Exklusiv

Alles über meine Grossmutter

Weihnachtszeit ist Familienzeit. Und Zeit, vor dem Fest die eigene Oma kennen zu lernen.

Maria Leu-Furger hat fünf Kinder aufgezogen – und als Bäuerin ein Arbeitsleben ohne Ferien verbracht.

Maria Leu-Furger hat fünf Kinder aufgezogen – und als Bäuerin ein Arbeitsleben ohne Ferien verbracht. Bild: Reto Oeschger

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Als sie zum letzten Mal auf dem Velo sass, lebte noch ihr Mann, mein Opa, der Dolf, dreizehn Jahre ist das her. Ein paar Sommer lang schwamm sie noch jeden Morgen ihre Längen in der Badi von Neunkirch und trank unter dem Pepita-Sonnenschirm ihren Kaffee Crème, tief im Schaffhauser Hinterland, dann wurde ihr das Wasser zu kalt. Manchmal fuhr sie noch in die Stadt und legte sich mit einer Freundin in die Luftbläschen des Warmwasserkanals im Hallenbad, dann gab sie das Auto auf, ihre Augen wurden zu schlecht. Sie hat grauen Star und eine Verhärtung der Macula, zusammen gibt das eine Sicht wie eines der Muster, die sie während Jahrzehnten strickte: eine Schraffur in Schwarz und Weiss.

«Bald kommt die Zeit, wo man gar nichts mehr tun kann.»

Kochen kann sie noch, Stricken geht selbst unter der Leuchtlupe nicht mehr, Bücher zu lesen hat sie schon lange aufgegeben, das Klavier hat sie verschenkt, aber manchmal hört sie im Kopf noch ein Echo der Händel-Stücke, die sie früher so gern spielte. Der Fernseher ist für sie zu einer Farbkugel geworden, der «Fall für zwei» zu einem Experimentalfilm. Klar sieht sie nur noch in ihren Träumen, in denen sie noch immer die Pferde striegelt und den Stall ausmistet. Sie sagt: «Bald kommt die Zeit, wo man gar nichts mehr tun kann.»

Es ist ein Abschied in Raten. Alles hört langsam auf. Sie kommt sich in Zeitlupe abhanden. Die Äderchen treten hervor, der Körper wird kleiner, die Hände werden durchsichtig wie Pergament. Vor zwei Wochen ist sie 82 geworden, Maria Leu-Furger, meine Oma, die sich in ihrem Leben nie über etwas beklagt hat und mit der ich mehr zu lachen habe als mit den meisten.

Omeletten und TV à gogo

Es ist ein kalter und klarer Wintertag. Zusammen spazieren wir durchs Dorf mit Janka, ihrem kleinen weissen Hund. Auf einmal grüsst meine Oma eine Frau, die zwei Dutzend Meter von uns entfernt am Zebrastreifen steht: «Hoi Hanni!» Wir gehen vorbei, und ich frage sie, wie sie die Frau überhaupt erkannt habe. «Weisst du, so krumme Beine wie die Hanni hat sonst keine.»

Früher war ich oft bei meinen Grosseltern. Hier gab es Omeletten à gogo, eine Packung Kägifret war immer griffbereit, Opa wollte ständig «Tschau Seppli» spielen, und ich durfte fernsehen, so lange ich wollte. Es machte auch nichts, wenn ich ohne Zähneputzen zu Bett ging. Nur beim Nasebohren war Oma streng: «Finger raus!» Oder sie sagte: «Schreibst du mir einen Brief, wenn du oben bist?»

Rebellion

Später versuchte ich mich als Rebell und besuchte meine Grosseltern eine Weile nicht mehr. Ich liess mich zwar jeweils mitschleppen, wenn Weihnachten war. Aber ich ging oft nach draussen, um eine dieser selbst gedrehten, asymmetrisch glühenden Zigaretten anzustecken, die ich damals meinte rauchen zu müssen. Ich war froh, wenn das Ganze wieder für ein Jahr erledigt war. Die Stimmung am Familientisch kam mir bleiern vor.

In letzter Zeit besuche ich Oma wieder öfter, einmal oder zweimal im Monat. Manchmal habe ich Angst, dass mir ihre Welt entgeht, dass mir ihre Erfahrungen einfach entgleiten. Oft bringe ich ein paar Bücher mit, aus denen ich ihr dann vorlese, bis mir der Hals wehtut. Und irgendwann habe ich angefangen, sie auszufragen.

Fragen über Fragen

Fragen wie: Was ist der Geruch deiner Kindheit? Wann setzt deine Erinnerung ein? Wann warst du am glücklichsten? Was ist dir am schwersten gefallen im Leben? Was war Luxus für dich? Woran denkst du, wenn du im Bett liegst und nicht schlafen kannst? Warum gehst du nicht mehr in die Kirche? Fühlst du dich einsam? Was war der Höhepunkt der letzten Woche?

Was sie noch weiss: Wie sie am ersten Schultag die Eltern blamierte. Die Lehrerin fragte, was für Früchte auf den Bäumen wachsen. Das Marieli war die Einzige, die den Arm hochstreckte. Ihre Antwort war: «Erdapfel!» Ihrem Vater, dem Oberlehrer, glühten die Ohren vor Scham.

Keine freie Minute

Wie jedes Jahr eine Frau in die Schule kam, die den Übernamen Laustante trug. Die suchte die Schöpfe der Schüler nach den Biestern ab.

Wie sie, die Älteste, die Schwester von fünf Buben, die Hälfte des Haushalts besorgte. Jeden Sonntag die Küche putzte, die Stube in Ordnung brachte, die Fransen des Teppichs kämmte, einmal die Woche alle Schuhe sauber machte, den Kabis im Keller an eine Leine hängte, damit er nicht so schnell verfaulte, die Bettdecken der Buben schüttelte, ihnen abends Socken strickte, ihre Schiefertafeln putzte und die Griffel für sie spitzte.

Kriegszeit

Wie die Sirenen heulten und sie in den Keller laufen musste, wenn Fliegeralarm war. Am Ende des Krieges warfen die Alliierten Bomben auf Schaffhausen, weil sie meinten, dass alles, was nördlich des Rheins liegt, zu Deutschland gehöre. Eine Schulfreundin starb damals, die Elisabeth.

Wie sie auf einer Kirchenchorreise in den Rhein sprang, einem Mitschüler in den Fuss biss, sich den Kiefer ausrenkte und den Rest des Tages mit offenem Mund verbrachte.

Kartoffelkäfer gesammelt

Wie sie als Schülerin auf den Feldern arbeiten musste, weil damals die Klassen abkommandiert wurden, um zum Beispiel die Kartoffelkäfer einzusammeln, dagegen gab es ja noch kein Gift. Wie sie jedes Wochenende in die Kirche musste, um im Chor zu singen, während ihr Vater die Register der Orgel zog. Sie weiss noch: Wie sie hinter den Notenblättern Grimassen zog. Aber auch: Wie selten sie ausging. Als Jugendliche war sie nur einmal nachts unterwegs und schaute in den Himmel über dem Rheinfall, während das 1.-August-Feuerwerk in die Nacht geschossen wurde. Sonst war sie immer daheim. Ihre Mutter sagte: «Es gibt genug zu tun.»

Sechzig Jahre später: Wir gehen durchs Dorf, vorbei an der Hauptgasse ohne Verkehr, vorbei an der Badi ohne Wasser. Janka, der kleine weisse Hund, zieht an der Leine. Vor ein paar Monaten stürzte Oma, musste zum Arzt. Der fand nichts. Der linke Arm schmerzte während Wochen, doch sie sagte nichts, besorgte weiter den Haushalt, machte den Kehr, sonntags kochte sie für die Familie, werktags erledigte sie ihre Kommissionen. Als der Arm nicht zu rumoren aufhörte, ging sie erneut zum Herrn Doktor. Dieses Mal röntgte er sie und sah: Ein Knochen war entzwei.

«Er war so treu, froh und ‹gschaffig›»

Wer ein Leben lang auf die Zähne gebissen hat, den bringt ein gebrochener Arm auch nicht aus dem Gleichgewicht. Wir gehen aus dem Dorf und einen Feldweg entlang. Oma kennt Janka mittlerweile so gut, dass sie an der Spannung der Leine merkt, wenn sich der Hund für ein Geschäft hinkauert. Sie unterbricht kurz das Gespräch, hält das Robidogsäcklein unter Jankas Hintern und schnürt es dann zu. «Wenn ich es nicht so machen würde, würde ich den Dreck ja nie finden, gäll.»

Als sie so alt war wie ich, 26, hatte sie schon ein Jahr in Genf gelebt, ein Jahr in London als Aupair gearbeitet, in Zürich die Lehre als Röntgenassistentin gemacht. Als sie 27 war, wusste sie schon etwa, wie der Rest ihres Lebens aussehen würde. Den Dolf, den Bauernsohn zu heiraten, das hiess Bäuerin zu werden und es zu bleiben. Sie hat nie daran gezweifelt, dass der Dolf der Richtige für sie war: «Er war so treu, froh und ‹gschaffig›!»

Sie hat ein Arbeitsleben ohne Ferien verbracht, so gut wie immer auch am Wochenende gearbeitet, im Kino war sie etwa ein Dutzend Mal.

Tischgebete, Teppichklopfer

Fünf Kinder zog sie auf, mit Tischgebeten und Teppichklopfer, Hingabe und Selbstlosigkeit. Wenn es sein musste auch mal mit einer Ohrfeige, der Dolf war ja viel zu sanft dafür, segnete immer alles ab. Meine Oma hatte die Hosen an, war die «Tätschmeisterin», der Bauernhof ein Matriarchat en miniature. Aus jedem Kind ist etwas Rechtes geworden. Ihr Ältester, der Christoph, hat es sogar zum Chefkoch in Amerika gebracht. Sie sagt: «Ich hätte es gern noch mal genau so. Trotz dem ganzen ‹Chrampf›.»

Wir spazieren ins Dorf zurück. Der Wind zupft an ihrem Haar und rötet ihr Gesicht. Wir kommen vorbei am Café, in das sie geht, wenn sie Leute treffen will, sonst ist sie meist allein, wenn nicht gerade die Kinder zu Besuch da sind. Hier im Café sitzen ihre Kaffeetanten, die nicht mehr gut hören und immer dasselbe wissen wollen: «Wie viele Kinder hast du schon wieder? Wann ist schon wieder dein Mann gestorben?» Das wiederholt sich Woche für Woche. Manchmal kommt sich Oma wie ein Sisyphus in einer Welt aus Kaffeeschaum und Gemütlichkeit vor. Ein Sisyphus im Café Schöggeli.

Der Wind blies das Heu weg

Als sie auf dem Feld arbeitete, brannte ihr der Schweiss in den Augen. Weil es dafür noch keine Maschinen gab, riss sie die Rüben mit den Händen aus der Erde. Sie stellte die Garben zu Puppen auf, damit der Regen sie nicht durchnässte. Der Westwind, der ständig durch den Klettgau pfiff und durch das Dorf Guntmadingen, an dessen Rand ihr Hof stand, blies ihr das Heu oft davon. Das Schönste war, wenn die «Öhmd» eingefahren war und der Herbst kommen konnte. Manchmal sind sie dann auswärts essen gegangen, meine Grosseltern. Das war der Luxus, den sie sich leisteten. Die Arbeit war hart, aber auch sinnlich.

Das Härteste war etwas anders: wenn die Kinder weggingen. Fünfmal erlebte sie das, immer zog es ihr das Herz zusammen. Als die Älteste auszog, das Urseli, um mit ihrem Freund, dem Koni, eine Wohnung zu nehmen, war sie traurig und im Begriff, die Beziehung zu ihrer Tochter abzubrechen. Ihre Werte, mit denen ihre Eltern sie imprägniert hatten, verlangten die Ehe. Doch als ihr die Tochter zu entgleiten begann, änderte sie ihre Einstellung. Es war, als ob damit das Bröckeln des Glaubens eingesetzt hätte, das Aufweichen der Orthodoxie. Der Wandel auch ihres Charakters, von der «Tätschmeisterin» zur Milde in Person.

Ein Gebet vor dem Einschlafen

Als ihre Mutter starb, Mitte der Neunzigerjahre, hörte sie, auf in die Kirche zu gehen. Irgendwann musste ich an Weihnachten auch nicht mehr aus der Bibel vorlesen. Dann liessen wir das Singen sein, es hatte sowieso immer schrecklich geklungen. Später erübrigten sich auch die Geschenke. Geblieben ist die himmlische Champignonsuppe. Und geblieben sind die Gebete, die sie nach dem Aufstehen und vor dem Einschlafen aufsagt, ganz für sich. Eines davon geht so:

Bevor ich mich zur Ruh begeb, ich Hand und Herz zu Gott erheb. Ich sage Dank für jede Gab, die ich von Dir empfangen hab. Und hab ich heut beleidigt Dich, verzeih mirs, Gott, ich bitte Dich. Dann schliess ich froh die Augen zu, ein Engel wacht ja, wenn ich ruh.

Wir kommen heim. Oma zieht die Pantoffeln an. Aus einer Büchse nehmen wir zwei Teebeutel, einen «Traumtee» für sie, einen «Purlimuntertee» für mich. Ich hole die Bücher hervor. Die Uhren ticken aus allen Ecken. Nach ein paar Stunden schmerzen meine Stimmbänder. Aber ich sehe, dass sie gern noch mehr hätte. «Magst du noch?» – «Ja, ich mag noch.» Später, um zwanzig vor elf, fährt mein Zug. Zum Abschied umarmen wir uns. «Bis bald!» – «Bis bald!» Als ich schon in der Tür stehe, fragt sie noch: «Hast du ein Nastuch dabei?»

Erstellt: 22.12.2010, 09:02 Uhr

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