2017 war grossartig! Trump zum Trotz

Barnaby Skinner über unseren Hang dazu, alles viel schlechter zu machen, als es tatsächlich ist – zum Beispiel das auslaufende Jahr.

Das neue Jahr kann beginnen: Menschen feiern vergangenen Silvester in Peking.

Das neue Jahr kann beginnen: Menschen feiern vergangenen Silvester in Peking. Bild: Thomas Peter/Reuters

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Zu Jahresbeginn verging kein Tag, der nicht mit aufwühlenden Meldungen aus den USA startete: «Trump verbietet Muslimen Einreise», «Trump will Obamacare kippen». So ging das immer weiter. Woche für Woche. Der neue US-Präsident schien unablässig daran zu arbeiten, die USA und die globale Politik willentlich in die grösste Krise seit Ende des Zweiten Weltkriegs zu führen.

Tatsächlich ist Trump mit seinen Vorhaben in den allermeisten Fällen am Parlament oder an den Gerichten gescheitert. Das Jahr 2017 zeigte, wie zäh die Institutionen der oft totgesagten Demokratie sind. In der ganzen Trump-Hysterie leider untergegangen sind die vielen positiven Entwicklungen. So starben 2017 weniger Kinder als ein Jahr zuvor; die weltweiten Aidsansteckungen sinken; 50 bis 100 Millionen Menschen ist es gelungen, extremster Armut zu entfliehen.

Aber 2017 war eben nicht nur aus der Vogelperspektive ein grossartiges Jahr:

Saudische Frauen dürfen bald Auto fahren. Das hat das saudische Parlament kürzlich beschlossen. Betroffene wie Loujain Al-Hathloul, die 28-jährige Aktivistin, die den Stein ins Rollen gebracht hat, feiern dies als Beginn eines fundamentalen Wandels der Stellung der Frau im arabischen Raum.

Video: Frauen ans Steuer

Saudiarabien erlaubt Frauen das Autofahren. (Video: Tamedia/AFP)

Überhaupt war 2017 das Jahr der Frau. Die #MeToo-Debatte, ausgelöst durch Frauen, die über sexuelle Belästigungen durch den US-Filmemacher Harvey Weinstein berichteten, hat weltweit Feuer gefangen. Auch in der Schweiz. In Insiderkreisen wurde schon länger über eklige Tööpeleien mächtiger Schweizer Männer getuschelt; etwa des Ex-«Blick»-Chefredaktors Werner De Schepper oder des Walliser CVP-Nationalrats Yannick Buttet. Jetzt wurden sie an die Öffentlichkeit gezerrt.

Am 17. November eroberte das irakische Militär die letzte vom Islamischen Staat (IS) kontrollierte Stadt. Besiegt ist die Terrororganisation damit nicht. Auch 2017 wurden westliche Metropolen von IS-Terroristen attackiert. Der schrecklichste Anschlag ereignete sich im Mai in der britischen Stadt Manchester. 22 Menschen starben. Gerade die Berichterstattung dieses Anschlags offenbarte eine neue Qualität: Nicht die Attentäter wurden aufs Podest gehoben, um dann von der IS als Propagandamittel benutzt zu werden, sondern die vielen minderjährigen Opfer. Die Medien scheinen endgültig ihre Rolle im Kampf gegen den Terror gefunden zu haben.

Video: 50'000 Menschen trotzen dem Terror

Zahlreiche Musikstars gaben ein Benefizkonzert zu Gunsten der Opfer von Manchester.

2017 könnte für die Medien überhaupt ein Wendejahr gewesen sein. Die Trump-Wahl hatte mehrere Effekte. Sein haarsträubendes Zurechtbiegen von Fakten zeigte, wie wichtig Journalismus für die Demokratie ist. Gleichzeitig stiegen die Leserzahlen der Nachrichtenportale. Alles, was mit Trump angeschrieben ist, erhält Aufmerksamkeit. Zumindest vom Publikum. Bei den Werbetreibenden passierte das Gegenteil. Sie wollten keine Reklame neben Trump-Artikel sehen. Das zwang die Branche, sich um Bezahllösungen für den Journalismus zu kümmern. Das Resultat: Die «New York Times» verdient mit Onlineabonnenten mehr Geld als mit Werbung. Der Effekt schwappte in die Schweiz über. Das Onlinemagazin «Die Republik» sammelte im Internet 3,4 Millionen Franken, ohne eine einzige Zeile geschrieben zu haben. Weltrekord!

Überhaupt reihte die Digitalisierung Erfolgsgeschichte an Erfolgsgeschichte. Dank Handys haben heute 200 Millionen mehr Menschen Zugang zum Internet als 2016. Dort treiben sie Handel; sie bilden sich weiter; sie werden zu mündigen Weltbürgern. — Für die Medizinforschung war 2017 gar ein äusserst erfolgreiches Jahr. Die US-Firma E-Sight gibt blinden Menschen das Augenlicht zurück. Ein neuer Impfstoff gegen Rotavirus könnte jährlich 450'000 Kinder vor dem Tod zu retten. Das Schweizer Unternehmen Novartis hat im Juli in den USA um die Zulassung einer Therapie gebeten, die noch eine viel grössere Wirkung verspricht: Sie ist die erste individualisierte Zelltherapie gegen Krebs.

Bildstrecke: Die Ära Trump hat begonnen

Auch aus dem Bereich Umwelt gibt es gute Nachrichten: In allen westlichen Ländern nahm die Waldfläche um bis 3 Prozent zu.

Gleichzeitig boomt die Wirtschaft. Auch hierzulande. Der schwächelnde Franken kurbelt den für unser kleines Land wichtigen Aussenhandel an. Der Bund erwartet nächstes Jahr ein Exportwachstum von 4,5 Prozent. Die Arbeitslosenquote liegt bei stabilen 3,2 Prozent. Von Robotern, die Jobs klauen, ist nichts zu spüren.

Getrübt werden die Schweizer Good News kurzfristig von Nachrichten aus Brüssel. Die EU macht Druck, das Rahmenabkommen abzuschliessen. Und mit den USA droht Ungemach wegen Trumps Steuergesetz. Doch gerade Letzteres ist wohl gar nicht so schlecht. Trump führt mit seiner Reform in den USA das Territorialprinzip ein. Das heisst: Firmen zahlen Steuern, wo sie Erträge erwirtschaften. Schweizer Wirtschaftsexperten warnen vor Ausfällen bei den Steuererträgen, weil US-Firmen abwandern könnten. Für die hiesigen Steuerämter ein Problem; aus globaler Sicht aber zu begrüssen. Die Reform bedeutet, dass US-Konzerne wie Apple oder Facebook Gewinne nicht mehr legal im Ausland verstecken dürfen, sondern lokal versteuern müssen.

Die US-Steuerreform zeigt, wie grossartig dieses 2017 tatsächlich ist: Es ist sogar gelungen, Trump etwas Positives abzuringen.

«Dank Handys haben heute 200 Millionen mehr Menschen Zugang zum Internet als 2016. Dort treiben sie Handel; sie bilden sich weiter» (SonntagsZeitung)

Erstellt: 31.12.2017, 10:41 Uhr

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