Essay

Abstieg ins Glück

Die finsteren Prognosen mehren sich, Europa wird ärmer, wir alle müssen sparen. Das ist kein Grund für Schwermut, behaupten Ökonomen und Politiker: Der Niedergang wird uns guttun.

Die grosse Sparübung ist auch eine Reise in die Vergangenheit: Zurück zu Bedingungen wie in Deutschland 1960 mit seinen Plattenbauten.

Die grosse Sparübung ist auch eine Reise in die Vergangenheit: Zurück zu Bedingungen wie in Deutschland 1960 mit seinen Plattenbauten. Bild: Keystone

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Jetzt geht es ans Eingemachte. Europa muss sparen, die Bevölkerung sich auf den wirtschaftlichen Abstieg einstellen. Schwindende Staatsleistung, steigende Arbeitslosigkeit, geringerer Verdienst für gleiche Arbeit: Das blüht den Ländern des Südens, deren Sparwille nun fast täglich von Bankiers, EU-Beamten und Ratingagenturen gemessen wird.

Aber auch der Norden muss bescheidener werden: In Grossbritannien werden die Post und Teile des Polizeidienstes privatisiert. In den Niederlanden ist am Wochenende die Regierung am Streit über Sozialabbau zerbrochen. Und selbst der bisher vom Glück verwöhnte Orkanhafen Schweiz muss sich, glaubt man dem ehemaligen UBS- und CS-Chef Oswald Grübel, auf magere Jahre gefasst machen. Der Abschied vom Schwarzgeldgeschäft werde dem Land Arbeitslosigkeit und Niedergang bescheren, so der Banker (TA vom 14. April).

Der vermeintliche Sieg des Westens 1989 war der Anfang des Niedergangs

Soll man verzweifeln angesichts dieser düsteren Prognosen? Nein, finden jene europäischen Politiker und Ökonomen, die sich der Austerität verschrieben haben. Das Wort steht für Sparsamkeit, aber auch für Strenge und Askese. So verstanden wird der Wohlstandsverlust als Chance gedeutet. Plötzlich preisen smarte Analysten das einfache Leben. Der Abstieg Europas, versichern sie, wird uns alle weiterbringen – politisch und ökologisch, sozial und psychologisch.

Politisch werde der Niedergang eine Neupositionierung Europas bringen. Das glaubt der renommierte China-Experte Eberhard Sandschneider von der Deutschen Gesellschaft für auswärtige Politik. In seinem Buch «Der erfolgreiche Abstieg Europas» schreibt er, der vermeintliche Sieg des Westens 1989 sei in Wahrheit der Anfang seines Niedergangs gewesen. Seither verlören westliche Werte und Demokratie weltweit an Attraktivität. Uns selber fehle der Nachwuchs, um das Feuer des Westens am Leben zu halten. Europa erlösche demografisch. Die wenigen Jungen, die noch da seien, würden unter Schuldenbergen erdrückt und mit Arbeitslosigkeit geschlagen.

Endlich aufgeben

Die Lösung liegt laut Sandschneider im befreienden Aufgeben. Wir müssten uns von der Idee einer «vom Westen geprägten internationalen Ordnung» verabschieden. Wir sollten «Platz machen» und von Asien lernen. Dieser Machtverlust sei Voraussetzung für die erfolgreiche Neupositionierung Europas in der von Asien dominierten Weltordnung. Ob Europa dabei primär als Ferienfunpark oder als günstiges Produktionsland dienen soll, lässt der Autor offen.

Etwas leichter verdaulich sind vielleicht die Überlegungen zum ökologischen Effekt des schrumpfenden Wohlstands. Wer sparen muss, hat weniger Möglichkeiten, seine Umwelt zu verdrecken. Es fehlt das Geld für Shoppingweekends in New York, für Heliskiing in den Alpen, im Härtefall überhaupt für Heizöl und Benzin. Ein klammer Bürger ist ein sauberer Bürger, so die Hoffnung. Jene Pioniere, die sich schon heute der 2000-Watt-Gesellschaft verschrieben haben und freiwillig ihren Energieverbrauch drosseln, erzählen vor allem Geschichten des Verzichts: kein Fernsehen, keine Heizung, keine tägliche Dusche, ja nicht einmal mehr Tramfahren erlaubt sich der Herr aus Basel, der in der Sendung «10 vor 10» kürzlich als 1600-Watt-Mann porträtiert wurde. Das karge Leben, versicherte der Entsager, sei durchaus freudvoll.

In Deutschland mehren sich die Stimmen, die sich die armen, aber leistungsstarken Nachkriegsjahre zurückwünschen

Natürlich ist auch die These der sauberen Armut bei genauerem Hinsehen löchrig. Umweltverträgliche Technologie kostet Geld, und gerade in den ärmeren Weltgegenden ruckeln besonders viele Menschen in besonders schmutzigen Autos durch smogverhangene Städte. Radikale Verfechter der Öko-Austerität aber beeindruckt dies nicht. Sie beharren, erst der langsame Aufstieg der Schwellenländer erlaube die Verschmutzung. Richtige Armut russe nicht. In dieser Denkart stellen die steigenden Einkommen der Dritten Welt in erster Linie eine Gefahr für die Umwelt dar.

Mit 2000 Watt begnügten sich die Schweizerinnen und Schweizer letztmals im Jahr 1960. Heute liegt der Verbrauch bei 6500 Watt pro Kopf. Die grosse Sparübung ist also auch eine Reise in die Vergangenheit, in die Zeit, in der der Wohlstand knapp und der Optimismus grenzenlos war. In Deutschland mehren sich die Stimmen, die sich die armen, aber leistungsstarken Nachkriegsjahre zurückwünschen. Lothar Späth, der einstige Ministerpräsident von Baden-Württemberg, sagte 2008: «Wir brauchen wieder etwas vom Spirit und von der Begeisterungsfähigkeit der Nachkriegszeit.» Etwas genauer nahm es Harald Juhnke, als er mahnte: «Wir brauchen wieder eine Nachkriegszeit, natürlich ohne Krieg davor.»

Big Society als Vernebelungsmetapher?

Mit dem Schwung der Nachkriegszeit käme, so die Hoffnung, auch der soziale Zusammenhalt zurück. In Grossbritannien will die konservative Regierung im Zuge der Sparmassnahmen die Big Society auferstehen sehen – eine breite Gesellschaft der Selbstverantwortung und Solidarität. Wie nach 1945 soll das Volk auch in der heutigen Krise dichter zusammenstehen. «Big Society heisst soziale Heilung», erklärte Premierminister David Cameron, als er das Programm vorstellte. Die Menschen sollten sich wieder mehr umeinander kümmern, Nachbarschaftshilfe und Freiwilligenarbeit leisten, nicht ständig darauf warten, dass der Staat mit Blaulicht vorfährt und jedes Problem für sie löst. Für Cameron ist die Bereitschaft zur Selbstverantwortung ein Bestandteil der britischen Identität.

In späteren Reden liess Cameron allerdings durchblicken, dass Big Society für ihn auch bedeute, dass Gemeindemitglieder sich ohne Bezahlung um all die Bibliotheken und Poststellen kümmern sollen, die sein Staat sich nicht mehr leisten will. Seither wird die Big Society scharf kritisiert als Vernebelungsmetapher, die Sozialabbau und die Vernachlässigung der Schwächsten zum gemeinschaftlichen Gewinn verklärt. «Die Regierung glaubt, sich so die Erbringung anständiger öffentlicher Dienstleistungen sparen zu können. Für sie sind Freiwillige einfach die günstigere Alternative», empört sich etwa Dave Prentis von der britischen Grossgewerkschaft Unison. Gewisse Dienstleistungen müssten verlässlich verfügbar sein, dürften nicht von der Bereitschaft Freiwilliger abhängen.

Armut als warmer Ort

Trotz aller Kritik findet die Botschaft von Sparsamkeit und Selbstbeschränkung viel Gehör. Sie rührt an einen Nerv der Zeit. All jene, die den Konsumrausch der letzten Jahrzehnte zu satthaben (und das sind Hunderttausende), zeigen Verständnis für den Ruf nach mehr Bescheidenheit. Eine Abkehr von der Welt der Waren nämlich brächte neuen Raum für Wesentliches, für Freundschaften (nicht Facebook-Kontakte) und Naturerlebnisse (statt staffelweise Serien auf DVD), für frisch Geerntetes und tief Empfundenes. Wer lieber in Quartierstrassen Fussball spielt, als alleine auf dem Hometrainer zu sitzen, der hebe die Hand.

So verschmilzt das Austeritätsprogramm mit dem Zeitgeist: Simplify your life, vereinfache dein Leben. Die Sehnsucht nach Überschaubarkeit und Unabhängigkeit ist gross im überfütterten Westen. Das Ausloggen aus dem elektronischen Sperrfeuer gilt als heroische Tat («Ich bin dann mal weg»), das Abwerfen von überflüssigem, das Leben beschwerendem Material als therapeutische Massnahme, für die man durchaus eine externe Fachperson, einen «Declutterer», verpflichten kann. Wer es ohne Druck nicht schafft, wird es dank dem Abstieg packen.

Die Zeit der Knappheit wird zur heilen Welt verklärt.

Das Sehnen nach dem einfachen Leben der Vergangenheit beschäftigt die westlichen Denker spätestens seit der industriellen Revolution und Jean-Jacques Rousseaus Hymnen an Natur und edle Wilde. Diese Sehnsucht hat uns nie mehr verlassen. Nun zeitigt sie Armutsromantik. Im krisengeschüttelten Irland schwärmen Schriftsteller wie Hugo Hamilton von der irischen Seele, die einfach nicht gemacht sei für Wohlstand und Überfluss: «Irland hat seine Seele an den freien, unregulierten Markt verkauft und bezahlt nun den Preis dafür.»

Mit dem Niedergang aber stehe das alte, echte Irland zum Glück wieder auf. Man werde sich jetzt «bescheidenerem Wachstum und bescheidenerem Verbrauch zuwenden und wieder Gemüse im Vorgarten pflanzen wie unsere Eltern», schreibt Hamilton. Endlich wird im Pub wieder die Dorfgemeinschaft zelebriert, während draussen die Bauruinen der Jahre des keltischen Tigers verrotten wie ein böser Traum. Die Zeit der Knappheit wird zur heilen Welt, die Armut zum warmen Ort.

Weg genug Geld beiseite gelegt hat, wird die Zeit des Niedergangs am besten überstehen

Schliesslich hat der Austeritätsgedanke auch moralische Resonanz. Verzicht und Sparwillen sind noch immer Teil jenes Wertekomplexes, den der Soziologe Max Weber das protestantische Ethos genannt hat. Für den Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson ist die Bereitschaft zu harter Arbeit eine der sechs «Super-Apps», die dem Westen zur Weltdominanz verholfen haben. Viele Europäer akzeptieren das Gebot der Austerität, weil sie in ihm ihre verlorene Geisteshaltung zu erkennen glauben.

Die Zeit des Niedergangs wird schmerzhaft werden. Am besten wird sie überstehen, wer genug Geld beiseitegelegt und krisensicher investiert hat. «Also genau die Geldeliten, die die Bankenkrise eigentlich angezettelt haben», ärgert sich der Wirtschaftsprofessor Mark Blyth, der an der US-Universität Brown an einem Buch über die gegenwärtige Austeritätspolitik arbeitet. In den letzten 30 Jahren seien die Einkommensgräben immer tiefer geworden. «Da ist es doch reichlich frech von den Reichen, den Armen jetzt Sparsamkeit zu predigen, zu behaupten, das tue ihnen gut. Mal sehen, was sie sagen, wenn ihre Häuser in Flammen stehen.»

Unterwegs ins neue Mittelalter?

Gut möglich also, dass der Abstieg doch etwas holpriger verlaufen wird, als die Verfechter der Austerität das vorhersagen. Einen ganz anderen Blick in eine arme Zukunft hat in den 70er-Jahren der italienische Schriftsteller Umberto Eco gewagt. Statt einer Neuauflage der wohlig-warmen Nachkriegszeit prophezeite er die Rückkehr des Mittelalters. Statt der Pax Romana löst sich die Pax Americana auf. Die Vermögenden ziehen sich zurück in ihre Burgen (in Gated Communitys), während sich draussen die Söldner tummeln (Blackwater und Aegis) und Wanderprediger das Volk ängstigen (Weltuntergangssekten, Neo-Mayas).

Überhaupt bestimmt ausserhalb der Burgen die Insecuritas das Leben, eine fundamentale Unsicherheit. Neue Nomaden ziehen durchs Land, balancieren den Laptop auf ihren Knien und arbeiten im Stundenlohn. Ständig branden Migrantenwellen heran, aus Not, Eroberungslust oder beidem. Der Fall unserer Herrschaft kündigt sich indes lange vor der physischen Ankunft der Barbaren an: Barbarische Ästhetik sickert langsam ein in unseren Kulturkörper. Während wir uns noch als wackere Römer wähnen, praktizieren unsere Kinder bereits chinesisches Tai-Chi und brasilianisches Capoeira, tragen sie den Schmuck und die Kleider der neuen Zeit.

Erstellt: 26.04.2012, 11:46 Uhr

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