48 Stunden radikale Ehrlichkeit

Ob ich mich Markus sexuell hingezogen fühle? Hitze steigt in mein Gesicht. Nein. Besuch an einem Seminar für radikale Ehrlichkeit.

Wann haben Sie das letzte Mal gelogen? Radikale Ehrlichkeit kann das Gegenüber in Erstaunen versetzen. Foto: Getty Images

Wann haben Sie das letzte Mal gelogen? Radikale Ehrlichkeit kann das Gegenüber in Erstaunen versetzen. Foto: Getty Images

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Freitagabend, 18 Uhr, in einem Open Space. Knarrendes Parkett, hohe Räume, Moodboards an den Wänden, Postkarten am Kühlschrank. Wir sitzen im Kreis, zehn Frauen, fünf Männer. Claudia hustet, Petra holt sich ein Glas Wasser und zieht sich ihre Wollsocken an, Markus mustert mich zum ersten Mal etwas zu lange.

Gong, innere Einkehr, atmet ein, atmet aus, atmet laut aus, macht die Augen auf, guten Abend, willkommen zum Seminar Radical Honesty. 48 Stunden radikale Ehrlichkeit. Eingehüllt in eine Atmosphäre, wie man sie kennt, wenn man Bewusstseinsarbeit macht: Immer steht da irgendwo Tee, liegen Decken, einige trinken Green Smoothies, andere wollen ayurvedisches Mittagessen, es gibt Umarmungen zu Beginn und Umarmungen zum Schluss. Aber irgendwie ist diese Gruppe auch anders, viele junge Leute. Grossstadt-Hipster, die samstags in Elektro-Clubs auflegen. Und Pete, der sagt: Komisch, das erste Mal weniger Männer als Frauen. Sonst sei das immer umgekehrt.

Pete und Tuulia, ein finnisches Ehepaar, die Seminarleiter. Sie sagen, dieser Raum sei ein Labor, um sich selbst auszudrücken. Sag die Wahrheit, halte nichts zurück. Schmücke nichts aus, übertreibe nicht und verpacke deine Aussagen nicht in Watte. Lass aber auch keine wichtigen Details aus. Trenne deine Aussage von der Geschichte, die du darum herum erzählst. Rede ohne Umschweife, möglichst konkret.

Ich würde am liebsten den Raum verlassen. Nicht mehr neben Markus sitzen.

Radical Honesty ist eine Bewegung aus den USA, gegründet vom Psychotherapeuten Brad Blanton. Mittlerweile bieten ausgebildete Coaches Seminare in ganz Europa an. Sie halten die Maxime hoch: Das Zurückhalten der eigenen Wahrheit ist der wahre Grund für Stress, Unwohlsein und unbefriedigende Beziehungen. In einem Interview mit der Zeitschrift «Esquire» sagte Blanton: «Du wirst mit der Methode richtig schlechte Zeiten haben und richtig gute. Aber du wirst eines sicher tun: etwas zum Leben von anderen Menschen beitragen. Weil du nicht dein ganzes verdammtes Leben lang auf Eierschalen gelaufen bist. Es ist ein besseres Leben.» Seine Regeln: Lüge nie in persönlichen Beziehungen. Wenn du aber Anne Frank in deinem Haus hast und ein Nazi an die Tür klopft: lüge!

Vorstellungsrunde, wir nennen unsere Namen, wir sollen sagen, wie sich unser Körper gerade anfühlt.

Herzrasen.

Mein Kopf pulsiert.

Ich habe feuchte Hände.

Ich habe zittrige Knie.

Dreht euch zu eurem Nachbarn um, sagt Pete, einer nach dem anderen, und sagt ihm: Manchmal tue ich so, als würde ich... aber in Wirklichkeit...

Manchmal tue ich so, als würde ich zuhören, dabei bin ich total gelangweilt.

Manchmal, wenn ich in einer Bar mit einer Frau flirte, tue ich so, als wäre ich nicht verheiratet.

Manchmal tue ich so, als wäre ich krank, dabei will ich nur Aufmerksamkeit.

Dann kommen die ersten klaren Regeln, sie sind einfach.

1. Sei präsent und pünktlich.

2. Wahre Vertraulichkeit.

3. Sag die Wahrheit.

4. Unterstütze die anderen dabei, die Wahrheit zu sagen.

5. Fordere ein, was du willst.

6. Gib mehr, als du bekommst.

7. Fasse niemanden an, wenn er sein Einverständnis dazu nicht gibt.

8. Erlaube uns Coaches, dich zu führen.

Stimmt ihr zu?

Seid ehrlich.

Nein, sagt Nina. Ich fühle mich eingeengt. Ich nehme dir übel, dass du Regeln aufstellst.

Wie fühlt sich dein Körper an?

Mein Herz schlägt schneller. Ich fühle Enge in der Brust. Ich fühle, wie Tränen kommen.

Was passiert gerade?

Ich habe Angst, dass die Gruppe mich ausschliesst, wenn ich die Regeln nicht befolge.

Such jemanden aus der Gruppe aus und sag ihm das. Ich habe Angst, dass du mich ausschliesst, wenn ich die Regeln nicht befolge.

Wut wird dir helfen, über Dinge hinwegzukommen, sagt Tuulia. Werde laut, steh für dich ein. Nutze deine Wut-Energie.

Claudia hustet wieder.

Ich will nicht neben Claudia sitzen, sagt Marcel. Sie ist krank und hustet, und das widert mich an. Ich habe Angst, dass ich auch krank werde. Ich möchte die Gruppe fragen, ob jemand mit mir den Platz tauscht.

Claudia schaut verdutzt.

Es findet sich jemand. Marcel wechselt den Platz. Er lässt erleichtert die Schultern fallen.

Ich bin wütend auf dich, sagt Eleonore. Du hättest im Bett bleiben sollen.

Ich bin wütend auf dich. Ich kann nichts dafür, dass ich krank bin. Ich habe genauso ein Recht darauf, hier zu sein wie du.

Markus schaut mich an und sagt: Ich finde dich unglaublich attraktiv.

Nach drei Stunden Gruppenarbeit, gegenseitigem Vorstellen, gegenseitigem Aufeinander-wütend-Sein und dem Wutenergie-im-Bauch-Spüren die letzten Minuten des ersten Abends. Markus, der neben mir sitzt, schaut mich an und sagt: Ich finde dich unglaublich attraktiv. Ich fühle mich sexuell zu dir hingezogen.

Tuulia fragt ihn, wie er sich fühle.

Ich schwitze, mein Herz rast.

Ich habe das bereits gemerkt, sage ich.

Ich habe bemerkt, dass du das bemerkt hast.

Ich fühle mich unwohl. Mir schnürt es alles zu.

Fühlst du dich sexuell zu Markus hingezogen, fragt Tuulia.

Hitze steigt in mein Gesicht.

Nein.

Sag es ihm.

Markus, ich fühle mich nicht von dir angezogen.

Markus schaut mich lange an und sagt dann: Okay.

Dann sagt er, er sei traurig. Markus hat klare, blaue Augen, einen trainierten Körper, er ist 1.90 Meter gross. Ich würde am liebsten den Raum verlassen. Nicht mehr neben Markus sitzen. Oder generell verdrängen, dass ich mich sehr unwohl fühle, wenn ich diese Energie spüre: Der will was. Und ich will nichts.

Am nächsten Tag spielen wir das Wahrheitsspiel, wieder im Kreis, 10 Uhr morgens, es wird Stunden dauern.

Alles dreht sich um zwei Fragen:

Wie viele Sexualpartner hattet ihr?

Wie viel Geld verdient ihr?

Ich rolle innerlich mit den Augen. Ich habe doch kein Problem zu sagen, wie viel Geld ich habe, mit wie vielen Männern ich schon geschlafen habe. Ich täusche mich.

Tu nicht so schwierig. Pass dich an. Sag lieber nichts, gibt nur Ärger.

Ich hatte 82 Männer im Bett, sagt Betty. Sag es jemandem aus der Gruppe ins Gesicht, sagt Tuulia. Betty schaut Markus an und sagt: Ich hatte 82 Männer im Bett, den ersten mit 13. Dann weint sie. Verurteilst du mich dafür? Nein, sagt Markus. Nein, sagen ein paar andere. Wirklich nicht? Betty lächelt.

Ich hatte während meiner 17-jährigen Ehe fünfmal Geschlechtsverkehr.

Ich hatte mit 400 Frauen Sex. 396 davon habe ich dafür bezahlt.

Mein Vater hat mich missbraucht, als ich drei Jahre alt war.

Der Mann in der Badi hat mich umsonst Trampolin springen lassen, wenn ich ihm auf den Schoss sass.

Ich habe Angst, vergewaltigt zu werden.

Ich habe Angst, dass du mich vergewaltigst.

Ich muss fast jeden Tag Sex haben, sonst fühle ich mich dick, nicht schön. Dann dauert es nicht lange, und ich erbreche mein Essen.

Ich stehe auf Fesselspiele, ich will dominiert werden, ich schäme mich dafür.

Wir sammeln diese Erlebnisse in Kindheit und Jugend, und der Körper speichert sie ab.

Wir alle haben diese Erlebnisse, die uns prägen, uns erschüttern, unseren Selbstwert bedrohen. Wir sammeln sie in Kindheit und Jugend, und der Körper speichert sie ab. Gefühle der Ohnmacht, Angst, Trauer, Wut, Freude. Anstatt sie wahrzunehmen, sie annehmend zu fühlen und bei Bedarf mitzuteilen, lernen wir: Schwamm drüber. Tu nicht so schwierig. Pass dich an. Sag lieber nichts, gibt nur Ärger.

Also stellen wir uns ab.

Tuulia und Pete haben auch in der Schweiz mal ein Seminar angeboten, doch es kamen weniger Leute, als es Plätze gab. In Deutschland sind die Seminare jeweils Wochen im Voraus ausgebucht. Sind wir Schweizer einfach zu passiv, zu indirekt, zu höflich, zu verklemmt? Unser Ruf, uns neutral und diplomatisch zu geben, eilt uns voraus. Wir gelten als Mustergesellschaft im Umgang mit neutralen Gemütszuständen.

Brad Blanton würde sagen: Die Menschen sind sich deshalb nicht nahe, weil sie nicht ehrlich zueinander sind. Weil wir uns alle darauf einigen, dieses Spiel zu spielen, das sich Lüge nennt, oder besser: Vorspielen von Tatsachen, die keine sind. Am Ende sitzen wir dann in einer Gesellschaft, die zwar reibungslos funktioniert, in der aber jeder Fünfte still und leise an Angststörungen leidet. Oder an einer Depression. Oder suchtkrank wird. Natürlich will das niemand hören – und es ehrlich zugeben und offen darüber sprechen tun die wenigsten.

Wenn ich weine, richte ich meine Wut gegen mich, ich mache mich zum Opfer.

Dabei wäre eine ehrliche Antwort auf die Frage «Wie geht es dir?» ein erster Schritt. Und wem das zu viel ist, weil er nicht lückenlos transparent sein möchte, der kann sich an die radikale Ehrlichkeit herantasten. Im Kleinen anfangen, für sich einzustehen. Sagen: Das verletzt mich. Das macht mich wütend. Das will ich nicht. Davor habe ich Angst. Denn mit jedem Mal, wo wir schweigen, würden wir uns selbst verletzen, sagt Blanton. Schütten wir alte Verletzungen noch ein bisschen stärker zu. Wir lächeln dann, wenn wir eigentlich wütend sein wollen. Wir treffen uns mit Menschen zum Kaffee, die wir eigentlich nicht treffen wollen. Wir faken Orgasmen, obwohl der Sex uns nicht befriedigt. Wir bedanken uns für Weihnachtsgeschenke, die wir gar nicht schön finden. Dabei geben wir dem Gegenüber nicht einmal die Chance, uns wirklich so zu sehen, wie wir sind. Wir spielen uns gegenseitig unsere Fassaden vor und wundern uns, dass wir nicht so in Kontakt mit anderen und der Welt sind, wie wir uns das wünschten.

Es sei typisch, dass Frauen schneller weinen als zu toben, sagt Tuulia. Dass Männer schneller laut werden als zu weinen. Trauer ist okay, Wut ist okay. Aber weinen, obwohl man wütend ist, sich die Wut aber nicht erlaubt, heilt nicht. Weil die Wut, das eigentliche Gefühl, nicht verarbeitet wird. Wenn ich weine, richte ich meine Wut gegen mich, ich mache mich zum Opfer, habe Angst vor meiner Wut.

Und so wiederholen Tuulia und Pete Dutzende Male den Satz: Fühle deinen Körper. Lass das Gefühl da sein. Sag, dass du wütend bist. Sag, was dich wütend macht.

Sage ich jemals: Ich bin wütend auf dich? Ohne Wenn und Aber?

Um zu merken, dass man an Gefühlen nicht stirbt. Um zu merken, dass man ob Zurückweisung nicht stirbt. Um zu merken, dass man an der Missbilligung der anderen nicht stirbt.

Ich verdiene 150'000 Euro im Jahr. Ich möchte mehr verdienen.

Ich habe 5000 Euro Schulden. Ich bin wütend auf dich, dass du noch mehr Geld willst, obwohl du schon so viel hast.

Ich wünschte, ich würde mehr aus meinem Leben machen, statt mir selber die Geschichte aufzutischen, ich würde, wenn ich nur das Geld dazu hätte.

Ich bin wütend auf dich, weil du jemand bist, obwohl du nichts hast.

Jetzt stellt sich Robert, der hübsche Robert, mit dem ich gern ins Bett würde, der gern mit mir ins Bett würde, weil er mir das gesagt hat vor allen anderen, in die Mitte des Kreises. Er schaut mich an und sagt, er inszeniere im Bett gern Vergewaltigungen, wenn die Frau Ja dazu sage. Befriedige er sich selber, schiebe er sich Dinge in den Hintern.

Verurteilst du mich dafür?

Nein, sage ich.

Rita sagt, ich verurteile dich dafür, dass du nicht die Wahrheit sagst, Anna.

Probier mal den Satz: Ich verurteile dich dafür, sagt Tuulia.

Ich verurteile dich dafür.

Fühlt sich das wahrer an?

Ja, sage ich.

Ich dachte immer, ich könne das total gut. Ich dachte immer, ich lasse meine Wut raus. Im Flugzeug, wenn der Sitznachbar sich zu weit rüberlehnt und ich meinen Arm gegen seinen drücke. Wenn ich He rufe, wenn einer mir auf der Strasse in die Tasche rennt. Jetzt, inmitten dieser Fremden, in diesem Kreis der Wahrheit, realisiere ich, dass ich oft wütend bin, aber die Wut selten wirklich zulasse. Dass ich sie verpacke.

Sage ich jemals: Ich bin wütend auf dich? Ohne Wenn und Aber?

Jetzt, in diesem Seminar, werde ich laut. Ich muss. Pete sagt den Satz vor, und ich spreche ihn nach: Ich bin wütend auf dich! – Ich bin wütend auf dich! Und da ist sie, diese Angst. Sie fliesst in meinen Körper wie ein Gift. Diese Angst, das Gegenüber noch mehr zu provozieren, wenn ich lauter werde. Den Kampf nicht zu gewinnen. Negativ aufzufallen. Mich lächerlich zu machen. Gedanken rasen. Dass meine Stimme sich falsch anhört, wenn ich wütend werde. Dass mein Gesicht dann nicht mehr hübsch ist. Dass mich die anderen auslachen könnten. Dass mir niemand meine Wut abkauft. Dass mich niemand mag. Ich will gar nicht daran denken, wie es wäre, meine Stimme in einem Tram zu erheben. In der Migros. Gegenüber der Freundin, die immer sofort laut wird und jede Kritik von sich weist.

Ich sage ihr, dass ich immer darauf warte, dass sie mir ein Messer in den Rücken sticht, wenn ich ihr zu sehr vertraue.

Es ist doch nur ein blöder Kommentar, denke ich mir. Eine Lappalie. Nicht der Rede wert. Und doch reagiert mein Körper darauf. Weil ich getriggert werde. Weil Schichten an Verletzung, Angst und Trauma berührt werden, die ich normalerweise tief vergraben in mir trage. Die ich mit aller Kraft klein behalte und nicht auspacken mag, weil das wehtut, anstrengend ist. Jetzt kommen leise Erinnerungen hoch, unangenehme Empfindungen. Alles, was ich an Zurückweisung, an Schelte, an Kritik, an Scham erlebt habe in meinen 31 Jahren, scheint sich irgendwo in diesem Moment zu verstecken, Samstagabend, 17 Uhr.

Sonntag, 10 Uhr, Tuulia macht Musik an, wir tanzen. Dann setzen wir uns wieder auf unsere Stühle. Get the shit out, sagt Pete.

Jenny erzählt, dass sie die radikale Ehrlichkeit praktiziert habe, schon vor diesem Seminar, sie wollte ihrem Leben ein Ende setzen, sie flog nach Thailand, mit Pillen im Gepäck, und bevor sie sich vergiften wollte, kam ihr dieser Gedanke, dass sie sich verabschieden sollte, von ihren Menschen, und aufräumen mit allem, was zwischen ihr und diesen Menschen war.

Also rief Jenny viele Menschen an, sagte ihnen alles, was sie zu sagen hatte. Drei Monate habe dieser Prozess gedauert, sagt Jenny, und danach wollte sie sich nicht mehr umbringen. Dann sagt sie kurz nichts mehr, die zierliche, blonde Frau, die aussieht wie die Schwester von Gwyneth Paltrow, druckst an ihren Fingerkuppen herum. Dann weint sie still.

Was ist los bei dir, Jenny?, fragt Tuulia.

Ich bin glücklich darüber, dass ich mich nicht umgebracht habe.

Ich auch, sage ich.

«Weil ich etwas gelernt habe in den letzten vierzig Stunden, sage ich: Ich habe Angst, es dir zu sagen».

In der Mittagspause fragt mich Markus, warum ich dieses Seminar besuche. Ich ringe mit mir. Ich kann es dir nicht sagen, sage ich, weisst du, das würde alles ändern. Und weil ich etwas gelernt habe in den letzten vierzig Stunden, sage ich: Ich habe Angst, es dir zu sagen. Ich habe Angst, dass du es nicht für dich behältst. Und dass du enttäuscht von mir bist. Dass du dich verraten fühlst. Und dass ich die Nähe zu euch allen verliere, diese Verbundenheit, die mir wichtig geworden ist.

Und wenn ich dir verspreche, dass ich es mit ins Grab nehme?

Ich schreibe einen Artikel darüber. Ich bin Journalistin. Aber ich konnte das niemandem sagen. Das hätte die Situation beeinflusst.

Ach so. Kein Ding. Mir ist das egal.

Oh, gut. Ich bin froh.

Und ich dachte schon, du hättest zwei tote Kleinkinder im Tiefkühlfach.

Nein, die habe ich nicht. Natürlich nicht. Aber wenn, dann hätte ich es in diesem Moment, mit Markus in diesem Café, zugegeben.

Zwei Stunden später rolle ich auf dem Holzboden. Zehn Minuten lang dürfen wir paarweise alles machen, was wir wollen. Einer schlägt etwas vor, der andere darf Ja oder Nein dazu sagen. Meine Partnerin möchte nicht, was ich überhaupt nicht verstehe, also rolle ich eben alleine hin und her und sie schaut mir dabei zu. Ich spüre, wie die Wut in mir hochkriecht. Ich sage ihr, dass sie mich wütend mache, dass ich sie langweilig finde. Ich bin so wütend, dass ich vorschlage, sie solle den Boxsack halten, der in der Ecke von der Decke hängt, ich wolle meine Wut da reinboxen. Sie sagt Ja.

Endrunde, 17 Uhr, ich bin müde vom vielen In-mich-Reinfühlen, vom Wütend-Sein, gleichzeitig aber auch so befreit und so sehr bei mir wie lange nicht mehr.

Martin, der seine Frau liebt, aber hinter ihrem Rücken masturbiert, will ihr das nun sagen. Robert, der mit mir ins Bett will, hat seiner Freundin gestern per Skype gesagt, dass er mit mir ins Bett wolle. Sie hätten ein gutes, ehrliches Gespräch gehabt, und er fühle sich ihr jetzt näher. Laura will bei der Arbeit mehr Lohn verlangen. Pete fragt, wie viel konkret, sie schaut zu Boden und sagt, das könne sie so konkret noch nicht sagen, aber mehr, und auf jeden Fall das Gespräch.

Zum Abschluss umarmen wir uns alle.

Am Nachmittag steige ich ins Flugzeug und sage der Flugbegleiterin, dass ich es schön finde, dass wir zusammen fliegen. Sie verzieht keine Miene. Fünf Minuten später möchte ich ihr sagen, dass ich wütend auf sie sei, weil das Sandwich ein vergammeltes Stück Chemie ist.

Die Wut ist wieder da, aber mein Mut, sie auszudrücken, bereits wieder weg.

In Zürich steige ich aus, murmle etwas von «Ihr Marketing ist unehrlich!» und spüre das erste Mal den Unterschied zwischen wirklicher Ehrlichkeit und unkonkretem Herumgemotze. Ich beschliesse, dass radikale Ehrlichkeit nicht bedeutet, in jedem Fall Dampf abzulassen.

Ich merke, wie sich etwas in mir beruhigt, wie der Kloss im Magen sich ein wenig öffnet.

Ich habe immer noch sehr grosse Angst vor Ablehnung. Ich mag es nicht, mich verletzlich zu zeigen. Ich behalte gern die Kontrolle. Ich nutze Worte, um meine wirklichen Gefühle zu verschleiern. Ich habe Angst, meine Wut auszudrücken, geschweige denn, sie überhaupt zu fühlen. Ich weine immer noch lieber, als mich zu wehren.

Hat dieser Workshop überhaupt etwas gebracht?

Drei Tage nach dem Seminar sitze ich mit meiner Freundin Milica beim Abendessen, es ist wie immer, wir spielen unser Spiel. Mich nervt ihre Oberflächlichkeit, und ich wünschte mir, ich wäre lustiger, um ihr zu gefallen. Dann sage ich:

Hör mal, ich möchte dir etwas sagen, das ich seit Jahren mit mir herumtrage: Ich bin noch immer verletzt über deine Reaktion damals, und ich habe dir bis heute nicht gesagt, wie ich mich fühlte. Ich habe Angst, dass du es lächerlich findest, nach all den Jahren damit zu kommen, und dass du mich nicht ernst nimmst.

Sie schaut mich an, mit einem weichen Blick, den ich lange nicht mehr an ihr gesehen habe. Ich erzähle ihr von meiner Scham, der Wut, ich sage ihr, dass ich mich bei ihr nicht sicher fühle, dass ich immer darauf warte, dass sie mir ein Messer in den Rücken sticht, wenn ich ihr zu sehr vertraue.

Es tut mir leid. Das wusste ich nicht.

Wir haben ein Gespräch, wie wir es in dieser Tiefe seit vielen Jahren nicht mehr hatten.

Dann erzählt sie ihre Version der Geschichte, und wir lachen so sehr, dass mir der Bauch wehtut. Dann sage ich ihr, Mili, ich möchte dich gern neu kennenlernen, und sie sagt, ich dich auch.

Vielleicht ist es der Segen des Moments. Das Erlebnis ist noch frisch. Vielleicht bin ich in einer Woche wieder ganz anders. Vielleicht aber mache ich einfach weiter. Mit Charlie. Ich rufe Charlie an.

Charlie, ich möchte dir etwas sagen, das mich beschäftigt, und ich habe Angst, dass du das jetzt komisch findest, und ich möchte es trotzdem tun. Ich habe mich so scheisse gefühlt bei unserer letzten Team-Sitzung. Ausgeschlossen. Ich hatte das Gefühl, ihr seid alle viel weiter mit eurer Arbeit, ich habe die ganze Zeit versucht, mitzukommen und gute Inputs zu liefern, und du hast nach jedem meiner Vorschläge nur «hm, ja, ok» gesagt. Ich dachte, du findest meine Vorschläge schlecht. Ich hätte fast geweint.

Ich merke, wie sich etwas in mir beruhigt, wie der Kloss im Magen sich ein wenig öffnet, mit jedem Satz, den ich sage, weil der Satz stimmt.

Und während ich überlege, was jetzt wohl von Charlie kommt, Annahme, Ablehnung, Gleichgültigkeit, ein neuer Schlag in die Magengrube, höre ich ihn sagen:

Das ist mir gar nicht aufgefallen. Ich fand, du hattest die besten Anregungen der ganzen Gruppe. Ich fühlte mich dir unterlegen. Dass ich nicht so weit bin wie du. Dass du es besser kannst.

Ich dachte das Gleiche von dir.

Erstellt: 25.01.2019, 16:21 Uhr

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