1291 ist für die Schweiz unwichtig

Im neuen Buch von Historiker Bruno Meier über das vermeintliche Gründungsjahr der Schweiz gibt es keinen Tell, dafür Einblick in die Komplexität der damaligen Machtgefüge.

Der Rütlischwur ist «eine gute Geschichte, nicht mehr», schreibt Bruno Meier. Foto: Urs Jaudas

Der Rütlischwur ist «eine gute Geschichte, nicht mehr», schreibt Bruno Meier. Foto: Urs Jaudas

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Anhänger der Schweizer Freiheitsmythen, die unter ihrer Businesskluft und den Poloshirts aus Fernost insgeheim noch immer das Kettenhemd der mythischen Eidgenossen tragen, müssen tapfer sein, sollten sie dieses Buch übers Jahr 1291 tatsächlich in die Hand nehmen. Denn darin werden alle zentralen Schweizer Mythen – Rütlischwur, Tellschuss, Bundesbrief als Gründungsdokument – mit wenigen Handstrichen verworfen.

Selbstverständlich, möchte man meinen, denn inzwischen ist das ja eigentlich Standard in der ­historischen Forschung: Tell ist ein Import aus dem dänischen Sagenbuch «Gesta Danorum», erstmals eingeschweizert nach 1470 im «Weissen Buch von Sarnen»; der Bundesbrief ein Rechtsdokument, das 1291 und auch später nie gebraucht wurde, deshalb auch «nichts wert» sei, wie Bruno Meier, Historiker und Verleger, in seinem Buch schreibt. Und ja, auch die Geschichte der drei Eidgenossen, die nächtens auf dem Rütli gegen die fremden Vögte geschworen haben sollen, sei «eine gute Geschichte», schreibt Meier, aber «nicht mehr».

Meier selbst will erzählen, «was man weiss», also das, was sich aus der Interpretation der greifbaren Quellen ergibt. Die Beschränkung auf ein Jahr, das dem Buch den Titel gibt, ist dabei nichts Neues. Wir kennen sie bereits aus dem Werk des Genfer Gelehrten Jean Starobinski zum Revolutionsjahr 1789 («Embleme der Vernunft») oder aus Hans Ulrich Gumbrechts Opus magnum zum Jahr «1926. Ein Jahr am Rand der Zeit», in dem Hitlers «Mein Kampf» erschien und Martin Heideggers «Sein und Zeit» zur Drucklegung kam. Aber anders als bei Gumbrecht und Starobinski ist Meiers Jahr der Wahl keines der Entscheidung.

Kein Schweizer Schicksalsjahr

Für Meier ist die Beschränkung auf das eine Jahr «willkürlich», wie er selbst schreibt. Als Reaktion auf die Vereinnahmung der Geschichte durch die politische Rechte erhält es bei ihm aber die Funktion «eines Dreh- und Angelpunkts innerhalb all jener Ereignisse und Verflechtungen, welche die damalige Zeit prägten». Meier versucht uns also Einblick ins damalige Machtgefüge und die Konflikte zu geben, die 1291 schwelten oder aufloderten.

Beim Blick in dieses Geflecht verkehrt Meier zunächst die sonst übliche Perspektive – weg von den Eidgenossen hin zu den Habsburgern. Dafür heften wir uns an die Fersen des greisen Habsburgerkönigs Rudolf, dessen Tod Mitte Juli 1291 ein Gerangel um die Macht entstehen liess. Der 73-Jährige wird uns als «zielstrebiger und erfolgreicher» Herrscher vorgestellt, der seine Macht und seinen Einfluss stärken konnte, womit er den Grundstein für den Aufstieg der Habsburger zur Grossmacht legte – nicht zuletzt dank dem Sieg über König Ottokar von Böhmen 1278 auf dem Marchfeld unweit von Wien. In Meiers Buch verfolgen wir Rudolf unter anderem auf seinem Weg von Konstanz nach Baden, wo der Habsburger, der mutmasslich an Gicht oder ­Arthrose litt, die Annehmlichkeiten einer heissen Quelle in Anspruch hätte nehmen können.

Eidgenossen stemmten sich gegen Albrecht

Ob er das tatsächlich tat, wissen wir nicht. Sicher ist nur, dass der König in seinen letzten Lebensmonaten stark darum bemüht war, seinen Sohn, den österreichischen Herzog Albrecht, noch vor seinem Tod als Nachfolger einzusetzen. Es kam bekanntlich anders: Graf Adolf von Nassau wurde am 5. Mai 1292 in Frankfurt zum neuen König gewählt; der Ungarenkönig Andreas III. fiel unmittelbar nach dem Tod König Rudolfs ins Herzogtum Österreich ein, belagerte während Wochen Wien und verwüstete dabei die Umgebung.

Bern, Zürich, Konstanz: Nach dem Tod von König Rudolf stemmten sich die verschiedensten Kräfte gegen Sohn Albrecht. «Selbst das im April 1291 habsburgisch gewordene Luzern hatte sich abgewandt», lesen wir bei Meier. Mit dem wiederholten Wechsel nach Luzern eröffnet das Buch seinen zweiten bedeutsamen Erzählstrang: Er beleuchtet die Situation in der Innerschweiz, zeigt auf, wie der Verkauf von Luzern an die Habsburger im April 1291 «wie eine Bombe» einschlägt, und berührt all die offenen Fragen rund um den Bundesbrief.

Der Friede von Sirnach

Warum – zum Beispiel – wurde der Brief nicht im Bündnis von Zürich mit Uri und Schwyz vom 16. Oktober 1291 erwähnt? Wurde das Dokument erst später erstellt und rückdatiert? Solche Fragen wirft Meier auf, antwortet auf sie mit den wichtigsten bekannten Thesen, schliesst dann aber mit grosser Entschlossenheit: «Ob 1291 abgefasst oder später geschrieben und vordatiert, die Urkunde hat keine Wirkung gehabt, sie wurde nicht gebraucht und vergessen und besass deshalb keinen Wert.» Bedeutung erhielt sie erst Ende des 19. Jahrhunderts, als die Schweiz nach der Gründung des Bundes­staates sich einen Nationalfeiertag zulegte.

Meier endet in seinem Buch dort, wo er es eröffnete: In Sirnach (in der Nähe von Wil), wo sich am 24. August 1292 die Häupter der grossen Adels­geschlechter rund um den Bodensee versammelten, um einen Waffenstillstand zu vereinbaren. «Der Friede von Sirnach Ende August 1292 stellte im Wesentlichen den Status quo wieder her», heisst es bei Meier. So viel hat sich im Jahr 1291 also gar nicht bewegt. Und dies, obwohl der Konstanzer ­Bischof Rudolf von Habsburg, Vetter des verstorbenen Königs, Ende 1291 einen Krieg anzettelte, der sich zu einem Flächenbrand entwickelte; alles schien sich gegen Herzog Albrecht zu wenden, bis dieser – nach der Einnahme und Zerstörung von Wil – seinen Kopf mit dem Frieden von Sirnach aus der Schlinge ziehen konnte.

Letztlich ist dies genau das, was Bruno Meier mit seinem Buch erreichen möchte: Er will uns zeigen, wie kompliziert die Machtgefüge um 1291 waren –und wie wenig diese mit den einfachen und simplen Geschichten der Schweizer Mythen zu tun ­haben. Das wird erreicht. Gelegentlich wünschte man sich aber trotz beigefügten Hilfsinstrumenten – Stammbäumen und einem ausführlichen Personenregister – eine anschaulichere Darstellung (wie haben die Menschen gelebt?), eine süffigere Schreibe und weniger Beschränkung auf Namen und Verwandtschaften, die Meier geradezu stoisch zu genealogischen Kaskaden zusammenfügt. Aber lernfreudigen Schülern und Freunden des gesicherten Wissens kann dieses dichte Büchlein durchaus empfohlen werden.

Erstellt: 02.06.2018, 07:25 Uhr

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Bruno Meier

1291. Geschichte eines Jahres Hier + Jetzt, Baden 2018. 198 Seiten, ca. 34 Fr.

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