Ist die Gartenbeiz der Garten Eden?

Mit dem Sommer beginnt auch die Saison des Essens und Trinkens an der frischen Luft. Sie trifft nicht jeden Geschmack. Diskutieren Sie mit!

Erfrischung im Grünen: Gespritzter Weisser mit Zitrone im Restaurant B in der Zürcher Bäckeranlage. Foto: Tom Kawara

Erfrischung im Grünen: Gespritzter Weisser mit Zitrone im Restaurant B in der Zürcher Bäckeranlage. Foto: Tom Kawara

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Ja

Wer um Himmels willen hat etwas an Gartenbeizen auszusetzen? Das ist, als wäre man gegen Unterhosen oder Schlaf – Dinge, die der Mensch braucht. Für mich ist die Beiz im Grünen der unverzichtbare Garten Eden. Ich habe kein Gemüsebeet, und mein Balkon ist alles andere als lauschig – von dort aus sehe ich direkt auf den TV der Nachbarin, die gerne Pornos schaut.

Deshalb ist die Gartenbeiz mein Daheim. Abgesehen davon, dass man sich abends einen gesunden Teint anbräunen kann, trifft man hier stets gut gelaunte Raucher, die Päckchen um Päckchen qualmen. Als Nichtraucherin stosse ich ja viel zu selten auf diese geheimnisvollen Menschen: Meist stehen sie ganz verschupft vor dem Eingang des Restaurants.

Die Gartenbeiz ist eine endlose Sommer-Telenovela.

In der Gartenbeiz aber kann man sich mit ihnen unterhalten – ja sowieso mit allen! Bierselig beginnen selbst Schweizer in einer lauen Sommernacht miteinander zu reden. Nicht selten bin ich in solchen Nächten spontan mit ein paar Leuten weitergezogen: In der Gartenbeiz braucht man kein Handy, um Freunde zu treffen. Die Freunde sind immer da.

Und weil an den langen Tischen mehr Leute Platz finden als drinnen und es unter den Bäumen Platz für Hunde, Velos und Kinderwagen gibt, kann man die Menschen und ihre Objekte der Begierde beobachten: Warum hat sich die einen Hund gekauft, warum streichelt der sein Fixie-Fahrrard? Wer ist noch zusammen, wer kommt diesen Sommer allein auf ein Bier? Die Gartenbeiz ist eine endlose Sommer-Telenovela, derer ich nie müde werde. Den schlechten Service nehme ich gerne in Kauf. Lieber schaue ich dem braun gebrannten Studenten hinterher, der zwar ungeheuer schlecht als Aushilfe arbeitet, aber ungeheuer gut aussieht. Sehen und gesehen werden – mehr brauche ich nicht.

Nein

Kaum guckt die Sonne hervor, zieht es Frau und Herrn Schweizer ins Gartenrestaurant – als ob wir in Athen oder Malaga wären ... Griechisch oder spanisch ist hier jedoch höchstens die Entspanntheit der Serviceangestellten. Sie machen nämlich postwendend auch einen auf «mediterran» und lassen schon mal fünfzehn Minuten auf sich warten.

Und wie in Frankreich – man kennt es von den Bistros in Paris – sind die Tischflächen draussen meist klebrig, darunter verdampft stinkend eine Pfütze Bier. Es hilft übrigens wenig, wenn der Untergrund aus Kies besteht, weil der Gast dann sicher sein kann, dass dort zig Zigarettenstummel liegen, weil die neuen Aschenbecher ja erst nächste Woche geliefert werden.

Apropos Raucher: Sie stehen jetzt nicht mehr allein vor den Lokalen, sondern mischen sich unter die Nichtraucher und pusten ihren Nikotinnebel in die «frische Luft» hinaus. Wohin wohl wird der Qualm geblasen? Und wenn wir grad beim Wind sind: Sowieso weht hierzulande meist eine «leichte B(r)ise», wenn die Beizen ihr Mittagessen Open Air anbieten – zwei Minuten nach dem Auftischen ist so jede Wurst garantiert wieder kalt.

Der Service ist auch im Hochsommer überfordert.

Zugegeben, es gibt die wirklich heissen Tage (ich spreche von der halben Woche im August), bloss stört dann bestimmt die Sonne. Da wäre wieder der Service gefragt, der ist aber auch im Hochsommer noch überfordert, wenn ein runder Sonnenschirm einen eckigen Tisch beschatten soll.

Nein, ich bleibe drinnen, auch bei 30 Grad. Sollte nämlich ein Gewitter aufziehen und mit dem ersten Blitz die ganze Meute mit dem Pseudo-Mittelmeerfeeling in die Beiz flüchten, habe ich einen Platz auf sicher. In der dunklen Ecke an der Bar, wo ich auch gern im Winter verhocke.

Erstellt: 04.05.2016, 13:47 Uhr

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