Rollende Restaurants im Test

Der Kluge isst im Zuge? In der Schweiz gibt es vier Anbieter für Verpflegung auf Schienen. Die Qualität des Angebots ist äusserst unterschiedlich.

Es geht auch feudaler. Vor allem – wie hier – im TGV. Foto: Peter Rigaud (Laif)

Es geht auch feudaler. Vor allem – wie hier – im TGV. Foto: Peter Rigaud (Laif)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Regel Nummer eins für Gäste im Zug­restaurant: Füllen Sie das Glas nie zu voll, wenn der Zug gerade aus einem grösseren Bahnhof abfährt. Wegen der vielen Weichen rüttelt der Waggon dann am stärksten – das gibt eine Sauerei, der mit Papierservietten kaum beizukommen ist!

Regel Nummer zwei: Bestellen Sie keine Salate, sondern Schmorgerichte! Beides kommt aus dem Beutel – dem Grünzeug tut das allerdings nicht gut, einem Ragout schadets weniger.

Und Regel Nummer drei: Tragen Sie stets ein paar Euro (oder eine Kreditkarte) in der Tasche. Wer – auch auf Schweizer Boden – in einem Bahnwagen Platz nimmt, der von einem ausländischen Unternehmen betrieben wird, weiss nie, ob der Kellner auch Retourgeld in hiesiger Währung dabeihat.

Vor ein paar Wochen haben die SBB ihr Speiseangebot in den Bordrestaurants erneuert. Anlass genug, einmal sämtliche Bahnunternehmen unter die Lupe zu nehmen, die in der Schweiz «rollende Restaurants» anbieten. Das sind neben den SBB die Deutsche Bahn (DB), der französische TGV Lyria sowie die ­Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB). Wir haben die entsprechenden Angebote ano­nym getestet. Eine Offenbarung ist das Essen nirgends – doch da und dort sind Highlights auszumachen: das Bier bei der DB, der Kaiserschmarrn bei den ÖBB, das Züri-Geschnetzelte der SBB.

Die Luxusvariante

Einen Spezialfall stellt das von uns getestete Zugessen im TGV Lyria dar: Wir ­probieren hier die Luxusvariante. In der höchsten Klasse «Business Première» ist je nach Tageszeit ein mehrgängiges Frühstück, Mittag- oder Abendessen im Reise-Package inbegriffen. Es wird dabei viel Wert darauf gelegt, dass der Passagier Produkte aus jenen Regionen aufgetischt bekommt, die er durchreist. «Was man durchs Fenster sieht, soll man auch auf dem Teller haben», sagt Lyria-CEO Andreas Bergmann.

Natürlich ist es heikel, wenn hier ein solches High-Class-Angebot mit den einfacheren Bordverpflegungen von DB, SBB und ÖBB verglichen wird. Trotzdem lässt sich ein Schluss ziehen: Würde man sich auch andernorts auf eine kleinere Speisekarte fokussieren und unpassende Gerichte wie Blattsalate oder Teigwaren streichen – das Gebotene hätte wohl eine ansprechendere Qualität. Und wäre für manche vielleicht tatsächlich eine Alternative zu Brezeln und Dosenbier, gekauft am Abfahrtsbahnhof.

Regel Nummer vier wäre wohl: Geniessen Sie, dass Sie bis zum Zielbahnhof mal genügend Zeit haben zum Essen. Und dass Sie in aller Regel freundliches Personal bedient.

DB Intercity
Wow, es gibt frisch gezapftes Bier

Probiert haben wir: Eine Lauchcremesuppe, die leider etwas, Pardon, schleimig war und nicht überall gleich heiss. Auch eine Mikrowelle muss man beherrschen! Als Hauptgang gab es Hähnchen-Curry, das schön würzig und nicht allzu scharf war. Das Fleisch: hübsch gebräunt und ziemlich zart. Dass Nüsse für ein wenig Biss sorgen, fällt positiv ins Gewicht. Als Beilage gab es Reisnudeln, die leider fad waren und sehr zerschnippelt ausgesehen haben.

Das Angebot: Von der Currywurst bis zum Apfel-Rüebli-Salat, vom Schokokuchen bis zum «herzhaften Frühstück» ist alles da. Wäre weniger nicht mehr?

Das Ambiente: Charmant ist anders.

Der Kaffee: Vielleicht sollte man besser Tee bestellen.

Bier und Wein: Ein Bitburger Premium-Pils gibts frisch ab Zapfhahn mit sehr dünnwandigem Glas – definitiv das Highlight der DB-Bordgastronomie. Der deutsche Sauvignon blanc wirkt frisch und fehlerlos, wird jedoch zu warm serviert.

Besteck, Geschirr und Tischwäsche: Das weisse Tischtuch hat drei Stunden nach Abfahrt in Hamburg schon bessere Zeiten gesehen. Da helfen auch die Papiersets und Servietten wenig, die drauf liegen. Die Gläser sind funktional, das Besteck schön poliert und sehr massig.

Preis für günstigste Vorspeise und günstigsten Hauptgang: ca. 13 Fr.

Bemerkenswert: Nervig sind hier vor allem jene Fahrgäste ohne Platzreservation, die mit einer einzigen Tasse Tee vier Stunden lang am Tisch sitzen bleiben.

Wertung: 1 von 3 Sternen

SBB
Neu: Mehr Swissness

Probiert haben wir: Aus der kürzlich eingeführten neuen Speisekarte einen Caesar Salad mit gehobeltem Parmesan, Croûtons und gebratener Pouletbrust, der leider viel weniger «aamächelig» daherkommt als auf dem Foto in der Speisekarte. Das Fleisch ist trocken, die Croûtons gehen gleich ganz vergessen. Daumen hoch für das Zürcher Geschnetzelte, das mit Kartoffelstock auf den Tisch kommt. Das Fleisch ist zart, der Stock wie zu Hause.

Das Angebot: Auch hier wird der Bogen weit gespannt. Vermehrt wird Wert auf Schweizer Klassiker gelegt: So sind etwa Cervelat- Käse-Salat, Tessiner Polenta mit Ratatouille oder Bündner Nusstorte im Angebot. Auch Rivella ist zurück an Bord.

Das Ambiente: Zurzeit sind verschiedene Wagen unterwegs, die auch unterschiedlich gemütlich sind. Wann kommen die neuen Bordrestaurants auf dem ganzen Netz?

Der Kaffee: Der Espresso von Lavazza kommt im Vergleich zu den anderen Anbietern am besten weg.

Bier und Wein: Das beliebte Schneider Weisse ist von einem Schweizer Weizenbier von Falkenbräu verdrängt worden. Gut so. Der beliebte «Eidächsli-Wii» Les Murailles bleibt in Sortiment. Auch gut.

Besteck, Geschirr und Tischwäsche: Alles sehr solid. Das Apéro-Plättli wird ziemlich zeitgeistig auf einer schwarzen Schieferplatte serviert.

Preis für günstigste Vorspeise und günstigsten Hauptgang: ca. 20 Fr.

Bemerkenswert: Wechselnde regionale Biere sollen das Angebot ergänzen. Prost!

Wertung: 2 von 3 Sternen

TGV Lyria
High-End-Bordverpflegung

Probiert haben wir: Jambon persillé mit Blumenkohlmousse – sehr elegant. Gefolgt von einem saftigen Pouletfilet in gelungener Weissweinsauce mit Kartoffelgratin. Dass vor dem Apfel-Rhabarber-Crumble noch ein Käseteller serviert wird – très français! Das Frühstück auf der Rückreise (samt O-Saft, Brot mit Butter, Gipfeli, Müsli und Frucht­salat) kann bei besagtem Abendessen leider nicht mithalten.

Das Angebot: 250 Fr. pauschal kostet die Reise in der Klasse Business Première nach Paris ab Basel oder Zürich respektive umgekehrt (einfache Fahrt). Inbegriffen ist neben einer Sitzplatzgarantie für den ganzen gewählten Reisetag auch ein Mehrgänger samt Getränken.

Das Ambiente: Die französische «Vogue», die man sich nehmen darf, hat mehr Glamour als der Bahnwagen der 1. Klasse.

Der Kaffee: In den Bistros in Paris können die das besser.

Bier und Wein: Wenn das Abendessen in Basel mit einem Glas tadellosem Champa­gner beginnt und mit einem Cognac kurz vor Paris endet – kann man mehr wollen? Ja, guten Wein und ausgewähltes Bier.

Besteck, Geschirr und Tischwäsche: Alles sehr elegant. Wären die Porzellanteller rund statt eckig (und zudem etwas grösser) – man fühlte sich wie in einem besseren Restaurant.

Preis: 250 Franken pauschal, inklusive Zugbillett.

Bemerkenswert: Wer Pech hat, bekommt auf der Reise von Paris nach Zürich kein Omelett zum Frühstück mehr, dafür Müsli. Das Abendessen macht mehr Freude.

Wertung: 3 von 3 Sternen

ÖBB Railjet
Kaiserschmarrn mit Säurekick

Probiert haben wir: Eine Spargelcremesuppe, die perfekt gesalzen und mit kleinen Spargelstücken daherkommt; etwas Schnittlauch oder Peterli würde dieser Vorspeise optisch entgegenkommen. Der Hauptgang ist okay, jedoch keine Offenbarung: Der Tafelspitz ist einigermassen zart und schmeckt gut, die Salzkartoffelscheiben dazu sind noch nicht ganz lind. Eine echte Freude ist der warme Kaiserschmarrn mit Aprikosenkonfi, Pardon, Marillenröster: Die Mehlspeise ist nicht zu süss, die fruch­tige Sauce gibt der Sache den nötigen Säurekick.

Das Angebot: Auch hier wird dem Angebot ein landestypischer Anstrich gegeben, auch hier wäre eine kleinere Auswahl wohl sinnvoll.

Das Ambiente: Nennen wirs Ikea auf ­Schienen.

Der Kaffee: Achtung, der Nachgeschmack, der irgendwie an Karton erinnert, bleibt noch 20 wenn nicht gar 30 Minuten am Gaumen hängen.

Bier und Wein: Beachtlich ist die Weinkarte, die zwar (mit einer Ausnahme) keine Jahrgänge aufführt, aber ein paar sehr renommierte österreichische Winzer präsentiert. Das Lagerbier kommt von Gösser, was so in Ordnung geht.

Besteck, Geschirr und Tischwäsche: Porzellangeschirr und Besteck sind tadellos sauber. Die dünnwandigen Wassergläser haben allerdings Wasserflecken.

Preis für günstigste Vorspeise und günstigsten Hauptgang: ca. 17 Fr.

Bemerkenswert: Wer mit dem Railjet unterwegs ist, kann sich die Speisen auch an den regulären Sitzplatz bestellen.

Wertung: 2 von 3 Sternen (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.05.2018, 21:20 Uhr

Artikel zum Thema

Swiss bittet Economy-Passagiere für Essen an Bord zur Kasse

SonntagsZeitung Die Airline führt ab Genf ein neues Verpflegungskonzept ein. Die Lufthansa-Tochter will Kunden vermehrt zur Kasse bitten. Mehr...

Das Ende der SBB-Minibars

60 neue Speisewagen sollen ab Dezember schrittweise die rollenden Kioske ersetzen: Wie die SBB ihr Gastroangebot umkrempeln. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Vatikan: Bischöfe während der Heiligsprechung des Papstes Paul VI und des 1980 ermordeten Erzbischofs Oscar Romero aus San Salvador.(14. Oktober 2018)
(Bild: Alessandro Bianch) Mehr...