Auch die Ernährung soll dem Körper zur Hochform verhelfen. Gesünder und besser leben dank natürlicher Produkte. Bio ist angesagt. Nur das Beste soll den Weg in den Magen finden. Selbstgepresste Säfte, extra Mineralien, Diätsmoothies oder aktuell: ein rassiges Bärlauch-Pesto, mit selbst gepflückten Zutaten aus dem Wald. Doch plötzlich ist es einem gar nicht mehr wohl. Diagnose: Vergiftung.

Denn: «Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, dass ein Ding kein Gift sei», mahnte der Schweizer Arzt, Alchemist und Philosoph Paracelsus bereits 1538. Und bei manch natürlichem Produkt reicht eine verschwindend kleine Dosis, um immensen Schaden anzurichten.

Wir wollten wissen, was alles schiefgehen kann, wenn man sich was Gutes tun will, und haben uns bei Frau Dr. Katharina Hofer erkundigt. Sie arbeitet als Oberärztin am Tox Info Suisse, dem offiziellen Informationszentrum für Fragen rund um Vergiftungen.

Bärlauch-Krimi

Bei Liebhabern von Naturprodukten ist Bärlauch (wilder Knoblauch, Allium ursinum) im Trend. So auch bei einem Ehepaar mittleren Alters, welches die Pflanze regelmässig selbst pflückte, um daraus Knoblauchsaft zu machen. 09:00, das Ehepaar trinkt den Saft. Der Mann trinkt etwas weniger, da er den Geschmack an jenem Tag irgendwie nicht so mochte. Zwei Stunden später die ersten Symptome: Erbrechen, Krämpfe, Durchfall. Ein bakterieller Infekt? Die Ärzte gaben der Frau Antibiotika, doch ihr Zustand verschlechterte sich rapide. Während die Mediziner fieberhaft nach der Ursache des Problems suchen, treten bei der Frau Lähmungserscheinungen und Organversagen auf. Dann endlich der entscheidende Hinweis: wilder Knoblauch sieht anderen Pflanzen ähnlich, unter anderem der Herbstzeitlosen, einer der giftigsten Pflanzen in unseren Breitengraden. Deren Verzehr kann im schlimmsten Fall zum Tod durch das Versagen sämtlicher Organe, der Lähmung des Atemmuskels und Herzstillstand führen. Die Frau hatte Glück, sie hat wohl eine kleinere Menge zu sich genommen – und hat überlebt. Sie konnte das Spital nach 19 Tagen verlassen. Fünf weitere Wochen musste sie danach in medizinischer Behandlung bleiben, um vollständig zu genesen. Also Vorsicht vor dem nächsten Bärlauch-Pesto mit selbst gesammelten Blättern.

Referenz: Galland-Decker C., Charmoy A., Jolliet P., Spertini O., Hugli O., Pantet O. (2016): Progressive Organ Failure After Ingestion of Wild Garlic Juice. In: The Journal of Emergency Medicine, 50(1): 55-60. Links Bärlauch, wie man ihn im Wald findet, nebenan der Vergleich mit jenen Pflanzen, denen er zum Verwechseln ähnlich sieht. Bilder: Keystone, Tox Info Suisse

Koffein-Schock

Ein 36-jähriger sportlicher Mann sucht Hilfe auf der Notfallstation, unruhig, nervös, zittrig, von Übelkeit und kaltem Schweiss geplagt, mit dem ständigen Gefühl, schnell atmen zu müssen – dabei habe er sich ja gerade gar nicht angestrengt. Das Drogenscreening fällt negativ aus. Ab und zu nehme er Nahrungsergänzungsmittel zum Muskelaufbau zu sich, sagt er in der Anamnese. Am Morgen habe er ein neues Präparat ausprobiert, bestellt übers Internet, ein pulverförmiges, reines Koffeinprodukt. Und so kam die Diagnose postwendend: Koffeinintoxikation nach der Einnahme von ungefähr 5g reinem Koffein – das 25-Fache der bei diesem Produkt empfohlenen Dosis. Er wird daraufhin auf der Intensivstation überwacht. Bis auf eine erhöhte Urinausscheidung geht es dem jungen Mann aber schnell besser. Doch mit Koffein ist nicht zu spassen, eine Überdosis kann unter anderem zu Halluzinationen, Krampfanfällen und sogar Herzrhythmusstörungen führen. Schwere Vergiftungen sind jedoch selten. Am häufigsten beschäftigen das Tox Info Suisse Fälle von Kleinkindern, die Kaffee oder Energydrinks zu sich genommen haben, die meist unproblematisch verlaufen. Ernster sind Überdosierungen in Kombination mit Alkohol und Drogen oder wenn das Koffein in Reinform zur Leistungssteigerung eingenommen wird – wie es der junge Mann wohl so schnell nicht mehr tun wird.

Referenz: Koster M., Schmidli M., Hofer K., Schmitter T. (2015): Nicht mehr als 1/16 eines Kaffeelöffels, sonst wird es gefährlich! In: Swiss Medical Forum, 15(12): 282-284. Reines Koffeinpulver ist weiss – und sollte mit Bedacht dosiert und eingenommen werden. Bild: istock

Auf den Leim gegangen

Obwohl Dr. Katharina Hofer bereits viel gehört hat am Telefon des Tox Info Suisse, gibt es immer wieder Fälle, die auch sie erstaunen. Zum Beispiel jenen eines 61-jährigen Herren, der über Bauchschmerzen klagte. Seine Laborwerte zeigten keine Auffälligkeiten. Erst eine Endoskopie brachte den Grund zum Vorschein: ein glänzender, grosser Stein im Magen. Es handelte sich dabei um selbstexpandierenden Sprühschaum, der, anstatt Fensterrahmen abzudichten, als gewaltiger harter Klumpen den Magen des Mannes verstopfte. Der Patient habe den Sprühschaum mit Honig verwechselt und gegessen. Der Stein musste in einem siebenstündigen Eingriff entfernt werden.

Referenz: Girardin M., Giostra E., Dumonceau JM. (2011): Endoscopic removal of a gastric bezoar consisting of self-expanding spray foam used for insulating window frames. In: Endoscopy, 43(2). Honig vs Baumaterialien. Sollten nicht verwechselt werden. Bilder: Pexels, iStock

Erstellt: 25.04.2019, 20:45 Uhr

Vergiftung? 145 anrufen.



145 ist die Notfallnummer des Tox Info Suisse, der offiziellen Informationsstelle der Schweiz für alle Fragen rund um Vergiftungen. Ärztinnen und Ärzte sowie andere medizinische Fachpersonen geben täglich 24-Stunden Auskunft bei Vergiftungen oder Verdacht auf Vergiftungen. Weitere Informationen finden Sie unter Toxinfo.ch.

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