Spraykäse, Wurst in der Gurke – was in den USA als Leckerbissen gilt

Amerikanisches Essen ist alles, aber nicht langweilig. Doch es gibt Dinge, an die man sich nicht gewöhnen will.

Stars and Stripes: Manche amerikanischen Vorlieben sind für europäische Gaumen gewöhnungsbedürftig Foto: Getty Images

Stars and Stripes: Manche amerikanischen Vorlieben sind für europäische Gaumen gewöhnungsbedürftig Foto: Getty Images

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Es gibt für Europäer drei Arten, mit den kulinarischen und gastronomischen Erfahrungen umzugehen, die der Alltag in Amerika für einen bereithält. Da sind erstens die Dinge, an die man sich gerne gewöhnt: die Steaks, natürlich, oder das inzwischen überall hervorragende Bier. (Bud Light? Gibt es noch, aber selbst in der texanischen Wüste ist es bis zur nächsten Mikrobrauerei nicht weit.) Da sind zweitens die Dinge, an die man sich einfach gewöhnen muss, weil sie sich nicht vermeiden lassen: Das üppige Trinkgeld etwa, das man im Restaurant auch dann liegen lassen muss, wenn der Service schlecht war.

Und dann sind da drittens die Dinge, an die man sich nicht gewöhnen will – niemals.

  • 1. Gesprayter Käse

Dass Parmesan in den USA aus den Fabriken von Wisconsin kommt und entsprechend schmeckt, weiss man ja. Dass die Amerikaner aber noch ganz andere Wege gefunden haben, um Käse zu verarbeiten, realisiert man vielleicht erst, wenn man im Supermarkt vor einem der Regale mit Dosen steht, welche die Aufschrift «Easy Cheese» tragen. Es handelt sich dabei um Aerosol-Käse, Käse also, der aus der Sprühdose kommt. Die Amerikaner sprayen ihn sich gerne auf die Würstchen, aufs Brot – oder direkt in den Mund. Easy halt. Klingt scheusslich, schmeckt auch so, ist aber beliebt. Das Produkt kam 1965 auf den Markt und hält sich dort noch immer.

  • 2. Mac and Cheese, zu absolut allem

Und damit hört es leider nicht auf, was den frevelhaften Umgang mit Käse angeht. Des Amerikaners liebste Beilage ist Mac and Cheese – Macaroni, die mit einer zähflüssigen Mischung aus fadem Käse und Milch übergossen und dann für ein paar Minuten in den Ofen gesteckt werden. Die Amerikaner essen Mac and Cheese zu allem. Zum Truthahn an Thanksgiving, zum Fleisch vom Grill, selbst in Seafood-Restaurants steht das Zeug manchmal auf der Speisekarte. Krabbe an Klebekäse. Viele Amerikaner schwören auf Mac and Cheese auch als vollwertiges Abendessen, vorzugsweise aus dem Tiefkühlregal. «Comfort Food» sei das, sagen sie, Essen für die Seele. Na dann.

  • 3. Spaghetti aus der Dose

Apropos Pasta und was man daraus machen kann: In fast allen Supermärkten stösst man bei den Fertigmahlzeiten auf die roten Dosen der Marke «Chef Boyardee», die jeder Amerikaner aus der Kindheit kennt. Sie enthalten vorgekochte Spaghetti, es gibt sie auch in einer Plastik-Snackbox, für die Mikrowelle. Die Sauce aus «Meatballs», in der die Spaghetti schwimmen, besteht laut dem Kleingedruckten aus «Schwein, Huhn und Rind» – also vermutlich aus allem, was der Schlachthof an Resten hergibt.

Zurück geht dieses Verbrechen ausgerechnet auf einen Italiener namens Ettore Boiardi. Er landete zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit einem Auswandererschiff in New York, amerikanisierte seinen Namen und belieferte mit seinen für den US-Geschmack adaptierten Produkten bald das halbe Land. Im Zweiten Weltkrieg rüstete Boyardee auch die US-Armee aus. Man kann nur hoffen, dass jene amerikanischen G.I.s, die in Italien stationiert waren, für die Dosen eine bessere Verwendung fanden.

  • 4. Das Grauen am Morgen

Eine ganz eigene Kategorie sind die Sachen, die in den USA zum Frühstück konsumiert werden, speziell das, was Supermärkte als «Breakfast-Pizzas» verkaufen. In der salzigen Variante finden sich darauf Eier, Würste und Käse, in der süssen etwa Oreo-Kekse und Schokolade. Wahrscheinlich stirbt jedes Mal, wenn sich ein Amerikaner ein solches Ding in den Mund schiebt, in Neapel ein Pizzaiolo.

Dabei ist das noch nichts dagegen, was sich zum Beispiel bei der Supermarktkette Target findet: ein tiefgefrorenes Frühstück namens «Pancakes & Sausage on a stick!» (Das Ausrufezeichen ist vom Hersteller gesetzt.) Es besteht aus einer Wurst aus Schweine- und Hühnerfleisch, die auf einem Spiess steckt. Umwickelt ist das von einem süssen Pfannkuchen, der wiederum mit Blueberry- oder Schokoladestücken gefüllt ist. «Enthält 5 Gramm Protein!», steht auf der Packung, und auch: «Für Kinder unter 5 Jahren: Spiess entfernen, zuerst der Länge nach und dann in schmale Stücke schneiden.» Weil dieser Wurstspiess bestimmt das ist, womit Kinder in den Tag starten sollten.

Der Fairness halber muss man an dieser Stelle sagen: Es gibt andere Kombinationen, die ebenfalls seltsam klingen, aber überraschend passabel schmecken (sofern man den Rest des Tages nichts mehr zu essen gedenkt). Dazu gehören die besonders in den Südstaaten zum Frühstück verzehrten Chicken and Waffles: frittierte Pouletstücke mit süssen Waffeln, die man in Sirup und Butter tunkt. Erfunden wurde das Gericht in Harlem, angeblich von einem Restaurantbesitzer, dessen Gäste sich zu fortgeschrittener Stunde nicht mehr entscheiden konnten, ob sie nun lieber ein Nachtessen oder ein Frühstück essen wollten.

  • 5. Wurst in der Gurke

Wer seine kulinarischen Grenzen austesten will, kann auch einfach eine der Sportveranstaltungen besuchen, die ja – im Fall von Baseball-Spielen – ohnehin vor allem aus Essen bestehen. Zum Beispiel im Fenway Park, dem Stadion der Boston Red Sox. Dort servierten sie in der vergangenen Saison ein Lobster Poutine Steak – mit Käse überbackene Pommes frites mit Hummerfleisch. Oder er oder sie geht an ein Heimspiel der Texas Rangers. Dort findet man seit letzter Saison den Dilly Dog: eine riesige, ausgehöhlte Essiggurke (Gemüse!), die mit einer Wurst gefüllt, anschliessend in Teig gehüllt und frittiert wird. Fantasie haben sie ja.

  • 6. Frittierte Austern

Es gibt wenige Lebensmittel, die in Amerika nicht irgendwo in frittierter Form zu haben sind. Butterklöpse, Mozzarella, Stierhoden – alles schon gesehen, alles schon betrauert. Aber Austern? Sollte man die nicht roh essen, damit man noch das Meerwasser schmeckt, das in der Schale zurückgeblieben ist? So hat man das in Europa gelernt. In Amerika halten sie davon nichts. Besonders im Süden reicht der Besuch einer Oyster-Bar, um festzustellen, dass mindestens die Hälfte der Leute ihre Austern ganz anders essen. Gedämpft, damit sie ein bisschen daherkommen wie Miesmuscheln. Oder eben paniert und frittiert. Klingt gewöhnungsbedürftig, schmeckt aber wunderbar. Bei der ersten Auster, die man auf diese Weise isst, fühlt man sich vielleicht noch als Banause. Bei der zweiten dann: schon sehr amerikanisiert.



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Erstellt: 28.07.2019, 18:21 Uhr

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