Viele Winzer hat es eiskalt erwischt

Die Frostschäden in den Schweizer Weinbergen sind zum Teil verheerend.

Bundesrat Johann Schneider-Ammann besichtigt die Reben in Cudrefin (VD). Foto: Cyril Zingaro (Keystone)

Bundesrat Johann Schneider-Ammann besichtigt die Reben in Cudrefin (VD). Foto: Cyril Zingaro (Keystone)

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Man hat die Schlagzeilen gelesen und dann wieder vergessen: «Frostige Temperaturen machen den Reben zu schaffen», meldete der TA am 28. April. Das klingt ja auch harmlos, wenn man auf Konsumentenseite steht und Wein in erster Linie trinkt. Es ist bedeutend folgenreicher, wenn man seinen Lebensunterhalt mit Rebsaft verdient.

«Wir hatten viele gute Jahre», sagt Urs Jauslin, Winzer im Basler Vorort Muttenz. «Jetzt müssen wir von unseren Vorräten zehren.» Konkret: Jauslin rechnet damit, dass er grad mal 5 Prozent der durchschnittlichen Traubenmenge wird ernten können. Seine reinsortigen Weine wird er gar nicht abfüllen können, sondern wahrscheinlich eine weisse Cuvée und einen Rosé herstellen. «Wenigstens müssen wir keine Reb­stöcke ersetzen», sagt er. Kann man solche Schäden denn nicht versichern? «In über 35 Jahren betrug der Ausfall wegen Hagel oder Frost nie mehr als 25 Prozent – da lohnt sich eine Versicherung nicht unbedingt», so Jauslin weiter.

Die Zahlen, die der Schweizer Weinbauernverband bezüglich Frostschäden Mitte Mai veröffentlicht hat, sind alarmierend: In den meisten Kantonen der Deutschschweiz sei die gesamte Reb­fläche betroffen; man rechne mit Ernteausfällen zwischen 20 (Thunersee) und 100 Prozent (beide Basel, Solothurn). «Zahlreiche Winzer und Selbsteinkellerer haben einen grossen Teil oder sogar ihr gesamtes Jahreseinkommen verloren», lautet das vorläufige Fazit des Verbands. «Das Überleben vieler Betriebe ist gefährdet.» Auch wenn einzelne Regionen wie Neuenburg glimpflich davongekommen sind, verwundert es wenig, dass man seitens der Weinbauern mehrfach beim Bund interveniert hat, um dort Gelder frei zu machen.

Doch ist die Lage tatsächlich so bedrohlich? Immerhin hätten Reben, so erklärte Rebbaukommissär Andreas Wirth nach den ersten Ereignissen, die Fähigkeit – im Falle eines späten Frostes, der die Haupttriebe absterben lässt –, sogenannte Nebenaugen austreiben zu lassen. Sie lieferten zwar deutlich tieferen Ertrag, aber immerhin: Es gelte das Prinzip Hoffnung, meinte Wirth damals.

Bund gibt zinslose Darlehen

Inzwischen sind rund zehn Wochen vergangen. Wer nun an Rebzeilen vorbeikommt, sieht nicht wenig grünes Blattwerk. Aber: «Teilweise tragen die Triebe aus den schlafenden Augen nur zwei Traubenstände, manche gar keine», sagt Stephan Herter. Der Winzer aus dem Zürcher Weinland rechnet damit, dass er maximal 20 Prozent des durchschnittlichen Jahresertrags ernten wird – vorausgesetzt, dass keine weiteren Schäden, etwa Hagelschlag, hinzukommen.

Warum beantragt er keine Staatsgelder? Immerhin hat der Bund bald nach dem Frost 50 Millionen Franken gesprochen: «Es handelt sich dabei nicht um Zahlungen à fonds perdu», so Herter, «sondern um zinslose Darlehen.» Immerhin hat er sprichwörtliches Glück im Unglück: Schon 2016 musste er wegen Frost auf zwei Drittel der Ernte verzichten. Damals startete er ein Crowd­funding, um Trauben aus anderen Regionen hinzuzukaufen. Damit produzierte er den Wein «Väterchen Frost», der sich in der Gastronomie gut verkauft hat: «Ich werde auf dieselben Vertriebskanäle zurückgreifen und einen weiteren Jahrgang davon abfüllen.»

Was ihn allerdings nicht davor bewahrt, betriebliche Ausgaben derzeit auf frühestens 2019 zu verschieben. Und «unser Familienbudget herunterzufahren», wie er es ausdrückt. Stephan Herter hofft, dem Winzerberuf weiter nachgehen zu können: «Wenn mir aber die Natur den Meister zeigen will, dann kann auch ich nichts erzwingen.» Vorerst hoffe er einfach, dass bis zur Ernte im Herbst nichts mehr passiert.

Erstellt: 30.06.2017, 10:14 Uhr

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