Abscheuliche Hetzerei

Schaulustige rufen dem Selbstmörder «Spring doch!» zu und halten mit dem Handy drauf. Warum Menschen so was tun. Was ihnen droht.

Wir zücken das Handy, um zu fotografieren, und verdrängen die Realität. Menschen werden zu hampelnden Figürchen auf dem Bildschirm.

Wir zücken das Handy, um zu fotografieren, und verdrängen die Realität. Menschen werden zu hampelnden Figürchen auf dem Bildschirm. Bild: Timothy A. Clary/Keystone

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Über den Mann ist weiter nichts bekannt. Am Montagabend gelangte er auf das Vordach eines Hotels am Goetheplatz im süddeutschen Baden-Baden und drohte damit, in den Tod zu springen. Unten am Boden kam rasch eine Menge zusammen, die hochsah – und den Verzweifelten anzufeuern begann. «Zum Entsetzen» der anrückenden Einsatzkräfte sei der Mann «durch Rufe aus den Reihen der Gaffer zum Sprung in die Tiefe ermutigt» worden, heisst es in der Mitteilung des zuständigen Polizeipräsidiums. Viele Zuschauer hätten das Geschehen mit Mobiltelefonen gefilmt.

Gaffer, die Selbstmörder anfeuern und dabei die Handykamera draufhalten? Die Berichte über das Phänomen mehren sich. Im März hat eine Menge im englischen Somerset einen Mann lautstark zum Springen aufgefordert, der an der Dachkante eines fünfstöckigen Gebäudes stand. Er konnte von Polizisten geborgen werden, wie auch der Mann in Baden-Baden, der offenbar in eine Klinik gefahren wurde.

Doch so gut geht es nicht immer aus. In Derby, ebenfalls England, stand im September 2008 ein Teenager mit Prüfungsangst auf dem Dach eines Einkaufszentrums. Spezialisten der Polizei waren vor Ort, versuchten über Stunden, den 17-Jährigen von seinem Vorhaben abzubringen. Doch immer wieder wurden die Gespräche durch Rufe aus der Schaulustigenmenge gestört: «Mach schon», «Zieh es durch», «Hör auf, Steuergelder zu verschwenden». Bis der Bub sprang. Sein Tod machte die Nation betroffen. Eine Untersuchung kam zum Schluss, dass die Rufer «zumindest teilweise verantwortlich für seinen Tod» waren.

Der Schock als Erlebnis

Die Fälle machen ratlos. Wir wissen von der menschlichen Lust an grässlichen Bildern, wie schwer es ist, den Blick abzuwenden vom offenen Sarg, der Unfallstelle, dem Horrorfilm. Wir betrachten das Leiden anderer, weil es uns zeigt, dass wir selber verschont geblieben sind – oder einfach, weil die Bilder stark sind, erschütternd, weil «der Schock selbst» ein Konsumerlebnis geworden ist, wie Susan Sontag in ihrem berühmten Essay über die Kriegsfotografie schrieb.

Wir wissen Bescheid über zwanghaftes Filmen und Fotografieren. Festhalten und Teilen ist alles in Zeiten des Smartphones; Kleinkinder rufen am 1. August beim Anblick eines schön eruptierenden Feuerwerksvulkans: «Mach es Foti, Papa!» Nur was du geknipst hat, hast du wirklich erlebt.

Doch die Suizid-Gaffer von Baden-Baden und Derby wollen nicht nur sehen und festhalten, sondern die sich abspielende Realität verschärfen, interaktiv. Spring und schenk uns ein Video, das in den sozialen Netzwerken Resonanz erzeugen und Likes einbringen wird. Natürlich ist hier auch eine Mob-Mentalität am Werk; wer ganz allein für sein Tun geradestehen müsste, würde sich weniger hässlich benehmen. Trotzdem, das fehlende Mitgefühl für einen Menschen in Notlage ist bemerkenswert. Im Song «Spring doch schon» von Marius Müller Westernhagen ist es 1982 noch der Teufel, der den Lebensmüden anstachelt: «Das ist jetzt deine Show, kleiner Mann. Was willst du sagen, wenn du wieder mal kneifst?» Heute sind es teuflische Handyfilmer.

Man kann etwas geniessen, ohne es zu fotografieren.

Psychologen sagen: Das ist Bullying, in neuem Gewand. Viele Rufer in Derby waren sehr jung. Teenager, schreibt Anneli Rufus in «Psychology Today», seien heute auffällig bemüht um eine spöttische, kalte, verletzende Haltung. «So soll der eigene Schmerz in Schach gehalten werden, so will man erwachsen wirken.» Reife wird mit Härte verwechselt. Suizid-Bullying in Chats und via Whatsapp («Bring dich um!») ist in den USA schon länger Thema, das aus Russland stammende Onlinespiel «Blauer Wal», das Kinder zum Freitod drängen soll, sorgt weltweit für Angst.

Technikskeptiker sagen: Das Smartphone ist schuld. Wir sehen nicht mehr den Menschen, nur noch das hampelnde Figürchen auf dem Bildschirm. Alles wird surreal, unser Gefühl für Wirklichkeit schwindet. Reality-TV, IS-Enthauptungen, Wonder Girl: alles ein blutiger Handymatsch. Gebt mir «persönliche, emotionale, rohe Videos», bat Facebook-Chef Mark Zuckerberg die Userschar bei der Lancierung seines Live-Streaming-Dienstes Ende 2015. Er hat sie bekommen.

Fotografieren statt helfen

Die Techunternehmen sagen: Es sind nicht die Geräte, es sind einzelne Anwender, die komisch sind. Die lieber den besten Fotowinkel suchen, als zu helfen. Im deutschen Dortmund kam es vor einigen Wochen zu einem schweren Autounfall in der Nordstadt. Dutzende Personen versuchten, an den Polizeiabsperrungen vorbeizugelangen, «um ungestört mit dem Handy Filmaufnahmen zu machen», so der Polizeisprecher. Beamte seien bedroht worden: rasende Leserreporter, die ein Recht auf Bilder zu haben meinen. «Schämt euch!», schrieb auch die Polizei der Stadt Hagen letztes Jahr auf Facebook. Dutzende Gaffer hatten ein angefahrenes, schwer verletztes Kind gefilmt und die Polizisten sogar gebeten, zur Seite zu gehen.

Schaulustige, die Polizeieinsätze behindern, können gebüsst werden. Aber wie steht es mit «Spring doch!»-Rufern? In Derby kam kein Gaffer vor Gericht; Zurufe gelten als Kommentare, freie Meinungsäusserungen. Und auch in Baden-Baden sei nichts zu machen gewesen, sagte die Polizei; die Kollegen seien nicht eigentlich am Einsatz gehindert worden. Der baden-württembergische Justizminister Guido Wolf will prüfen, ob da eine «Strafbarkeitslücke» besteht. Er wird kaum Glück haben. Anstiftung zum Suizid ist in Deutschland kein Delikt – anders als in der Schweiz, wo die Verleitung zum Selbstmord «aus selbstsüchtigen Beweggründen» bestraft werden kann. Ist die Anfeuerung eines Suizidalen zwecks Erstellung eines Handyfilmchens selbstsüchtig? Mögen es die Gerichte nicht so bald beurteilen müssen.

Aber machen wir uns nichts vor. Wichtiger als jede Strafe ist die Medienerziehung. Wer will, dass Kinder helfen oder zumindest den Notarzt durchlassen, statt ein Smartphone zu zücken, muss es vormachen. Immer wieder. Das Handy weglegen, Augenblicke geniessen, ohne sie zu fotografieren. Gaffer ächten, kompromisslos. Mitgefühl zeigen, weil das wahre Reife ist. Wenn wir das nicht schaffen, sind wir arm dran.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.08.2017, 12:41 Uhr

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