«Alle Weissen sind rassistisch»

Das Transgender-Model Munroe Bergdorf wurde von L’Oréal verpflichtet – und kurz darauf wegen eines wütenden Facebook-Posts wieder entlassen. Nun sehen sich alle als Opfer.

Munroe Bergdorf bekam nach ihrer Facebook-Brandrede Todesdrohungen. Foto: Teri Pengilley

Munroe Bergdorf bekam nach ihrer Facebook-Brandrede Todesdrohungen. Foto: Teri Pengilley

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Nach vier Tagen war schon wieder fertig lustig. Dabei war man bei L’Oréal so stolz gewesen, mit Munroe Bergdorf das erste Transgender-Model verpflichtet zu haben. Das macht sich gut heute, dieses demonstrative Engagieren von Randgruppen. Die nennt man dann Botschafter, und sie sollen zeigen, dass die betreffende Firma total aufgeschlossen und modern und liberal und so ist. Mit Munroe Bergdorf schlug man zudem sozusagen zwei Fliegen mit einer Klappe: Schwarz plus Trans plus Frau, das liess sich kaum toppen. Dann aber äusserte sich diese schwarze Transfrau zum Thema Rassismus, und das ging dem Kosmetikgiganten dann doch zu weit. Weshalb er die Zusammenarbeit nach nicht einmal einer Woche wieder aufkündigte.

Folgendes hatte sich zugetragen: Nach Charlottesville schrieb sich Munroe Bergdorf, 30 Jahre alt, Britin, Transfrau, DJ, Model, Aktivistin mit weisser Mutter und jamaikanischem Vater, ihre ganze Wut in einem Facebook-Post aus dem Leib. Und sie war wirklich sehr wütend. Da stand zum Beispiel: «Erst wenn Weisse zugeben, dass ihre Rasse die gewalttätigste und unterdrückendste Kraft auf Erden ist, können wir wieder miteinander reden.» Oder: «Eure ganze Existenz baut auf Rassismus auf, ihr habt den Grundstein gelegt für den ganzen Scheiss von Mikro­aggressionen bis hin zum Terrorismus.» Zum Verhängnis aber wurde ihr vor allem der Satz, wonach alle Weissen rassistisch seien. Das Wort «alle» schrieb sie in Grossbuchstaben.

Ihre Brandrede wurde von Facebook gelöscht – die Beschimpfungen und rassistischen Beleidigungen, die sie sich in der Folge gefallen lassen musste, indes nicht. Gegenüber dem «Guardian» erklärte Facebook, man wisse nicht genau, was mit Bergdorfs Eintrag passiert sei, man sei daran, dem auf den Grund zu gehen.

Aufruf zum Boykott

L’Oréal wollte nichts mehr mit der Diversity-Botschafterin zu haben, mit der man sich zuvor so gerne geschmückt hatte. Die Begründung entbehrte nicht einer zünftigen Ironie: Man unterstütze Diversität und Toleranz gegenüber allen Menschen unabhängig von deren Rasse, Herkunft, Geschlecht oder Religion, und man sei stolz auf die Diversität der Botschafterinnen, die ihre Kampagne repräsentierten. Man sei aber der Meinung, die Äusserungen von Munroe Bergdorf widersprächen diesen Werten, weshalb man beschlossen habe, die Partnerschaft zu beenden.

Bergdorf bekam Vergewaltigungs-und Todesdrohungen, liess sich aber nicht einschüchtern, sondern rief ihrerseits zum Boykott von L’Oréal auf. Die Firma sei nur aufs Geld aus, man solle «schön lächeln und still sein in einer Diversity-Kampagne, aber bitte nichts über den Ursprung von Rassismus sagen. Es kostet einen den Job.»

Dann trat sie letzte Woche in der BBC-Morgensendung «Good Morning Britain» auf. Und geriet sich mit Moderator Piers Morgan in die Haare. Der war sehr empört, warf ihr vor, ihm als heterosexuellem, weissem Mann automatisch Homophobie, Sexismus und Rassismus zu unterstellen. Das sei beleidigend, überhaupt habe sie mit ihrer Aussage alle Weissen dieser Welt angegriffen. Bergdorf hielt dagegen, versuchte, sich zu erklären, und meinte am Schluss, sie komme sich vor, wie wenn sie den Kopf gegen eine Wand schlagen würde. Die Zuschauer waren genauso erschöpft, aber immerhin: Es konnten sich alle ein wenig als Opfer fühlen.

Fazit der ganzen Sache: Vielleicht sollte L’Oréal Piers Morgan als Botschafter einstellen, da ist eventuell eine neue Randgruppe auszumachen.

Während Munroe Bergdorf daran erinnert werden sollte, dass Heather Heyer, die junge Frau, die in Charlottesville von einem Neonazi getötet worden war, sich nicht nur gegen Rassismus engagierte und dafür mit dem Leben bezahlte. Sondern auch weiss war.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.09.2017, 18:01 Uhr

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