Flirt oder Übergriff? Da gibt es 50'000 Shades of Grey

Auf #MeToo folgt #IHave: Männer bedauern ihr eigenes Fehlverhalten. Doch das ist noch viel zu wenig.

#IHave: Beschäftigen sich Männer mit der Weinstein-Debatte? (Archivbild)

#IHave: Beschäftigen sich Männer mit der Weinstein-Debatte? (Archivbild)

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Einer der besten Beiträge über die MeToo-Debatte stammt von einem Mann, Christian Gesellmann. Auf «Krautreporter» berichtete er von einer nächtlichen Begegnung mit seiner sehr grossen, sehr betrunkenen, von Liebeskummer geschüttelten Nachbarin. Sie machte ihn an, er wollte nichts von ihr. Doch er zögerte, sie zurückzuweisen, aus Angst, sie könnte aggressiv werden. Schliesslich tat er es doch, sie sprach danach nie wieder mit ihm. Gesellmann berichtete auch über einen Dialog mit seiner Redaktionskollegin, die wissen wollte, ob die Harvey-Weinstein-Sache auch Männer interessiere. Gesellmanns Antwort: «Ja, klar, wichtiges Thema, damit sollte man sich immer beschäftigen», aber in Wirklichkeit habe er gedacht «Oh, oh» und ein kleines bisschen auch: «Halt die Klappe.»

Das mag man empörend finden. Klüger wäre es, dem Mann zuzuhören. Selten erzählen Männer so ehrlich, was sie zu diesen Themen wirklich empfinden, und wenn, tönt es oft missverständlich. Dass auch Männer sich angesichts der Sexismusdebatte exponiert fühlen, wird oft als Wehleidigkeit abgetan. Und wenn sie sich zu Fehlern bekennen, werden sie gern niedergeschrien.

Das lässt sich momentan gerade wieder beobachten. Der US-Architekt Thomas Wall hatte dazu aufgefordert, unter dem Hashtag IHave über eigenes Fehlverhalten zu berichten. Die Kritik kam prompt. Viele sorgten sich auf Twitter, Täter könnten das als Rechtfertigung für sexuelle Gewalt missverstehen. Andere zogen die Aktion ins Lächerliche. Sie bekannten sich zu Nichtigkeiten wie etwa, sie hätten einer Frau auf den Hintern gestarrt. Vermutlich wollen sie damit andeuten, wie eng der Spielraum für den gemeinen Mann inzwischen geworden sei. Wirklich abgehoben hat #IHave nicht, anders als #MeToo.

Männern zuhören

Das ist wenig erstaunlich. Wer bekennt sich schon gern zu Fehlern? Aber genau das fehlte bislang schmerzlich, wenn in den vergangenen Jahren Debatten über Alltagssexismus und sexuelle Belästigung losbrachen. Männer zeigten sich entweder als Feministen oder dann verunsichert oder verächtlich. Aber die Frage, warum so viele Männer sich so verhalten, in welchem Dilemma sie stecken, blieb unbeantwortet. Ein Hindernis mag sein, dass das Thema sexuelle Belästigung in solchen Debatten so breit verhandelt wird, dass unter dem Hashtag MeToo ein missglückter Flirtversuch oder ein nicht angebrachtes Kompliment auf derselben Stufe verhandelt werden wie sexuelle Übergriffe oder gar Vergewaltigungen. Und das ist schlecht. Denn der Kontext ist in dieser Frage alles. Ein Kompliment darf unter Freunden oder im Ausgang auch mal schiefgehen. Wenn der Chef am Arbeitsplatz dasselbe probiert, ist das aber problematisch. Und selbst dort kann es problemlos sein, solange das Verhalten sich nicht wiederholt. Wenn es um Flirts und sexuelle Konnotationen geht, gibt es nicht nur 50 Shades of Grey. Sondern 50'000.

«Das Thema sexuelle Belästigung wird zu breit verhandelt.»

Und es braucht Männer, die über ihre Perspektive berichten. Über das Dilemma, in dem sie stecken. Dass Männer wissen müssen, wann alles Spiel ist und wann Ernst. Dass Frauen von ihnen Initiative und Führung erwarten, aber ihre Grenzen nicht immer klar genug signalisieren. Dabei ist genau das eine Voraussetzung für Grenzüberschreitungen: nämlich dass die Grenzen zuvor klar gezogen wurden.

Deshalb ist es wichtig, Männern zuzuhören. Von ihnen zu lesen, warum sie Fehler gemacht haben. Damit meine ich ausdrücklich nicht strafrechtlich relevantes Verhalten oder Missbrauch. Sondern eher Verhalten wie das des ehemaligen Aufreissers Johnny Scaramanga, der in einem Text detailliert Situationen beschrieb, in denen er Frauen bedrängte, warum er es tat, was er damals dachte und wie es zum Umdenken kam. Dabei geht es nicht um Entschuldigung, sondern um Kommunikation. Es ist für Männer wie auch für Frauen wichtig, zu verstehen, warum sie sich so verhalten. Mit welchen Vorstellungen über sich selbst und das andere Geschlecht junge Männer in die Welt entlassen werden, wie sie glauben, sich behaupten zu müssen, und wie sie lernen, wie man mit Frauen umgeht. Erst dann kann sich etwas ändern. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.10.2017, 23:33 Uhr

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