«Ist nicht schlimm, wenn es nicht ganz durch ist, oder?»

Neun Sätze, die zu jedem Grillfest einfach dazugehören.

Kein Sommerabend ohne Rauchzeichen von Balkonen und Terrassen. Foto: Evan Sklar (Alamy)

Kein Sommerabend ohne Rauchzeichen von Balkonen und Terrassen. Foto: Evan Sklar (Alamy)

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«Die Würste sind schon fertig!»

Es ist vielleicht keine schulmedizinische Diagnose, aber es gibt ihn: den akuten Grillhunger. Er entsteht während der unseligen Frühphase eines jeden Grillabends, in der noch nicht grilliert wird, aber alle nonstop rein- und rauslaufen und «Beilagen und Salate» an diverse ­Tische schleppen.

Aus irgendeinem Grund muss es beim Grillieren nämlich viel mehr Beilagen und Salate als bei normalen Essen geben, sonst ist es nicht richtig. Zusätzlich werden körbeweise Brot angerichtet und ein Bataillon halb voller Saucenflaschen mit ungewisser Mindesthaltbarkeit. Vielleicht signalisiert der Kopf dem Magen angesichts dieser Mengen, dass das Essen bereits fertig sei. Nie jedenfalls macht Tischdecken hungriger, nie klingt in der Folge dann ein Satz schlimmer als der des Grillmeisters, wonach es nämlich noch ein wenig dauere, man könne ruhig schon mal Salat essen.

Das macht man dann. Ist ja genug da. Erst kaut man verschämt auf einem halben Baguette herum. Dann probiert man den Kartoffelsalat und die Oliven. Gar nicht so übel! Es folgen Couscous, Quinoa und Linsen, die als exotischer Pflichtbeitrag dienen. Schliesslich ist man satt – doch jetzt taucht der Grillmeister auf und verkündet, dass es gleich mal mit den Würsten losgehen könnte. Okay, dann nimmt man eben noch eine. Aus Höflichkeit. Aber Fleisch schafft man dann eher keines mehr. Und Grillgemüse gibt es auch noch? Puh.

«Hans, iss jetzt auch mal was!»

Gerüchten zufolge grillen vier von fünf Männer in der Schweiz zumindest gelegentlich. Über die evolutionäre Nähe des Manns zum Feuer wurde angesichts dieser Zahl schon viel nachgedacht. Tatsächlich besteht die eigentliche Kunst aber nicht im Ertragen der Hitze und im mutigen Umdrehen von speckummanteltem Grillkäse. Nein, was die Schürzenhelden wirklich auszeichnen würde, wäre, wenn sie mit ihrem Amt nicht den ganzen Abend Hektik verbreiten würden. Mehr Gelassenheit, Gentlemen!

Das Programm eines selbst ernannten Grillmeisters sieht ja meist gleich aus: In der Anzünd- und Qualmphase ist er unentwegt mit Pusten, In-der-Kohle-Stochern, Nachfeuern, Bier-Öffnen und kleineren Löscharbeiten an der Vegetation beschäftigt. Danach erledigt er so gestresst wie zerstreut die Logistik des Grillguts zwischen Küche und Garten, schreit dabei pausenlos nach Zange, Gabeln, Tellern, Alufolie und Bier. Er darf jetzt nicht angesprochen werden, weil er damit beschäftigt ist, die Würste im Minutentakt zu wenden und die Auberginenzungen versehentlich ins Feuer rutschen zu lassen, was ihn noch hektischer macht.

Den Applaus für den ersten heil an den Tisch bugsierten Grillteller wischt er beiseite. Kommt noch mehr! Stets in Sorge um sein Grillgut wetzt er die nächste Stunde zwischen Rost und Gast hin und her und lässt dabei den Grill­deckel kesseln und kacheln, als wäre er eine Einmann-Bigband. Irgendwann schnappt er verschwitzt und verrusst im Stehen zwei grenzwertig verbrannte Würstchen und wieselt endlos um den Tisch im Versuch, die letzten Brocken an den Mann zu bringen. Es folgen Entsorgungs-, Reinigungs- und Verhüllperformances, an deren Ende er völlig erledigt in den Gartenstuhl sinkt. Er möchte jetzt allein sein, um über das Erlebte nachzusinnen. Und vielleicht noch ein Bier.

«Jetzt wäre die Glut perfekt»

Eine Stunde nachdem alle satt sind, schlendert der Gastgeber zufällig am Grill vorbei. Dort stellt er fest, dass der von ihm ursprünglich angestrebte weiss-heisse Finalzustand seiner Kohle gerade eingetreten ist. Immer das Gleiche! Statt geduldig darauf zu warten, hat er sich von der Meute der Hungrigen zur Eile hinreissen lassen, hat den Tofu direkt flambiert und dem T-Bone-Steak Russ­streifen verpasst, die er bei Tisch mit Mühe als Röststreifen verkaufen konnte.

«Qualmt aber ganz schön»

Eine chinesische Forschergruppe hat herausgefunden, dass im Grillrauch vorkommende krebserregende Stoffe durch die Haut intensiver aufgenommen werden als durchs Inhalieren. Die Chinesen empfehlen, Kleider nach dem Grillieren sofort zu wechseln und zu waschen – und am Grill Atemmasken zu tragen. Das bestätigt die vagen Befürchtungen einer Personengruppe, die sich bei jedem Grillereignis unweigerlich bildet: die Rauchflüchtlinge.

Kurioserweise sind es oft dieselben, die im Winter bei der ersten Gelegenheit einen Schneeball ins Auge kriegen. Im Sommer ziehen sie Funken, fliegende Aschepartikel und Rauch magnetisch an, egal, wo sie sich positionieren. Da hilft auch keine Beschwichtigung des Oberbefehlshabers am Grill, wonach es «nur am Anfang» so sei und «gleich besser» würde. Und trotzdem tauchen bald unangenehme Fragen auf: War die Kohle etwa feucht? Gibts da eigentlich keinen Deckel? Brennen da etwa die Gemüse­sticks von Tante Betty?

Die Grillsaison ist eröffnet. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

«Hats noch ein Fleisch?»

Schon klar, die neue Grillkultur und ihre mediale Aufbereitung in Magazinen und Blogs hat alle zu Fleischexperten gemacht, es werden Zuschnitte und Reifungsgrade diskutiert. Aber in der ei­gent­lichen Hitze des Grillgefechts wird diese ganze Kennerschaft oft doch wieder relativiert. Dann wird aus Onglet und Skirtsteak das gute alte: ein Fleisch! Das ist die universelle Masseinheit für Outdoor-Ernährung und heute im Sprachgebrauch wichtiger denn je. Schliesslich machen sich lauter andere Sachen auf dem Feuer breit, die nicht «ein Fleisch» sind. Sondern Grillkäse, St. Petersfisch oder Zucchini. Die Enttäuschung darüber darf sich kein moderner Mensch anmerken lassen, aber trotzdem schwingt in der Frage immer viel Hoffnung mit: «Hats noch ein Fleisch?» Unausgesprochen bleibt der Nachsatz: «Oder muss ich noch einen Fenchelspiess essen?»


«Ist nicht schlimm, wenn es nicht ganz durch ist, oder?»

Kaum ist die Frage gestellt, richtet sich die Aufmerksamkeit des Publikums auf den beanstandeten Übergang von Kotelettknochen zum Fleisch, der doch ein bisschen sehr rosig geraten ist. Gehört so, sagt der Verantwortliche mit der wackligen Überzeugung des Ex-Steinzeitmenschen und verschlingt als Übersprungshandlung seinen halb rohen Burger. Leider teilte das Uniklinikum im deutschen Essen unlängst mit: Beim Verzehr von nicht ausreichend erhitztem Schweinefleisch droht eine unangenehme und im schlimmsten Fall gefährliche Infektion mit Hepatitis E. Schweinefleisch sollte auf dem Grill bei min­destens 70 Grad etwa 20 Minuten gebraten werden. Aber hä, 20 Minuten bei 70 Grad? Da kann man ja gleich in der Küche bleiben und den Ofen anschalten!

«Mich hat irgendwas gestochen!»

Das Beste am Grillieren ist nicht das Essen, sondern dass es draussen stattfindet. Dabei ist egal, ob auf der Terrasse oder am Flussufer. Man erobert sich für kurze Zeit einen ungewohnten Raum und nutzt ihn für etwas reichlich Verrücktes: Feuermachen und wehrloses Gemüse pfählen. Und wenn man «Grillieren» sagt, schwingen noch zehn andere Sachen mit: Frisbee spielen, Leute treffen, ungeniert mit Bierflaschen herumstehen, Lampions anzünden, Sternbilder raten, Kinder und Glühwürmchen betrachten oder einfach nur zuschauen, wie lange der Tag noch gegen die Nacht durchhält. Und wenn man dann gestochen wird, na ja, ist das eben die finale Bestätigung dafür, dass man gerade ein Abenteuer auf sich genommen hat.

«Ist das ein Weber?»

Wenn je die Frage aufkommt, wonach die Schweiz charakteristisch klingt, muss man sagen: Nach dem Kesseln der Weber-Grills in der Agglomeration am Samstagnachmittag. Man weiss halt: Wintergrillen ist die Nordkap-Fahrt des kleinen Mannes. Und die Firma Weber hat mit dem Import der US-Grillkultur durchaus Pioniergeist bewiesen und hierzulande viel Aufklärungsarbeit betrieben: der Deckel, die indirekten Grillzonen, das Zubehör von Ahornchips bis Zedernholzplanke – man hatte ja vorher keine Ahnung! Der Zubehörkatalog der Firma kann es mittlerweile mit dem eines Autoherstellers aufnehmen. Wäre alles nicht schlimm, wenn die Weber-Anhänger nicht so militant gegen Andersgläubige vorgehen würden.

«Muss überall gegrillt werden?»

Kürzlich hat eine dänische Firma einen löblichen Öko-Einweggrill vorgestellt: mit Bambusstäben, Lavastein, Kartonhülle und einem Preis von rund 10 Franken soll er jenen fiesen Alu-Quadern entgegentreten, die mit zum Billigsten gehören, was man an einer Tankstelle kaufen kann. Diese Revolution wird nicht funktionieren. Beim Sachverhalt Einweggrill etwas ökologisch richten zu wollen, ist etwa so, als wollte man beim Polterabend auf niveauvolle Unterhaltung achten. Nein, der Einweggrill ist wie das Notrad beim Auto: Spontan ist man geneigt, das Ding zu feiern – nach zehn Minuten nervt es trotzdem brutal, egal, ob man es selbst benutzt oder der Sitznachbar am See.

Windiges Alu, Anzündhilfe, hauchdünnes Grillgitter und eine Arbeitshöhe von etwa 12 Zentimetern über dem schmutzigen Ufer – wann immer man auf diese toxisch-puristische Art des Grillierens zurückgeworfen wird, merkt man, was für eine Katastrophe der ganze Vorgang eigentlich ist. Neonorange vorgewürzte Fleischlappen, die auf bleicher Flamme innerhalb von 5 Minuten von ungeniessbar zu halb verbrannt mutieren und auf die man sich trotzdem freut wie auf eine Hostie – ein Irrsinn. Aber andererseits auch eine Offenbarung, wie wenig man eigentlich fürs Grillieren braucht: eine Handvoll Kohlechips in Alu und ein Feuerzeug. Und irgendjemanden, der die fettig-russige Tretmine hinterher freiwillig in einen überquellenden Parkabfalleimer stopft.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.07.2018, 07:23 Uhr

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