Sechs Gartenbeizen, die glücklich machen

Geschmackliche Verirrungen, Platzmangel und Plastik machen der Gartenwirtschaft den Garaus. Noch gibt es Ausnahmen.

Der parkähnliche Garten mit altem Baumbestand des Palazzo Salis in Soglio GR.

Der parkähnliche Garten mit altem Baumbestand des Palazzo Salis in Soglio GR. Bild: Christian Speck

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Geschmack ist eine subjektive Angelegenheit. Was eine schöne Gartenwirtschaft ausmacht, da sind sich die meisten Gäste aber einig. Trotzdem ist die vollwertige Gartenwirtschaft vom Aussterben bedroht. Wo sind sie, die Gartenwirtschaften, die ohne pseudo-mediterrane Kübellandschaft, Gartenzwerge und Folklorebarock auskommen?

Dort, wo noch der Kies unter der Schuhsohle knistert, dort wo die suchende Hummel zur Blume brummt, der Kastanienbaum Schatten spendet und die Blechtische aufgefangene Wärme abstrahlen. Dort, wo die Holzstühle einen zum Geradesitzen verleiten und der Service mit einem Lächeln den Wurstsalat auf einem runden, weissen Teller mit Bauernbrot und einem schäumenden Bier auftischt. Sind das nicht die kleinen Sensationen des Sommers, nach denen wir uns alle sehnen? Ja! Dann lesen Sie weiter.

Eine Reise nach damals

Eine der ursprünglichsten Wirtschaften befindet sich im Markgräflerland, 20 Autominuten von Basel entfernt. Der Hirschen in Egerten ist eine Lebensoase mit herzlichen Gastgebern und einem jungen Patron, der das Erbe seines Grossvaters mit Sorgfalt weiterführt. Das kulinarische Angebot ist klein und durchdacht. Der Salat wird in der Glasschüssel serviert, die panierten Schnitzel liegen im klaren Jus auf der Platte, der Wurstsalat hat deutschen Feinschnitt, und der lauwarme Kartoffelsalat ist perfekt.

An lauen Tagen speist man im Traumgarten unter dem schattenspendenden Baum an Blechtischen und auf Holzstühlen. Max Geitlinger kredenzt seine filigranen Weine, die Gäste trinken, sinnieren und blicken über den Gartenzaun hinweg auf die vor sich hin grasenden Schafe. Wird es frisch oder kommt Regen auf, bietet die gute Stube Patina und Kachelofenwärme.

Hirschen, 79400 Egerten (D)
Tel 0049 7626 388
www.hirschen-egerten.de
Di bis Sa ab 18 Uhr geöffnet


Eine für alle

Mitten durch das verwinkelte Dorf Wilen verläuft die Grenze zwischen den Kantonen Thurgau und Zürich. Die Morgensonne ist grenzenlos. Denn wichtiger als die Politik ist eine funktionierende Dorfbeiz. Nun hat die Familie Stürzinger die spartanischen Öffnungszeiten ihrer Wirtschaft erweitert. Das hat mit der Heimkehr von Tochter Svenja zu tun, die eine exzellente Köchin ist und der Morgensonne neues kulinarisches Leben einhaucht, mit einem wöchentlich wechselnden, saisonalen Angebot.

Aktuell stehen unter anderem der lokale grüne Spargel sowie Erdbeeren-Parfait und Rhabarbermousse auf dem Programm. Sommerfrischler genehmigen sich vor dem Beizengang ein Bad im Dorfweiher, den sie sich mit allerlei Fischen wie Hecht, Zander, Rotaugen, Schleien und Karpfen teilen. Das Fischen ist allerdings den Einheimischen vorbehalten, die Morgensonne mit ihrem idyllischen Garten und dem verträumten Vorplatz ist für alle da.

Zur Morgensonne
8525 Wilen b. Neunforn TG
Tel 052 745 12 33
wirtschaftzurmorgensonne.ch
Mi, Do von 17 bis 23.30, Sa von 11 bis 23 und
So von 10 bis 20 Uhr geöffnet. Der Fr ist für Anlässe und Gesellschaften reserviert.


La vita è bella

Monika Müller und Christian Speck sind seit drei Jahren Gastgeber im Palazzo Salis. Als neue Pächter gesucht wurden, war für die Unterländer alles klar, für die Besitzer ebenfalls. Sie haben das altehrwürdige Haus entstaubt und ihm ihre persönliche Note verliehen. Es ist ein Flecken wie aus einer anderen Welt, der jeden Gast gefangen nimmt. Sei es mit einem Buch vor dem Kamin, sei es im sakral angehauchten Speiseraum oder im parkähnlichen Garten mit altem Baumbestand. Alles ist so, wie es sich der unverbesserliche Romantiker wünscht, ohne auch nur einen Hauch von Kitsch.

Tagediebe haben hier ihr Basislager, auch zwischendurch auf dem Liegestuhl im Garten, Genussmenschen kommen für eine Nacht und bleiben Tage. Kompliment auch für die geradlinige Küche, die das leichte Moderne genauso beherrscht wie das üppige Traditionelle oder beide Komponenten geschickt miteinander vermischt: Da gibt es am Mittag hausgemachte Würste vom Grill mit einem taufrischen Salat, gutem Brot und einer Flasche Nebbiolo aus dem Veltlin, und am Abend lockt das durchdachte Menü mit Suppe, Terrine, Lamm und Kuchen.

Palazzo Salis
7610 Soglio GR
Tel 081 822 12 08
www.palazzo-salis.ch
Vom 5.6. bis 27.10. täglich ab 8 Uhr geöffnet. Auf der Website die Essenszeiten beachten. Das Gartencafé ist im Sommer bei guter Witterung von 12 bis 16.45 Uhr geöffnet.


Vive la différence

Das Baseltor ist eine Beiz für den täglichen Gebrauch. Geeignet für den Mittagstisch und für das kurze oder lange Abendmahl, ohne dass man dabei gleich verarmt. Hier beschallen allein die Gäste das Lokal und die Aussenplätze hinten hinaus sowie im Innenhof. Ansonsten bespielt wohltuende Stille den Hintergrund.

Das Küchenteam um Pia Camponovo wagt sich öfter mal an Neues, ohne die hauseigenen Klassiker aus den Augen zu verlieren. An einem lauen Abend habe ich hier im sakral-romantisch anmutenden Innenhof gebackene Zucchiniblüten, frittierte Thon-Mousse-Kugeln und Kaninchenleber gegessen. Begleitet haben mich Riesling und Lambrusco, den es nicht immer an Lager hat, da den Solothurnern offenbar noch nicht klar ist, wie gut ein schäumender Roter sein kann.

Baseltor
4500 Solothurn
Tel 062 622 34 22
www.baseltor.ch
Mo bis Fr ab 9, Sa ab 8.30 und So ab 17.30 Uhr geöffnet


Alles bleibt anders

Die Alte Post ist so einfach wie wünschenswert und besticht mit einem Weinangebot, das so manchem Gourmetlokal gut anstehen würde. Es gibt nicht mehr viele solcher Beizen in der Schweiz. Patiniert, mit herzlichen Gastgebern, die kochen, was sie können, und nicht mehr sein wollen, als sie sind.

Sabina und Franz Lehner macht es Spass, statt einer aufgeblasenen Gastronomie Biobrot und Butter, Bratwurst und Kartoffelsalat oder eine Rösti mit geschnetzeltem Rindfleisch vom lokalen Angus aufzutischen. Ein Gunstplatz ist der verträumte Garten. Und der Türlersee für das Bad davor oder danach ist gleich um die Ecke.

Alte Post
8914 Aeugstertal ZH
Tel 044 761 61 38
Mo, Di, Fr ab 16 Uhr, Sa, So ab 10 Uhr geöffnet


Tradition in Bestform

Die Rösti kommt aus der gusseisernen Pfanne vom Holzherd, das Gemüse von der Wiese nebenan, das Fleisch vom Nachbarn und die Gastgeberin aus Bayern. Alles echt! Die Linde bei Boll ist eine Oase im Alltagstrott. Das Haus besticht durch seine Gaststube mit Riemenboden und seinem romantischen Garten, in dem ein wildes und doch schönes Durcheinander das Auge beschäftigt.

Die Kochsprache von Heinz Spühler ist klar und sorgfältig, die Gastfreundschaft von Marion Spühler herzlich. Die Einheimischen kommen zum Mittagsteller, die Stadtberner zu den berühmten Hausklassikern, wie «Suuri Läberli» und Kalbsgeschnetzeltes mit der Berner Rösti. Und die Verdauung kommt danach mit dem exzellenten Wacholder in Gang.

Linde
3067 Boll BE
Tel 031 839 04 52
www.linde-lindenthal.ch
Mi bis Fr mittags und abends, Sa ab 16 und So ab 9 Uhr geöffnet. Am letzten Sonntag im Monat ist die Linde geschlossen ausser am 27.10 und 24.11.

Erstellt: 04.06.2019, 17:13 Uhr

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