Merlot ist wie Coldplay

Der amerikanische Sommelier Justin Leone hat einen Weinlehrgang verfasst, der offensichtlich rocken will.

Flasche leer? US-Sommelier Justin Leone mit dem teuren Richebourg. Foto: Mike Krüger

Flasche leer? US-Sommelier Justin Leone mit dem teuren Richebourg. Foto: Mike Krüger

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Ist schon punkig, wie der Autor auf dem Cover von «Just Wine – Weinwissen ohne Bullshit» auftritt: in karierten Hosen, mit aufgestelltem Haarschopf hat er offenbar grad einen Schluck sauteuren Richebourg aus dem Burgund genossen – notabene: aus der Flasche, die er in der Hand hält. Da passt es, dass Justin Leone in seinem Buch auf den ersten Seiten erst einmal erzählt, wie er seine lausigen Gagen als junger Rockmusiker in einfache Weine zu investieren begann. Und so eine Welt entdeckte, die er nun mit uns teilen möchte.

Nur nicht überheblich wirken, soll dies suggerieren. Bekanntlich gibt es schon genug Weinfachmänner und ebenso Wein­literatur, die so tut, als wäre Rebensaft eine Offenbarung, die allerdings nur mit eigener Sprache («Aromen von schwarzen Johannisbeeren und Veilchen») umschrieben werden kann. Und deshalb ist man erfreut, wenn da einer in den Klappentext schreibt, dass er «den ganzen muffigen Weinsprech-Kram in die Tonne hauen will». Dass er beim sonst üblichen Männerbund-Gehabe nicht mitmachen will.

Der Winzer als Dirigent,die Rebe als Musiker

Konkret bedeutet dies, dass Leone die Weinproduktion mit Musik vergleicht: Der Weinberg ist in seiner Analogie eine musikalische Komposition; den Winzer vergleicht er mit dem Dirigenten; die Reben mit Musikern. Auch der Konzertsaal (Jahrgang) spielt beim Erlebnis eine Rolle. Allerdings ist die Freude über diesen ungewöhnlichen Zugang von kurzer Dauer. Schon ein paar Seiten weiter kommt dann eben doch das typische Weinvokabular ins Spiel: Weissweine riechen auch bei Leone nach Zitrone, Ananas und gelbem Apfel; rote Weine nach Sauerkirsche, Brombeere und Feigenkonfitüre. Und eventuell spiele das Terroir hinein, was sich im Glas dann als Teer, Kreide oder Petrolnote zeige. Haben wir das nicht schon im 08/15-Wein-Abendkurs gehört?

Umso mehr hofft man auf den zweiten Teil des Buchs, wo Leone Traubensorten seinen Lieblingsmusikern zuordnet. Da ist etwa der rote Grenache, dem er eine Nähe zu Michael Jackson attestiert: «Grenache ist eine mitreissende Rebsorte, die schneller Feuer fängt als damals das Haarspray von Michael Jackson beim Dreh für einen Pepsi-Werbeclip.» Der Merlot kommt ins gleiche Fass wie Coldplay, weil er «unmittelbar sympathisch und sehr eingängig» ist. Passend der Vergleich des rauen Neb­biolos mit Tom Waits oder die Nähe des duftigen, oft auch süsslich ausgebauten Gewürztraminers zu Prince. Doch alles in allem wirken diese Analogien überstrapaziert. Zu bemüht sind die Versuche, das herkömmliche Weinverständnis zu rocken.

«Parker-Punkte sind Schwachsinn»

Es reicht aber nicht, zu behaupten, dass Parker-Punkte und andere ähnliche Bewertungsys­teme «der reinste Schwachsinn sind». Wenn man danach das inter­national gängige Verkostungsschema eben doch verwendet, welches auch den übli­-chen Weinbeschreibungen von Weinaka­demikern und Masters of Wine (London Calling! – diese Schulungen werden zentral von England aus gesteuert) zugrunde liegt.

Sagen wir es so: Schnell gelesen, ist das Buch von Leone für all diejenigen sinnvoll, die ihr bereits gelerntes, wieder vergessenes Weinwissen auffrischen möchten, denen aber herkömmliche Weinbücher zu trocken sind. Auf einen wirklich neuar­tigen Zugang zur Materie, der tatsächlich flasht, warten Weinfreaks weiterhin vergeblich.

Justin Leone: Just Wine – Weinwissen ohne Bullshit. Übersetzt von Martin Waller. ZS-Verlag, München 2018. 200 S., ca. 34 Fr.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 30.11.2018, 17:55 Uhr

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