Käse wird mit Hip-Hop besser

Sechs Monate lang hat Beat Wampfler seinen Käse mit Klassik, Techno, Rock und Hip-Hop beschallt. Die Resultate sind erstaunlich.

Beat Wampfler beschallt seinen Käse während der Lagerung mit Musik. Video: Martin Erdmann

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Alle sind sie wegen des Käses gekommen. ARD, Reuters, AFP, aber auch «Tierwelt» und der «Schweizer Bauer». Die Reporterfüchse von Prosieben sind gar bereits am Vortag in den Käsekeller in Burgdorf gestiegen. BBC war vor Wochen da, al-Jazeera hat berichtet. Alle wollten sie den Käse von Beat Wampfler sehen. Ein besonderer Käse, dessen Geruch nicht hinterhältig in die Nase steigt, dafür grosse Fragen in sich trägt: Sind Käse empfänglich für Musik? Macht Hip-Hop Käse besser?

Beat Wampfler hat zusammen mit der Hochschule der Künste Bern acht identische Käse über sechs Monate lang mit Musik beschallt. Ein Käse durfte in seiner eigens angefertigten Holzbox die «Zauberflöte» von Mozart hören, ein anderer «Stairway to Heaven» – Wampfler ist Fan von Led Zeppelin –, es gab den Technokäse, den Ambientmusikkäse und eben den Hip-Hop-Käse. Dieser hörte «Jazz (We’ve Got)» von A Tribe Called Quest. In der Endlosschleife.

Video: So wird Käse beschallt

Käseproduzent Beat Wampfler erklärt, wie er sein Käse beschallt. Video: Martin Erdmann

Nun ist er also gekommen, der Tag der Enthüllung. Wampfler ist nervös, er habe eine Vorahnung, doch viel mehr wisse er nicht. Wampfler ist mit fünf Mithelfenden auf eine Bühne gestiegen, um Fragen zu beantworten. Neben ihm spricht der Mann von der Hochschule und erzählt, wie dieses Projekt für einen Wissenstransfer in die nichtkünstlerische Welt sorge. Wampfler macht sich Notizen mit einem Kugelschreiber. Seine kräftigen Arme haben in seinem Leben schon manch Schwereres als Kugelschreiber gehoben. Käselaibe zum Beispiel. Dutzende von Kilogramm schwer.

Spinner!, haben sie ihm gesagt

Dann ergreift er das Wort, starke Stimme, ordentlich Tempo: «Es ist meine erste Pressekonferenz. Ich weiss nicht, wie es rauskommt.» Ganz ähnlich war es im vergangenen Juli, als er das Experiment startete. Spinner!, haben sie ihm gesagt. Wampfler erzählt von der Unsicherheit und der Überzeugung, dass einfach etwas passieren müsse. Man hört ihm gerne zu, er spricht über Käse, als würde er die Milchsäurebakterien Leuconostoc und Lactococcus persönlich kennen. Dabei ist das Käsen ein Hobby, das er abends und am Wochenende pflegt. Gewöhnlich behandelt Wampfler Pferdekoliken. Er ist Tierarzt.

Eine sensorische Konsensanalyse hat Resultate zum Experiment geliefert. Vier trainierte Tester der Hochschule Wädenswil haben den Käse gekostet, hoch standardisiert, nach DIN-Norm, anhand von 30 Parametern beurteilt. Geschmack, Geruch oder Konsistenz. Parallel ass auch eine 7-köpfige Jury vom Käse. «Das Interessante ist, dass beide Gruppen zum selben Schluss kamen», sagt Peter Kraut, Leiter der Jury. Das Verdikt: Der Hip-Hop-Käse hebt sich deutlich von den anderen ab. Er ist im Geruch und Geschmack besonders fruchtig. Und: Er hat auffällig grosse Löcher.

Musik ist mächtig, man weiss das, sie kann aus Fäusten Blumensträusse machen. Es gibt Studien, die besagen, dass Kühe mehr Milch geben, wenn sie im Melkstall Beethoven hören – es soll sie beruhigen. Ein Winzer in der deutschen Pfalz schwört auf Brahms und Bizet, die Musik würde seinen Wein cremiger machen. Und nun also auch grössere Löcher im Käse.

Kürzlich rief ein Käsehändler aus Brooklyn an und fragte Wampfler, ob er den Mozartkäse kaufen könne.

Doch warum ausgerechnet der Hip-Hop-Käse? Wampfler spricht von einem grossen Energietransfer. Er habe das selbst gespürt und beim Arbeiten automatisch zum Hip-Hop zu wippen begonnen: «Es lief immer volle Pulle, der Käse konnte sich nicht erholen wie bei den anderen Musikstilen.» Klingt nach böser Käsefolter, in Guantánamo haben sie Häftlinge mit Metallicas «Enter Sandman» wach gehalten. Bei so viel Käse wachsen wirre Gedanken.

Tatsächlich liegt es wohl weniger am Musikgenre, sondern eher an der Schallqualität. Der Hip-Hop-Song wird getrieben vom tiefen Bass und viel Perkussion – das muss den Käse im Reifeprozess bewegt haben. Dies wird bestätigt durch den Käse, der monatelang mit der Sinusschwingung von 25 Hertz konfrontiert wurde, einem tiefen, anhaltenden Ton. Auch weist er einen fruchtigen und süsslichen Geschmack aus. Um die Sache wissenschaftlicher zu gestalten, will man nun den Versuch wiederholen.

Wampfler wird im Käsekeller von Kamera zu Kamera gezogen. Der Ansturm ist erstaunlich. Die Organisatoren mutmassen, dass das Interesse mit den Themen Kulinarik und Kultur zusammenhänge, die viele Menschen bewegen würden. Nun, vielleicht ist es auch nur die Kombination Schweiz und Käse. Das Klischee, das seit über hundert Jahren funktioniert. Aufgefrischt mit ein paar Takten Musik.

Der Käse als Integrationshilfe

Die vielen Anfragen haben aus Wampfler einen medienerprobten Menschen gemacht, er kennt zu jeder Frage eine Antwort. Ja, es handle sich um einen Versuch. Nein, es sei kein Klamauk. Ja, er habe gehofft, dass die Bakterien zu tanzen beginnen. Nein, die Kommerzialisierung stehe nicht im Vordergrund. Doch es soll sich für Wampfler irgendwann schon lohnen. Kürzlich rief ihn ein Käsehändler aus Brooklyn an und fragte ihn, ob er den Mozartkäse kaufen könne. Dem Mann aus New York sei gesagt, dass der Mozartkäse ein Rohrkrepierer eines Klangkäses ist. Übrigens wie alle anderen mit Musik beschallten Exemplare. Gut im Geschmack zwar, doch kaum zu unterscheiden vom Referenzkäse, der keine Klangtherapie genoss.

Hätte Wampfler seinen Käse vor 20 Jahren mit Hip-Hop beschallt, er wäre knallhart bestraft worden. Mit einer saftigen Busse und branchenweiter Verachtung. Es war eine Zeit, als die Käseunion über den Schweizer Käse wachte. Innovation war verboten, die Käser machten praktisch nur Hartkäse, weil dieser länger haltbar war. Kein Wunder, dass damals Schweizer Käsetheken an Eintönigkeit litten. 1999 verschwand die Union, seither sind über 1000 neue Käsesorten entstanden.

Der Hip-Hop-Käse könnte sie nun ergänzen. Wampfler hat an ihm besonders Freude, die Musik kenne er zwar nur flüchtig, doch der erfolgreiche Versuch könne helfen, die Jungen zum Käse zu führen. Der Käse als Integrationshilfe. Oder wie er sagt: «Käse und Musik bring people together.»

«Cremig, süsslich»: So urteilt die Jury über Wampflers Musik-Käse. Video: Martin Erdmann

Erstellt: 14.03.2019, 22:23 Uhr

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