Ab wann soll man nicht mehr helfen?

Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet Fragen zur Philosophie des Alltagslebens.

Gibt es einen Punkt X, an dem niemandem mehr geholfen werden kann? Obdachlose und Gäste stehen vor dem Pfuusbus von Pfarrer Sieber (Archivbild). Foto: Keystone

Gibt es einen Punkt X, an dem niemandem mehr geholfen werden kann? Obdachlose und Gäste stehen vor dem Pfuusbus von Pfarrer Sieber (Archivbild). Foto: Keystone

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Gibt es nicht irgendwo einen Punkt X, an dem niemandem mehr geholfen werden kann bzw. an dem jeder selbst die Verantwortung übernehmen muss?

C. F.

Liebe Frau F.

Ausser man ist noch ein Kind, dement, geistig behindert oder sonstwie unzurechnungsfähig, muss ohnehin jeder für sich die Verantwortung tragen. Darum ist es unfreiwillig komisch, wenn Schilder davor warnen, dass man irgend­etwas auf «eigene Verantwortung» oder «eigene Gefahr» tut. Auf wessen Gefahr, wenn nicht auf die eigene, sollte man denn sonst Schlittschuh laufen, klettern, Seen durchqueren etc.? (Gemeint ist mit solchen Formulierungen natürlich, dass eine rechtliche Haftung ausgeschlossen wird.) Dieser Punkt, an dem man im Prinzip für sich selbst verantwortlich ist, hat mit dem anderen, ab dem niemanden mehr geholfen werden kann, eigentlich nichts zu tun. Dass jemand Hilfe ablehnt (obwohl er sie eigentlich nötig hätte), bedeutet ja nicht, dass ihm nicht mehr geholfen werden könnte.

Es bedeutet nur, dass ihm die Verantwortung für diese Ablehnung nicht abgenommen werden kann: «It’s your funeral», heisst es im Englischen. Und nun kommt ein grosses Aber (kaum angekündigt, ist es auch schon da): Aber es ist nicht so, dass wir Menschen grundsätzlich als einsame Selbstverantwortungsatome durch die gähnende Leere des gesellschaftlichen Universums flitzen, idealerweise in gebührend grossem Abstand von anderen Atomen. Neben der Verantwortung für sich selbst gibt es nämlich Verantwortung für andere, und diese endet nicht grundsätzlich dort, wo jene anfängt. Der vermeintliche Punkt X, von dem Sie sprechen, ist kein Punkt, sondern erweist sich als gesellschaftliches Geflecht von Verantwortlichkeiten, in dem nicht jeder seines Glückes Schmied oder sein eigener Totengräber ist. Mitgefühl mit und Sorge für die anderen sind der Klebstoff, der dieses Geflecht zusammenhält; Eigensinn und Freiheitsdrang, aber auch Mitleidlosigkeit sind die Kräfte, die an diesem Geflecht reissen.

Man kann den Obdachlosen, der selbst bei Minustemperaturen partout draussen schlafen will statt im Pfuusbus von Pfarrer Sieber wohl nicht von seinem Entschluss abbringen. Aber das ist nicht gleichbedeutend damit, dass ihm nicht mehr geholfen werden kann. Janz ins Gejenteil, wie der Berliner sagt. Mit einem Schlafsack und warmem Tee ist ihm sogar recht einfach zu helfen. Und die Frau, die man auf den Schienen liegend findet, wird man hoffentlich nicht als Allererstes fragen, ob sie sich helfen lassen möchte. Muss man übrigens nicht auch an den armen Lokführer denken, der ungefragt zum Suizidassistenten würde? Ja, muss man. Und an die Freunde der Frau, ihre Kinder, ihre Eltern, ihren Psychiater, ihre Geschwister . . . «Niemand ist eine Insel» (Johannes Mario Simmel). Wer indessen n u r an den Lokomotivführer denkt und die arme Frau jederzeit selbstverantwortlich einer unbemannten Lok überantworten würde, ist ein Charakterschwein.

Erstellt: 06.01.2015, 19:59 Uhr

Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie Ihre Fragen an gesellschaft@tages-anzeiger.ch

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