160'000 Franken für null Promille

Luxus-Entzugskliniken boomen weltweit, die Schweiz ist vorne dabei. Etwa mit der Clinique Les Alpes bei Montreux.

Englischer Lord trifft kalifornischen Sonnyboy: Investor Patrick Wilson. Fotos: Fabienne Andreoli

Englischer Lord trifft kalifornischen Sonnyboy: Investor Patrick Wilson. Fotos: Fabienne Andreoli

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Der Schlüsselbund an Cathy Dias’ Hose ist dick wie der einer Gefängniswärterin. Er klimpert leise, wenn sie Gäste durch die Räumlichkeiten des ehemaligen Hotel Sonloup schleust. 1911 erbaut, steht es auf einer Felserhebung über dem kleinen Dörfchen Les Avants, hoch über Montreux. Innen scheint die Zeit stehen geblieben zu sein: schwere Läufer auf Holztreppen, dunkel getäferte Gesellschaftsräume, schwere Sessel vor knisternden Kaminfeuern – als würden zum Tee russische oder englische Gentlemen erwartet. Sie verbrachten ihre Winter schon immer gern an den Ufern des Genfersees, um sich an der frischen Luft, der frischen Milch und der sublimen Szenerie zu laben.

Zäune und Sicherheitskameras rund um den Jugendstilbau und die Schlüssel am Gürtel von Hotelmanagerin Dias lassen vermuten, dass dies kein gewöhnliches Gasthaus ist. Im Hotel befindet sich heute eine Entzugsklinik. Wenn die schwere Eingangstür ins Schloss fällt, wird auch das alte Leben der Patienten ausgesperrt. In der Klinik für Multimillionäre erwartet sie, je nach Problemlage, ein Entzug, ein breites Angebot an Therapien, Menüs von einem «Gault Millau»-Koch, Aussicht auf den Dent du Midi und den Genfersee, Fitness, Spa, Meditationsraum. Fast wie in einem Fünfsternhotel. Erleichtert wird dabei auch der Geldbeutel: Eine Woche kostet 40 000 Franken, empfohlen wird ein Mindestaufenthalt von 28 Tagen.

Auf Entzug im Nachtclub

Ende September 2018 eröffnet, mit einer Kapazität von 15 bis 20 Patienten, ist die Clinique Les Alpes das jüngste Beispiel für einen Trend, der auch die Schweiz erreicht hat: Kliniken für den Jetset, ausgestattet mit dem Komfort eines Luxushotels und dem Ziel, eine besonders heimtückische Krankheit zu heilen: Sucht.

Seinen Anfang nahm dieser Trend in den Nullerjahren in Kalifornien. Innerhalb weniger Jahre entwickelte sich dort eine regelrechte Entzugsindustrie für ein finanzkräftiges und auf Diskretion bedachtes Publikum.

Allein in Malibu, einer kleinen Stadt nördlich von Los Angeles, gibt es mittlerweile über dreissig solcher Einrichtungen, wobei viele davon mehr Wert auf Luxus denn auf Entzug legen. Weltweit bekannt für ihr lasches Entzugsregime wurde etwa die Wonderland-Klinik in Malibu; dort hatte die notorische Partygängerin Lindsey Lohan eingecheckt. Tagsüber liess sie sich wegen ihrer Alkohol-, Kokain- und Tablettensucht behandeln, abends zog sie mit ihrer Busenfreundin Paris Hilton angeschickert durch Hollywoods Nachtclubs.

«Gepflogenheiten, die man kennen muss»

So etwas wäre in der Clinique Les Alpes nicht möglich, daran lässt der medizinische Direktor Randolph Willis keinen Zweifel. Hier nimmt man das Thema Sucht ernst, sei es Alkohol- oder Kokainsucht, Verhaltenssüchte wie Essstörungen oder zwanghaftes Spielen oder auch Burn-out-Erkrankungen. «Letzteres bezeichnen wir nicht als Suchtkrankheit, aber es ist eine Konsequenz von suchtartigem Verhalten eines Workaholics», sagt er.

Seit mehr als zwanzig Jahren beschäftigt sich der gebürtige Amerikaner mit dem Thema, zunächst in Kliniken im Welschland, dann mit eigener Praxis in Montreux. Hier begann er sich dank seiner englischen Muttersprache auf eine internationale Klientel zu spezialisieren, neben Engländern und Amerikanern vor allem Russen und Araber.

Sucht mache nicht halt vor anderen Kulturen, aber der Umgang damit erfordere vom Therapeuten entsprechendes Fingerspitzengefühl. Als Beispiel erwähnt Willis Patienten aus dem arabischen Raum: «Es gibt in dieser Kultur viele Tabus und ganz eigene Gepflogenheiten, die man kennen und respektieren muss, sonst kommt es leicht zu Missverständnissen.»

Der spirituelle Aspekt

Man kann Berge beengend empfinden, aber sie geben Struktur und Stabilität. Darum hat man hier schon immer Sanatorien für Lungen- und Nervenkranke gebaut, darum suchten hier Literaten und Künstler Inspiration, darum fanden hier Revolutionäre und Anarchisten Zuflucht. Heute suchen Süchtige in den erhabenen Berglandschaften transzendente Erlebnisse. In der Clinique Les Alpes gibt es dafür den sogenannten Serenity Space: Ein in den Fels geschlagener Gang führt in einen Raum direkt am Abgrund. Hier kann, wer will, über die eigenen Abgründe meditieren oder mit einem Pfarrer, Rabbi oder Imam zusammensitzen. Der spirituelle Aspekt sei wichtig für die Heilung, sagt Willis. «Sucht besetzt die ganze Existenz. Fällt sie weg, bleiben oft Leere und Depression zurück, und es kommt schnell zum Rückfall.»

Die Gemütlichkeit eines englischen Countryhauses – einfach ohne Alkohol: Zimmer der Clinique Les Alpes.

In erster Linie sollen Patienten lernen, sich in Harmonie mit dem Universum und der Natur zu fühlen. Manche erreichen diese auch mit Abenteuererlebnissen oder einem engen persönlichen Umfeld. Das ist für den langfristigen Heilungserfolg entscheidend. «Ein Grossteil der Therapie besteht darin, den Patienten auf das Leben danach vorzubereiten, ein Netzwerk aus Familie, anderen Betroffenen und Therapeuten zu sichern.» Ziel sei es, den Patienten eine Dimension des Lebens zurückzugeben, die vorher die Droge ausgefüllt habe. Und zwar auf gesunde Weise.

In der Schweiz zu planen, ist schwierig, aber aus den richtigen Gründen. Darum ist das Land so toll.Patrick Wilson, Britischer Investor

Wie bei vielen anderen Luxus-Entzugskliniken in der Schweiz steht auch hier ein ausländischer Investor hinter dem Projekt: Patrick Wilson, helle Augen, zurückgegeltes Haar, Typ britischer Lord trifft kalifornischen Sunnyboy. Rund 50 Millionen hat der gebürtige Engländer investiert, die Sache sei ihm eine Herzensangelegenheit. Mitte der Nullerjahre fasste er seinen Plan für eine Entzugsklinik in der Schweiz und setzte damit eine Entwicklung fort, die im letzten Jahrhundert begann: SchonHemingway beschrieb die neutrale Schweiz als eskapistisches Paradies, den zentralen Spa Europas, ein Ort für modische Launen, Luxushotels und nacktes Sonnenbaden.

Als sich die Bedürfnisse wandelten, passten sich die Schweizer an. Viele Luxuskurorte vereinen Bankgeschäfte, Schulen und Skipisten im selben Tal. Neuerdings gehören dazu auch auf psychische Probleme spezialisierte Kliniken. «Die Schweiz ist ein perfekter Ort für Erholung im umfassenden Sinn», sagt Wilson. «Die magische, friedvolle Umgebung, die Diskretion, das Internationale. Jeder kann sich ein paar Wochen in die Schweiz verabschieden, ohne dass dumme Fragen gestellt werden.»

Ängste um die höheren Töchter

Umso mehr Fragen stellen dafür Bewohner und Behörden. Einwände gegen die Klinik kamen vom katholischen Mädcheninternat Le Châtelard in Les Avants. Man fürchtete moralischen Zerfall und einen negativen Einfluss auf die höheren Töchter. Der Denkmalschutz stemmte sich zudem gegen den befürchteten Zerfall der historischen Bausubstanz und auferlegte dem Lausanner Architekten Ignacio Dahl Rocha strenge Vorgaben zu deren Erhaltung. «In der Schweiz zu planen, ist schwierig», sagt Wilson. «Aber aus den richtigen Gründen: Genau deshalb ist es auch so ein tolles Land, weil man lieber zweimal prüft, bevor man handelt.»

Mittlerweile hat man sich mit der Schule verständigt, das Hotel sanft renoviert. Der Stil des Hauses sei «unauffälliger Glamour» mit der Gemütlichkeit eines englischen Countryhauses, meint der Investor. Einfach ohne Alkohol. Der moderne Annex mit der Entzugsstation, dem Meditationsraum und dem Spa liegt diskret im Fels verborgen und ist nur aus der Luft einsehbar.

Von Montreux fährt jede Stunde ein Zug zum Bahnhof Les Avants, meistens besetzt mit Touristen aus Indien, China und dem Nahen Osten. Darüber scheint das ehemalige Hotel Sonloup auf seinem Felsvorsprung zu schweben, verschwiegen und der Zeit entrückt. Seine Geheimnisse behält es für sich, genauso wie jene seiner Patienten, die es als einfache Touristen wieder verlassen.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 09.01.2019, 19:58 Uhr

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Der Fünfstern-Entzug boomt in der Schweiz. Die Angebote unterscheiden sich vor allem im Preis. Auf einem ähnlichen Preisniveau wie die Clinique Les Alpes (40 000 Franken pro Woche) bewegt sich die 2017 eröffnete Klinik Recore in Braunwald GL oder die in der Romandie gelegenen Kliniken Bon Port und La Metairie. Teurer sind die drei Etablissements, die sich in und um Zürich befinden. Dort kostet die Woche von 80 000 Franken an aufwärts, etwa in der Küsnacht Practice. Dafür gibt es private Unterkunft in einer Villa, eine Haushälterin, einen Butler und einen Chauffeur. (mcb)

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