Alles Turbo-Eltern? Stimmt nicht!

Klar gibt es Mütter und Väter, die ihre Kinder vom Ballett zum Musikunterricht hetzen. Sie sind aber, entgegen dem Vorurteil, nicht die Regel.

Will sie selbst eine Primaballerina sein – oder ist das bloss ein Elterntraum? Ehrgeiz, Freud und Leid liegen nahe beieinander. Foto: The Image Works, Visum

Will sie selbst eine Primaballerina sein – oder ist das bloss ein Elterntraum? Ehrgeiz, Freud und Leid liegen nahe beieinander. Foto: The Image Works, Visum

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Ein Spielplatz im Berner Lorraine-Quartier. Eine Mutter sagt zu ihrer Kollegin: «Also, die Sarah, die will jetzt auch noch ins Ballett gehen. Aber am Montag hat sie doch schon Schwimmen. Und in den Kindergarten muss sie auch jeden Tag. Ich finde das einfach zu viel.» Die befreundete Mutter gibt ihr recht: «Kinder sollten vor allem spielen.» Das klingt sehr entspannt. Die Szene widerspricht dem Klischee von modernen Eltern, die ihre Kinder möglichst früh in zig Kurse schicken, damit kein Talent ungenutzt bleibt.

Offenbar gibt es einen Gegentrend. Oder sollten die vielen Mütter und Väter, die bereits Kleinkinder auf Erfolg trimmen, ein Mythos sein?

Der Entwicklungspädiater Peter Weber vom Universitäts-Kinderspital beider Basel begleitet seit Jahrzehnten Familien. Er sieht zwar tatsächlich tendenziell mehr Mütter und Väter, die ihre Kinder antreiben: «Ich habe subjektiv den Eindruck, dass die Sorge, Kinder könnten den Anschluss verlieren, zugenommen hat.» Er betont aber auch, die Schlagzeilen vom «Förderwahn» seien übertrieben: «Die meisten spüren, wann es zu viel wird.» Das heisst, sie begleiten den Sohn oder die Tochter vielleicht in den musikalischen Frühunterricht. Sobald sie jedoch erkennen, dass das Ukulelespiel dem Kind keinen Spass macht oder es sogar überfordert, streichen sie den Kurs.

Benimmregeln beim Sport

«Eltern mit erst einem Kind sind eher noch verunsichert, was sie ihm zumuten können, beim zweiten werden sie in der Regel deutlich lockerer», hält Weber fest. Die meisten Mütter und Väter haben mit jedem weiteren Kind auch automatisch weniger Zeit und Energie, den Nachwuchs zu diversen Freizeitaktivitäten zu begleiten. Vielleicht zeigt sich der Optimierungswahn erst später, mit Beginn der ersten Klasse? Nun soll das Kind Buchstaben lernen, Zahlen addieren und steht dabei im direkten Vergleich mit seinen Kameraden.

Sind die Eltern im Berner Inquartier Lorraine dann weiterhin so entkrampft? In der dortigen Primarschule heisst es: «Wir kennen keine Eltern, die ihre Kinder übermässig pushen oder sich über unsere Notengebung beschweren.»

Natürlich, in Bern ist man gemächlicher unterwegs, weniger konkurrenzorientiert. Aber auch die Chefin des Volksschulamts des Kantons Zürich, Marion Völger, beschwichtigt: «Eltern sind heute generell interessierter an Schulthemen als früher. Sensibler sind viele bei Fragen rund um die Entwicklung und die Leistung ihrer Kinder.» Doch es sei nicht so, dass sie deutlich häufiger Ansprüche an Schulen stellten, die diese nicht erfüllen könnten. Es gebe auch nicht auffallend mehr Anfragen beim Rechtsdienst zur besseren Förderung von Schülerinnen und Schülern. «Anfragen zu Hochbegabung haben ebenfalls nicht zugenommen.»

Den Eltern geht es weniger darum, mit den Leistungen der Kinder zu prahlen, als ihnen Niederlagen zu ersparen.

Auf den Sportplätzen tobt dagegen tatsächlich ein Kampf. Manche Eltern werden ausfällig, wenn sie glauben, ihr Kind komme zu kurz. Die Situation ist so gravierend, dass der Schweizerische Fussballverband Benimmregeln erlassen hat. Die Erziehungsberechtigten müssen sich unter anderem verpflichten, Entscheide der Trainer und der Schiedsrichter zu akzeptieren. Theo Widmer, Leiter der Technischen Abteilung des Fussballverbands Region Zürich, warnt jedoch auch hier vor Dramatisierung: «Es ist wie überall im Leben. 95 Prozent der Leute sind anständig. Daneben gibt es ein paar Chaoten, die auffallen und über die leider alle reden.»

Er sagt, bei den emotionalen Ausbrüchen am Spielfeldrand, über die Medien gerne berichten, spiele nicht nur Ehrgeiz eine Rolle. «Viele Eltern befürchten auch, dass ihr Kind enttäuscht sein könnte.» Denn Müttern und Vätern geht es oft weniger darum, mit den Leistungen ihres Kindes zu prahlen, als darum, es vor einer demotivierenden Niederlage zu bewahren. Das wird im populären Eltern-Bashing aber oft vergessen.

Mit Gymi fängt es an

Dann ist also alles in Butter? Keine Eltern, die Druck ausüben? Doch, es gibt sie, die überambitionierten Mütter und Väter. Ihr Erfolgshunger offenbart sich spätestens, sobald der mögliche Übertritt ins Gymnasium ansteht. Viele Eltern wollen ihr Kind in dieser Phase unterstützen. Wenn sie dabei übertreiben, wird die Hilfe jedoch zur Belastung.

Eine Studie der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung zeigt, dass rund ein Drittel aller Schüler in der Selektionszeit Nachhilfeunterricht besucht. Auch sehr gute Schülerinnen und Schüler lassen sich weiterhelfen. Dabei spielt der Bildungsstand der Mütter und Väter eine entscheidende Rolle. «Eltern, die selber einen Gymnasialabschluss haben, sehen oft nur ein Universitätsstudium als Option», erklärt der Zürcher Bildungsexperte Urs Moser. Da diese Eltern oft einen ihrem Bildungsniveau entsprechenden Beruf ausüben, haben sie in der Regel auch das nötige Geld für professionelle Nachhilfe.

Viele sind froh, den Berufsentscheid aufzuschieben und mit dem Gymnasium ihre Kindheit zu verlängern. 

Ehrgeizig sind also vor allem gebildete Mütter und Väter mit Kindern, welche bald das Ende der obligatorischen Schulzeit erreichen. Und Eltern, die in einer Stadt wohnen. Denn hier gehen deutlich mehr Schüler in die Nachhilfe. Eine Erklärung ist gemäss der Bildungsstudie, dass in urbanen Gebieten die Ambitionen grösser sind.

Franziska Peterhans, Zentralsekretärin des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz, differenziert jedoch: Die Einteilung in ländliche und städtische Gebiete sei zu einfach. «Wie viele Schüler ins Gymi drängen, unterscheidet sich oft von Quartier zu Quartier, je nach sozialer Durchmischung.» Sie findet, man müsse über das höchst erfolgreiche duale Bildungssystem der Schweiz noch besser informieren. «Eltern aus anderen Ländern kennen die Berufslehre aus ihren Herkunftsländern nicht und wollen daher meistens, dass ihre Kinder das Gymnasium besuchen.»

Der Einfluss bleibt begrenzt

Bleibt die Frage, ob die Jugendlichen überhaupt von den Wünschen der Eltern geleitet werden. Wer will denn unbedingt die Matur: Erwachsene oder Adoleszente? Viele Mädchen und Jungen sind schliesslich ganz froh, wenn sie sich noch für keinen Beruf entscheiden müssen und mit dem Gymnasium ihre Kindheit verlängern können. Zahlen dazu gibt es keine. Aber Urs Moser hält fest, dass Eltern nur beschränkt Einfluss haben: «Sie können einen Schüler, der die kognitiven Voraussetzungen, die nötigen Lernstrategien und die Anstrengungsbereitschaft fürs Gymnasium nicht hat, auch mit Nachhilfe nicht dorthin bringen.» Das heisst: Auch die Erziehungsberechtigten, die dem Klischee der überehrgeizigen Antreiber tatsächlich entsprechen, erreichen ihr Ziel nur, wenn ihr Kind ebenfalls will und kann.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.02.2018, 18:49 Uhr

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